DIE ZEIT: Frau Kahl, nach Pisa ist die Ganztagsschule von vielen als Mittel für bessere Leistungen und mehr Chancengleichheit gepriesen worden. Jetzt ziehen Sie auf dem 7. Ganztagsschulkongress in Berlin Bilanz. Wie sieht es aus?

Heike Kahl: Allein die Zahlen sprechen Bände. Von den rund 36.000 allgemeinbildenden Schulen bietet mittlerweile fast jede zweite ein ganztägiges Angebot. Jedes dritte Kind kann an solchen Programmen teilnehmen. Vor dem Investitionsprogramm des Bundes zwischen 2003 und 2007 war die Situation gänzlich anders. Damals hatten nicht einmal halb so viele Schulen ein Ganztagsangebot. Infrastrukturell ist bei Mensen, Turnhallen und der Technikausstattung durch die vier Milliarden Euro Entscheidendes vorangebracht worden.

ZEIT: Zahlen sind das eine, die Mentalität der Pädagogen das andere. Lange war »Ganztag« ein Kampfbegriff. Hat sich hier etwas verändert?

Kahl: Auch dabei hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Damals hat der Begriff polarisiert. Doch während in den ersten Jahren gesagt wurde: Die Strukturen sind nicht gut und die Lehrer nicht dafür ausgebildet, deshalb lassen wir lieber alles, wie es ist, sagt man heute: Es liegt immer noch viel im Argen, aber wir packen es einfach an.

ZEIT: Ganztagsschule bedeutet für Lehrer eine Mehrbelastung, denn sie haben eine größere Anwesenheitspflicht. Welche Widerstände gibt es?

Kahl: Natürlich ist es für die Lehrer nicht einfach, sich auf die neue Situation einzustellen. Aber diejenigen, die sich darauf einlassen, sagen einhellig, dass nur der erste Schritt schwer war. Wenn die Kooperationen erst einmal angelaufen sind und die Zusammenarbeit innerhalb der Schule funktioniert, berichten die Lehrer von einer Entlastung, die sich durch die besseren Abläufe ergibt.

ZEIT: Als Pisa den deutschen Halbtagsschulen ein schlechtes Zeugnis ausgestellt hat, haben die Pädagogen hierzulande neidisch ins Ausland geschaut und sich bessere Ergebnisse erhofft. Was hat der Umbau hier denn faktisch gebracht?

Kahl: Wenn man nur die Leistung betrachtet, dann muss man festhalten, dass der Nachweis, Schüler würden in Ganztagsschulen besser abschneiden, noch nicht endgültig erbracht wurde. Neben der puren Leistung gibt es aber viele Bereiche, in denen die Ganztagsschule definitiv stärker ist als ihr halbtägiges Pendant. Im sozialen Bereich zum Beispiel. Eins sollte dabei auch nie vergessen werden: Volkswirtschaftlich ergibt sich der Nutzen allein schon daraus, dass Alleinerziehende mit erheblich weniger Problemen einer geregelten Arbeit nachgehen können. Ohne die Ganztagsschule ist eine Vereinbarung von Familie und Beruf kaum möglich.