Uhren Der neue Flachsinn
Zum Glück gibt es wieder schlichte Uhren, die zeigen: Der Mensch trägt, was ihn ausmacht, nicht am Handgelenk.
© Marcus Gaab
Tatsächlich schauen Frauen Männern sehr wohl auf die Uhren. Vor allem wenn die Uhren klein sind. So wie man es im Moment häufig beobachten kann. Es sind Uhren mit rundem Ziffernblatt, gern in Schwarz oder Weiß, drei Zeiger, ein Lederarmband, sie schmiegen sich flach ans Handgelenk. Spezialeffekte? Brauchen sie nicht. Von Uhrmachern weiß man, dass es eine große Herausforderung ist, die mikroskopisch kleinen Einzelteile einer Uhr auf möglichst engem Raum zu verbauen. Deshalb galten bis in die sechziger Jahre besonders flache Uhren als Aushängeschild einer Manufaktur. Und auch von den Männern, die so eine Uhr tragen, denkt man eher Gutes: dass sie sich ihre Männlichkeit nicht mit einer fetten Uhr beweisen müssen.
Besonders auffällig ist das etwa bei dem bärtigen Modemacher Stefano Pilati, dessen kleine Uhr man vor dem Hintergrund seiner Ganzarmtätowierung fast übersieht (dazu trägt er wiederum Maßanzüge). Auch Tom Ford, der Gentleman unter den Designern, trägt ein zurückhaltendes Modell. Der Herrenschneider Thom Browne dafür ein elegantes Vintagestück. Inspiriert wurde Browne von der Figur des Werbers Don Draper, dem Held der Fernsehserie Mad Men (die Serie spielt im New York der frühen sechziger Jahre, als »Werber« noch kein Schimpfwort war). Dieser Draper besitzt ein kantiges Kinn, dunkle Anzüge und wirkt immer souverän – egal, was gerade in ihm vorgeht. Seine Uhr wechselt er nicht mit der Mode, sondern mit bedeutenden Ereignissen in seinem Leben (ein Kind, eine Beförderung, ein Entzug). Die kleinen Uhren tragen nicht nur Fernsehfiguren und Modemacher. Als die einflussreiche Stil-Bloggerin Garance Doré letztens auf ihrer Website ihre Leser nach deren Lieblingsuhren fragte, antworteten fast 230 Kommentatoren. Hauptmerkmale des guten Stücks: Es ist elegant, nicht so auffällig, eher dezent. Was ist passiert? Lange konnten Uhren gar nicht groß und wuchtig genug sein. In den letzten 20 Jahren wuchsen die Gehäuse bei Männeruhren von 40 Millimeter auf 44, dann auf 50 – bis sie schließlich mit 55 Millimetern fast so dick waren wie die Radkappen der dazu passenden Prunkschlitten. Irgendwann gab es sogar eine Uhr, mit der sich Autotüren öffnen ließen – vorausgesetzt, man hatte vorher für 150000 Euro das Auto zur Uhr gekauft. Ein nettes Spielzeug für jemanden mit dem nötigen Kleingeld. Aber vor allem ein Zeichen von Macht. Bestimmt lag es ja daran, dass auch Frauen in dieser Zeit anfingen, Männeruhren zu tragen, die so schwer waren, dass man kaum noch den Arm heben konnte. Vor lauter Rädern, Zeigern und Edelsteinen konnte irgendwann auch keiner mehr erkennen, was die Stunde geschlagen hatte.
Mittlerweile sind tickende Klötze auf dem Rückzug. Was ist passiert? Sicher, es gab die Krise. Es gab weniger Geld, und wer welches hatte, fand es trotzdem unschicklich, sich eine Bonuszahlung ans Handgelenk zu binden. Aber ist das schon die Erklärung, warum die Uhren wieder kleiner werden? Nicht ganz. Uhrmacher können nicht in die Zukunft gucken; das müssten sie aber, denn von der Idee bis zum fertigen Stück können bis zu fünf Jahre vergehen. Die kleinen Herrenuhren von heute sind also zum Teil noch in einer Zeit erdacht worden, als die Banker noch die Herren der Welt waren. Ob die Uhrmacher von dem Wettrüsten einfach gelangweilt waren? (Nur eine Spielerei haben sie sich nicht nehmen lassen: Die meisten Stücke haben einen Saphirglasboden, der den Blick auf das Uhrwerk freilegt.)
Mal ehrlich: Wer benutzt seine Uhr, um damit ein Autorennen auf die Zehntelsekunde zu stoppen? Oder um damit 50 Meter tief zu tauchen? Und jemand, der sich anzeigen lassen muss, dass er sich gerade in einem Schaltjahr befindet, hat vermutlich auch sonst wenig Durchblick.
