Gleich am Beginn der letzten Finanzkrise haben viele vermutet, dass sie zur Wiederkehr ideologischer Diskussionen und Konflikte führen wird. In den USA spürt man diese Wiederkehr der Ideologien inzwischen viel deutlicher als in Europa. Das heutige Amerika ist auf eine so radikale Weise gespalten wie wahrscheinlich nie zuvor. Wer die amerikanischen Medien verfolgt, wird mit immer unversöhnlicher klingenden Botschaften regelrecht bombardiert. So fühlt sich der amerikanische Bürger inmitten eines ideologischen Medienkrieges von unvertrautem Ausmaß.

Eigentlich wirkt dieser Medienkrieg auf den Bürger noch beunruhigender als die ökonomische Misere. Die Gründe für diese Misere und ihre Folgen bleiben dabei undurchsichtig. Spezialisten jonglieren mit Zahlen, die dem Publikum kein klares Bild der ökonomischen Wirklichkeit vermitteln. Die Analysen dieser Zahlen widersprechen sich ständig – inzwischen hat man gelernt, dass die gleichen Zahlen benutzt werden können, um zwei entgegengesetzte Meinungen gleichermaßen glaubhaft zu belegen. Den ökonomischen Prophezeiungen glaubt man noch weniger. Lieber vertraut man überhaupt keinen Zahlen und Fakten mehr, sondern zieht sich in die Tiefe der eigenen Seele zurück und fragt sich: Woran glaube ich eigentlich – jenseits aller Zahlen und Fakten? Was soll man denken und tun, weil man es denken und tun soll – nicht weil es vernünftig oder effizient, sondern weil es in einem tieferen, moralischen, ideologischen Sinne richtig ist. Der US-Wahlkampf war ein Lehrstück einer solchen kollektiven Seelenforschung auf der Suche nach einer wahren Überzeugung. Dem externen Beobachter fällt es nicht schwer zu sagen, dass die Ergebnisse ziemlich irrational aussehen. Aber wenn sich die Realität selbst als undurchsichtig und irrational präsentiert, greift man automatisch auf seine ideologischen Grundüberzeugungen zurück, um seine innere Würde und Autonomie zu behalten.

Soweit ist also die Vermutung bestätigt worden, dass wir uns nach einer Rückkehr der Religionen auf eine Rückkehr der Ideologien gefasst machen mussten. Allerdings sehen die ideologischen Fronten und ihre Protagonisten heutzutage etwas anders aus, als es von den meisten vermutet wurde. Die Finanzkrise wurde zunächst hauptsächlich als Krise des Kapitalismus aufgefasst. Dementsprechend hat man erwartet, dass die Sache der Kapitalismuskritik gestärkt wird. Das ist in der Tat teilweise passiert. Aber in einem weit größeren Ausmaß wurde durch die Krise eine radikale Kapitalismusaffirmation gestärkt. Besonders in den USA ist man mit einem wahrhaften und teilweise wahnhaften kapitalistischen Fundamentalismus konfrontiert – mit einem Glaubensbekenntnis zum Kapitalismus um jeden Preis. Fast möchte man sagen, dass sich der real existierende Kapitalismus im Moment seiner tiefsten Krise aus der ökonomisch-politischen Realität ins Reich der reinen Ideen geflüchtet hat.

Diese Emigration hat ihm nicht geschadet, im Gegenteil: Sie hat ihn gestärkt. Aus der Perspektive des kapitalistischen Fundamentalismus bleibt die Welt auch nach dem Fall von Nationalsozialismus und Kommunismus (man unterscheidet nicht so genau) vom bösen Staat – oder vielmehr von bösen Staaten – beherrscht. Demnach agieren die USA in einer Welt, die vom chinesischen und russischen Autokratismus, vom islamischen Radikalismus und vom europäischen Sozialismus geprägt ist. Alle diese Kräfte sind letztendlich antikapitalistisch – und damit antiamerikanisch.

Das Schlimmste aber scheint die Tatsache zu sein, dass der amerikanische Staat selbst von einer kryptosozialistischen, möglicherweise sogar kryptomuslimischen, auf jeden Fall aber antikapitalistischen Obama-Regierung beherrscht wird. In diesem Sinne kann man sagen, dass für die Rechte der Kapitalismus nie wirklich stattgefunden hat – er blieb eine Idee, ein unerfülltes Versprechen. So fühlen sich die Fox-News- und Tea-Party-Leute als Aufständische und Partisanen in einem vom Feind beherrschten Land – als Soldaten der amerikanischen Revolution, die noch nicht endgültig gesiegt hat. Nicht zufällig beschwören sie die ehrwürdigen Geister der Väter der amerikanischen Revolution und Verfassung. Und nicht zufällig nennen sie sich Tea Party – wie ihre Vorfahren damals von den Engländern fühlen sie sich von Obama unrechtmäßig besteuert.