Subventionen: Der Kulturkampf
Müssen Städte wie Flensburg ein Opernhaus haben? Die Schlacht um die Subventionen hat begonnen.
© Dennis Williamson für DIE ZEIT

"Nabucco" soll die Flensburger Oper retten. 15,50 Euro kostet die günstigste Karte. 99,95 Euro gibt der Staat dazu
Also Nabucco. Der neue Generalintendant hat sich das genau überlegt. Mit welcher Oper er einsteigt, ist wichtig. Eine große Produktion muss es sein, eine Produktion, die was hermacht. Kein Mozart, das wäre nicht groß genug. Auch nichts Modernes. Den Fehler hat der Generalintendant schon mal gemacht, Mitte der neunziger Jahre in Bremerhaven, als er gleich zwei Opern aus dem 20. Jahrhundert zeigte. Am Ende der Saison wurde das Stadttheater zum Opernhaus des Jahres nominiert und hatte 8000 Zuschauer weniger. So etwas kann sich der Generalintendant nicht mehr leisten. Nicht jetzt, nicht hier, in Flensburg, am Landestheater Schleswig-Holstein.
Nein, es sollte schon das 19. Jahrhundert sein. Was Italienisches mit Gefühl. Also Verdi. Dummerweise sind die beliebtesten Verdi-Opern gerade in Flensburg gespielt worden. La Traviata und Rigoletto hatte der Vorgänger des Generalintendanten schon auf den Spielplan gesetzt. Und der Rigoletto gefiel den Flensburgern nicht einmal, obwohl er doch ein Klassiker ist, eine von den zehn bis zwanzig Opern, die immer wieder gezeigt werden. Der Flensburger Rigoletto spielte in einer Nazikneipe, Rigoletto war Türke, seine Tochter hielt er im Keller gefangen, und am Ende buhten die Flensburger so laut wie Schalke-Fans, wenn der Erzrivale Borussia Dortmund aufläuft. Mit solchen Inszenierungen hat der Vorgänger des Generalintendanten viele Opernfreunde vergrault.
Dann gibt es noch Nabucco. Auch eine berühmte Verdi-Oper. Nabucco spielt in vorchristlicher Zeit und handelt von der Unterdrückung der Hebräer durch die Babylonier. Am berühmtesten ist der Gefangenenchor, »Steig, Gedanke, auf goldenen Flügeln«, gerade erst hat man ihn in der Flensburger Fußgängerzone gehört. Jeden Freitag demonstrieren dort Dutzende Mitarbeiter für ihr Theater, sie singen den Gefangenenchor und das Schleswig-Holstein-Lied. Der Generalintendant sagt, der Gefangenenchor sei in Flensburg »fast ein Fanal« geworden. Er sieht durchaus eine Parallele zwischen den unterdrückten Juden in Nabucco und dem Landestheater Schleswig-Holstein, das ja ebenfalls bedroht ist. In beiden Fällen, sagt er, gehe es um Freiheit und kulturelle Identifikation.
- Opern-Paradies
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In keinem anderen Land gibt es so viele Opernhäuser wie in Deutschland. Von den 560 Musiktheatern, die weltweit existieren, stehen 84 hierzulande. Anders gesagt: Jedes siebte Opernhaus auf der Welt ist ein deutsches. Und in dieser Zahl sind die privat finanzierten Häuser noch nicht einmal enthalten.
In der jüngsten statistisch erfassten Spielzeit 2007/08 sahen 4,4 Millionen Menschen 6500 Opernvorstellungen in Deutschland. Acht Prozent der Bevölkerung – auch dies weltweit Spitze – sind regelmäßige Opernbesucher.Diese Vielfalt ist ein Relikt der deutschen Kleinstaaterei. Der Großteil der Staatsopern geht auf ehemalige Hof- und Residenztheater zurück. Nach dem Ende der Fürstenherrschaft wurden die meisten von ihnen in Staatstheater überführt. Berlin hat gleich drei Staatsopern, München die größte und älteste (gegründet 1657). Die kommunal verwalteten Stadttheater hingegen entstanden zumeist auf private Initiative im 19. Jahrhundert. Viele von ihnen wurden ebenfalls in der Weimarer Republik von den Stadtverwaltungen übernommen.