Die Hersteller der neuen Uhren berufen sich bei ihren Entwürfen auf »Bescheidenheit«, »Erbe« und »Tradition«, einen Anstrich von Dauerhaftigkeit eben. Die Welt ist seit 2008 ein bisschen nüchterner geworden. Man sieht das auch in der Mode, wo Designer Erfolg haben, deren Kleider man in zehn Jahren noch tragen möchte. Man sieht es am Schmuck der Freundinnen, die ihre geldrollendicken Ringe abgelegt haben und stattdessen zarte Goldarmbänder und diskrete Ohrstecker tragen. Man sieht es beim Ausgehen. Die Blendertypen sind zusammen mit den Eventclubs weitgehend verschwunden. Dafür geht man wieder in Bars, in denen man sich sowieso immer wohler gefühlt hat. Orte, an denen die Sofas tief sind, die Drinks keine komplizierten Namen tragen und die Musik eine untergeordnete Rolle spielt.
Dass auch Schlichtheit immer noch Geld kostet, dürfte klar sein. Im Englischen gibt es dafür den Begriff inconspicuous consumption, »unauffälliger Konsum«. Bei einer schlichten Uhr wird diese Zurückhaltung besonders deutlich. So deutlich, dass sie schon fast wieder auffällig ist.
- Datum 10.11.2010 - 17:44 Uhr
- Quelle ZEITmagazin, 11.11.2010 Nr. 46
- Kommentare 3
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Es reicht!!!
Seit Jahren lesen wir gerne die Zeit und freuen uns an ihrer Vielfalt. Selbst mein Sohn ist mit seinen 11 Jahren begeisterter Zeit-Leser. Leider nervt uns zunehmend die Zusammenarbeit Ihrer Zeitung mit Produzenten diverser Edeluhren, welche sicher mit der Zeit auf den Schrottplatz kultureller Irrungen landen werden. "Wer kauft eigentlich diesen Scheiß?" In Zeiten, in denen wir viele Herausforderungen zu meistern haben und interessante Leidenschaften entdecken können, ist dieser überflüssige und dekadente materialisierter Anachronismus doch sicher jenseits der Intelligenz unserer Gesellschaft anzusiedeln. Es ist kein Problem für mich, wenn sich ein Zuhälter oder ein kulturell verarmter Manager so was an den Arm bindet. Die Welt ist bunt! Fraglich ist jedoch, ob ich mir ich mir die Werbung dafür jeden Donnerstag auf den Wohnzimmertisch legen muss. Mit welchem Statusdenken werden wir hier konfrontiert? Tiefstes Mittelalter in Zeiten von globaler Entwicklung und Energiewende? Da helfen auch wirklich keine Versuche den Schrott literarisch zu verankern. Der Versuch ist doch gnadenloser Schwachsinn! Hilfe!
Wie soll sich das sinnvoll an die neue Generation vermitteln lassen.
Dies passt nicht zu einer niveauvollen, modernen und weltoffenen Zeitung!
Vielleicht arbeiten sie zur Freude Ihrer bunten Leserschaft auch mal mit Produzenten anderer Produkte zusammen? Solaranlagen? Handtuchhalter? Kaffeebohnen?
Die Welt hat wirklich viel anzubieten.
Danke!
Heute war ich sehr überrascht schon wieder ein Magazin mit einem Haupttitel über Uhren zu sehen/lesen. Ich habe das Gefühl es ist das dritte Zeitmagazin in diesem Jahr zum Thema teure Uhren !!Was soll das ?Wen Interssiert das? Ich denke selbst der gemeine Zeitleser ist nicht immer unbedingt in der Lage sich Uhren von 1.000- 20.000 Euro zu leisten! Und selbst im literarischen Zusammenhang! wird das nicht besser und intelektueller. Es gibt wirklich wichtigere Themen. Das Zeitmagazin der letzetn Woche habe ich z.B. von vorne bis hinten komplett mit Spannung gelesen.Ein schon viel bearbeitets Thema aus der Sicht junger Menschen .Toll! So gehts doch auch. Danke
Die mechanische Armbanduhr ist eine der genausten mechanischen Maschinen. Abgesehen von der Faszination die ein solches technisches Wunderwerk ausstrahlt. Und es geht in keinster Weise um die Frage, ob so eine Uhr bezahlbar ist oder nicht. Es geht um ein Stück Kultur, um Kunst. Keine Frage: Ein fein gearbeitetes Werk ist auch Kunst. Die weiterleben muß. Deshalb ist eine solche Lektüre für Uhrenliebhaber ein Vergnügen. Wer nicht mag kann ja weiterblättern, auf seinen seelenlosen Quarzbatterie-Plastikticker schauen und sich nach seinen Neigungen entsprechender Literatur umschauen.
Was nichts mit Statusdenken zu tun hat: Im Moment trage ich eine UMF aus den 50zigern. Sehr hübsch, mechanisch und durchaus günstig zu haben. Aber darum geht es nicht.
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