Alle aufstellen zum Gruppenfoto: die Harry-Potter-Familie posiert für Teil 7 © 2010 Warner Bros. Ent.

Groß wie ein Zeppelin steht das fliederfarbene Festzelt auf dem grünen Rasen. Die hohen Maste sind mit Wimpeln geschmückt, die Tische eingedeckt mit Sektschalen, Etageren voll Petits Fours und Blumen. Eine Tischdecke ist wie vom Feuer verkohlt, an einem Ende des Zelts liegt ein zu Boden geworfener Kuchen. Es wirkt, als hätten die Gäste das Fest eben erst in aller Eile verlassen. Wohin sind sie entschwunden, was haben sie gefeiert, und warum wurde nicht aufgeräumt? Wir treten aus dem Zelt, verstreuen uns wie Detektive in alle Richtungen auf dem Rasen, stoßen ringsum an eine Wand aus fast mannshohen Sumpfgräsern. Sie reichen bis zum Horizont. Diese Gräser erkennen wir, lösen das Rätsel: Es sind die Felder rund um das Haus der Familie Weasley. Sie waren zu sehen in dem bisher letzten, sechsten Harry-Potter-Film. Wären wir nur wenige Tage früher gekommen, hätten wir der Hochzeit von Bill Weasley und Fleur Delacour beigewohnt.

Vielleicht aber ist es besser so: Schließlich stürzten mitten während des Festes Voldemorts Todesser aus dem Himmel auf die Feiernden herab. Doch wo sich der Himmel in Richtung Weltall öffnen müsste, stößt unser Blick auf eine Decke voller Gerüste. Riesige Scheinwerfer sind daran montiert. Für die Filmaufnahmen dieser Hochzeit, die im ersten Teil von Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Kinostart 18. November) zu sehen sein wird, wurde die Freiluftszene mit Festzelt in einem alten Flugzeughangar nachgebaut, der wiederum auf einer natürlichen Wiese steht. Wir befinden uns in einer der vielen Hallen der Leavesden-Studios nordwestlich von London; außer Harry Potter wurde hier auch schon mancher James Bond gedreht.

Hallen, Werkstätten, Kulissen, Kostümkammern, Lagerräume – sie verwirren den Sinn für die Realität. Manches, was echt wirkt, entpuppt sich als Trick und mancher vermeintliche Trick als echt. Unmengen von Bastelkleber halten Gras und Sumpf im Boden fest. Die in zarten Farben eingewickelten Hochzeitsgeschenke im Wohnzimmer der Weasleys enthalten leere Schachteln, doch in der Küche duften überreife Erdbeeren unterm Fliegennetz. Über krumme, enge hölzerne Leitern und Treppen führen 50 Stufen (eigenfüßig gezählt) in die oberen Stockwerke der Weasleys und verlieren sich im Nichts. Die gelehrten Bände in Dumbledores Regalen entpuppen sich aus der Nähe nicht etwa als Fototapete, sondern wurden aus alten Telefonbüchern von Hand gebastelt und sorgsam mit Rücken und Einband versehen. Voller Ehrfurcht sitzen wir der Reihe nach auf Dumbledores Schreibtischstuhl Probe. "Seid ihr Journalisten oder Kinder?", zieht uns eine Pressesprecherin auf. Beides, in diesem Moment.

Oder vielleicht sogar: an diesem Tag. Es ist keine Alltäglichkeit, Zutritt zu einem Harry-Potter-Dreh zu erhalten, und für den Fan ein entsprechend erhebendes Ereignis. Nur selten werden Journalisten durch die Leavesden-Studios geführt, und auch uns gegenüber betreibt man eine unglaubliche Geheimniskrämerei. Natürlich dürfen wir keine Fotos machen, nicht einmal von Gegenständen in den Vitrinen oder von Kulissen. Von den Schauspielern gar nicht zu reden. Den Besucherpass müssen wir nachher wieder abgeben, und in den Lagerräumen dürfen wir nicht mal unbegleitet zu den Toiletten gehen! Nur in die Toilettenkabine selbst kommt niemand mit, darum habe ich eine einzige verbotene Aufnahme gemacht: Ich habe mit dem Handy meinen Besucherpass fotografiert. Man sieht nichts darauf, mein Name war eh falsch geschrieben. Ich habe bereits zugegeben, dass man unter solchen Umständen etwas kindlich, sogar: kindisch wird.

In einem von zwei Säulen mit Eulenköpfen bewachten Raum begegnen wir den Schauspielern, die am heutigen Tag von elf Uhr vormittags bis in die Nacht hinein drehen. Wenn sie einige Minuten am Set Pause haben, werden sie uns zugeführt: Emma Watson (Hermine), Daniel Radcliffe (Harry) und Tom Felton (Draco Malfoy). Aus der Nähe sehen sie viel jünger aus als in den Filmen, und auch kleiner, zarter, fast zerbrechlich. Wie sie da zwischen uns Erwachsenen sitzen und Rede und Antwort stehen, möchte man sie fast beschützen; dabei sind sie doch unendlich routiniert und haben schon manchen Stunt gedreht, vor dem wir kneifen würden. "Ach, ich mag die Stunts", seufzt Emma Watson, die – der Filmheldin Hermine gleich – im Jahr 2008 die besten A-Levels Englands absolviert hat. "Sie sind eine schöne Abwechslung zu den komplizierteren emotionalen Szenen. Jemand ruft: 'Lauft!', und wir laufen."