Wenn es etwas gibt, das betroffenen Kindern oder erwachsenen Überlebenden von sexuellem Missbrauch ganz sicher den Mund verschließt, dann ist es ihre Angst, Lügner genannt zu werden. Nun stellt ausgerechnet ein Psychologe, noch dazu der wissenschaftliche Berater der Bundesbeauftragten zur Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs, die Verknüpfung her zwischen Lügen und sexuellem Missbrauch.

In einem Interview, in dem es ganz allgemein um das Thema Lügen geht, wurde der Ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Ulm, Jörg Fegert, gefragt, wann Lügen krankhaft wird. Seine Antwort: "Es gibt Menschen, die fast in jeder Lebenssituation lügen. Sie haben häufig jahrelange Misshandlung oder sexuellen Missbrauch erlebt und mussten lügen und vertuschen. Wenn wir solche Kinder oder Jugendliche auf Station haben, erwecken sie erst ein enormes Mitleid in der Gruppe, dann spaltet sich die Stimmung aber, und am Schluss mag sie keiner. Hinzu kommt, dass man ihnen auch tatsächliche Ereignisse nicht mehr glaubt."

Als Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Kindheit kann ich kaum fassen, was ich da lese. Fakt ist: Wer sexuellen Missbrauch erlebt, ist Opfer von Straftätern. Ein besonderes Verhalten von Missbrauchsopfern muss zuallererst als Folge der erlittenen Straftaten und als Reaktion auf ein Trauma verstanden werden. Die Traumaforschung weiß längst: Verrückt ist nicht das Trauma-Opfer. "Verrückt" ist die Situation, mit der es konfrontiert war. Was wie "lügen" und "vertuschen" aussieht, kann in Wirklichkeit Schweigen aus Angst oder ein Signal der Not sein.

Das Problem ist, dass die meisten Leser des Interviews über all dies nicht Bescheid wissen. Daher beschädigt Fegerts Aussage alle Opfer. Denn der Leser erfährt nur, dass sie unehrlich und manipulativ sind. Er begreift, dass sie zwar Mitleid erwecken, dieses aber nicht verdienen. Falls er ohnehin eine Skepsis gegenüber Betroffenen hat, wird er sich bestätigt fühlen.

Fegert als Berater der Bundesregierung zeichnet hier ein Bild von den Missbrauchsopfern, das mit deren Realität nur wenig gemein hat. Die meisten treffen nämlich keineswegs auf "enormes Mitleid", sondern auf Abwehr, Ausgrenzung und Stigmatisierung. Ihnen werden tatsächliche Ereignisse von Anfang an nicht geglaubt – aber nicht, weil sie lügen, sondern weil sie eine Wahrheit anzubieten haben, die niemand hören will.

"Am Schluss mag sie keiner": Ich merke, wie mir die Tränen kommen, wenn ich das lese. Aber ich werde auch wütend, weil wieder der falsche Blickwinkel dazu führt, dass Betroffene nicht verstanden werden. Was mir wirklich heilig ist, ist die Integrität der Opfer. Missbrauchte Kinder werden von Erwachsenen zu "Lügnern" gemacht. Sie verdienen und brauchen Hilfe, keine weitere Stigmatisierung.

Petra Forberger, 49, Journalistin, engagiert sich in verschiedenen Betroffenenforen wie NetzwerkB