- Kosten
Keine Kunst ist so teuer wie die Oper. Der größte Teil der staatlichen Kulturausgaben entfällt auf die Theater; bei denen wiederum sind die Kosten für die Oper der größte Brocken. Der Jahresetat eines Opernhauses schwankt zwischen 6 Millionen Euro an kleineren Häusern (wie Lüneburg oder Annaberg) und mehr als 80 Millionen Euro an großen Bühnen (wie Stuttgart oder München). Die Theater und Opern in Deutschland kosten im Jahr mehr als 2,5 Milliarden Euro, rund drei Viertel davon sind Personalausgaben.
- Subventionen
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Nur knapp 20 Prozent dieser Kosten erwirtschaften die Opernhäuser aus eigener Kraft. So wird jede Eintrittskarte heute mit durchschnittlich 100 Euro subventioniert.
Das »ökonomische Dilemma« der darstellenden Künste bestehe darin, erklärt der Deutsche Musikrat, dass »Produktivitätssteigerungen in ihrem Kernbereich«, also der Bühnendarstellung, »so gut wie unmöglich« seien.
Während die Industrie in den vergangenen 200 Jahren immense Produktivitätssteigerungen verzeichnet habe, erfordere die Aufführung einer Oper nach wie vor die gleiche Personalstärke und den gleichen Arbeitsaufwand »wie zum Zeitpunkt ihrer Uraufführung vor 150 oder 200 Jahren«.
Der Generalintendant heißt Peter Grisebach, ist gelernter Konzertpianist und Balletttänzer, bei mehr als hundert Opern hat er Regie geführt. Zuletzt hatte er das Angebot, Alban Bergs Lulu in Südkorea zu inszenieren. Stattdessen ist er in Schleswig-Holstein und inszeniert die Rettung des Landestheaters. Es ist April dieses Jahres, im Foyer steht ein Plakat: »Noch 31 Wochen bis zur Entscheidung am 30.11.2010. Helfen Sie uns!« Die Zahl 31 steht auf einem losen Blatt, Woche für Woche wird sie durch niedrigere Zahlen ersetzt werden, und Ende November wird dort die Null stehen. Dann wird der Aufsichtsrat tagen.
Der Bariton, der den Nabucco singt, hätte gern maßgefertigte Schaftstiefel
1,4 Millionen Euro pro Jahr sind es, die dem Landestheater fehlen. Wenn das Land die Zuschüsse nicht erhöhe, sagt der Generalintendant, müsse der Aufsichtsrat den Opernbetrieb einstellen, um die Insolvenz zu vermeiden. 85 Mitarbeiter müssten gehen, knapp ein Viertel der Belegschaft. Und dann? Der Generalintendant macht eine Pause, dann buchstabiert er dem Reporter die Katastrophe ins Notizbuch: »Der gesamte Norden Schleswig-Holsteins«, Pause, »die Mitte Schleswig-Holsteins«, Pause, »und der Westen«, Pause, »würden von der Versorgung mit klassischem Musiktheater abgeschnitten.«








Fordert etwa jemand die Abschaffung der Polizei und ihres sehr wichtigen, aber sich nicht selbst finanzierenden, sondern stets subventionierten Apparats? Schlägt jemand vor, dass wir die Justiz abschaffen, die sich auch nicht selbst unterhält? Ein Land benötigt nun einmal gewisse Dinge, damit es ein Land ist und keine Bananenrepublik. Ich selbst gehe nur unregelmäßig in die Oper, finde aber dringend, dass es sie geben muss, nicht nur in den Metropolen. Wer übrigens vorschlägt, die Häuser sollten mehr spielen, hat keine Ahnung von der Materie. Mehr spielen heißt: mehr Umbauten auch nachts, mehr Personal, mehr Nachtzuschläge, folglich: höhere Kosten.
Die Rechte des friesischen Volkes auf Kultur sind den neoliberalen Sparmonstern egal. Am besten alle nur noch Englisch reden.
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