Am ergiebigsten ist immer der Streit um Worte, die niemand gesagt hat. Was die Bild- Zeitung, sabbernd vor Begeisterung, schon als »bizarren Sex-Streit« zwischen der Feministin Alice Schwarzer und der Familienministerin Kristina Schröder annonciert, beruht auf der wechselseitigen Unterstellung von Positionen, die in Wahrheit keine von beiden eingenommen hat. In einem Interview mit dem Spiegel hat die Ministerin suggeriert, Alice Schwarzer habe in ihren Büchern die These vertreten, »dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau«. Das wäre in der Tat eine These, die landläufiger Empirie nur schwer zugänglich ist. Man kann es Alice Schwarzer nicht verdenken, dass sie sich in einem offenen Brief gegen die geistige Urheberschaft an solchem Unfug verwahrt.

Wenn überhaupt, dann hat Schwarzer – sinngemäß vereinfacht – die Beobachtung beklagt, dass in heterosexuellen Liebesbeziehungen Frauen oft die größeren Opfer bringen und die passivere Rolle spielen. Dass dies immer so ist und naturnotwendig sein muss, hat Alice Schwarzer niemals behauptet – denn sonst wäre ja auch ihr Kampf gegen das Patriarchat und für die Emanzipation der Frau sinnlos, weil immer schon an den Grenzen des Naturgegebenen scheiternd. Der einzige Ausweg aus dem erotischen Unterdrückungsverhältnis, der Frauen dann noch bliebe, wäre die lesbische Liebe. Und was tut die Familienministerin? Sie beruft sich auch prompt auf »eine radikale Strömung, die in dieser Richtung argumentiert hat und die Lösung darin sah, lesbisch zu sein«.

Hat man sich den Gegner einmal auf diese Weise zurechtgelegt, ist es leicht, zu triumphieren. Niemand wird Ministerin Schröder widersprechen wollen, wenn sie zusammenfasst: »Dass Homosexualität jetzt aber die Lösung der Benachteiligung der Frau sein soll, fand ich nicht wirklich überzeugend.« Dummerweise hätte und hat allerdings auch Schwarzer diese Lösung niemals überzeugend gefunden. Es gab in der Tat einen lesbischen Feminismus, insbesondere in den USA der siebziger Jahre, der die eigene sexuelle Orientierung zum Welterlösungsmodell stilisierte, aber Alice Schwarzer hat ihn sich nie zu eigen gemacht.

Mit einiger Plausibilität argwöhnt Alice Schwarzer, dass die Familienministerin ihre Bücher nicht gelesen habe. Indes besteht genauso viel Recht zu der Annahme, dass Alice Schwarzer das Interview ihrerseits nur sehr flüchtig gelesen hat. Nachdem sie in ihrem offenen Brief der Ministerin die Eignung zu dem Amt ausführlich abgesprochen hat, kommt sie auf den viel beklagten und auch von Kristina Schröder monierten Umstand zu sprechen, »die Überzahl weiblicher Erzieher und Lehrer sei schuld an der Misere« – sprich dem Bildungsrückstand – »der armen Jungen«. Das, wohlgemerkt, ist zwar nur eine Vermutung, die sich womöglich widerlegen lässt, aber keineswegs eine skandalöse Einzelmeinung der Ministerin.

Aber Alice Schwarzer geht, um der Ministerin latente Frauenfeindlichkeit nachzuweisen, noch einen Schritt weiter. Sie konstruiert folgende, nun wirklich skandalöse Äußerung: »Sie gehen dabei soweit, feministischen Pädagoginnen zu unterstellen, sie würden ›Jungs bewusst vernachlässigen‹, was ›unmoralisch‹ sei.« Das ist nun zwar aus Originalzitaten zusammengesetzt, aber keineswegs das, was die Ministerin gesagt hat. Sie hat gesagt: »Ich fände es ganz mies, den Jungs zu sagen: Weil die Männer die vergangenen Jahrtausende unbestritten die Vorherrschaft besaßen, werdet ihr jetzt in der Schule nicht vernünftig gefördert. Einen Feminismus, der die Jungs bewusst vernachlässigt, halte ich für unmoralisch.«