Es ist etwas falsch, es muss etwas falsch sein an den jüngsten Umfragewerten der Grünen! Eine der drei kleinen Parteien, noch bei der Wahl 2009 die kleinste unter ihnen, steht im konservativen Flächenstaat Baden-Württemberg bei 32 Prozent und wurde sogar im Bund schon einmal vor der SPD notiert. Parteien, auch grüne, schießen nicht empor wie Sonnenblumen, denkt man. Lag die FDP nicht auch schon einmal bei 16 Prozent?

Wer allerdings glaubt, dieses grüne Gewächs werde demnächst verwelken und abknicken, der sollte andere Zahlen zur Kenntnis nehmen: Auch da, wo es um die verbindlichsten aller Entscheidungen für eine Partei geht, bei der Mitgliedschaft, wachsen die Grünen. Sechstausend neue Mitglieder kamen binnen zweier Jahre hinzu, die letzten tausend in nicht einmal sechs Wochen. Und das ist keine Laune einer wankelmütigen Jugend. Im Schnitt sind die Neu-Grünen etwas über 37 Jahre alt, viele von ihnen haben Kinder, und wenig spricht dafür, dass sie sich demnächst anderen Idealen oder Parteien zuwenden werden. Was geschieht da?

Einiges liegt auf der Hand: die für viele abschreckende Vorstellung des Regierungslagers, die chronische Schwäche der SPD. Aktuell, meinen sie bei den Grünen, helfe ihnen zudem der seit dem Wiedereinstiegsbeschluss neu aufflammende Konflikt um die Atomkraft. Und überraschenderweise scheint die Erfahrung der Banken- und Wirtschaftskrise einen regelrechten Wertewandel befördert zu haben. Auf Markt und Wachstum setzt nur noch etwa jeder Dritte, ergab eine Emnid-Umfrage im Sommer. Dagegen findet eine überwältigende Mehrheit in allen Bildungsschichten, dass »Wohlstand weniger wichtig als Umweltschutz und der Abbau von Schulden« sei. Die Deutschen – ein Volk von Postmaterialisten. Kein Wunder, dass der Anteil derjenigen, aus deren Sicht die Grünen im Prinzip wählbar sind, ähnlich hoch liegt wie bei SPD und CDU: bei jeweils etwa 50 Prozent. Damit sind die Grünen noch keine Volkspartei. Aber sie sind womöglich auf dem Weg dorthin und für die wirklich kleinen Parteien FDP und Linke schon fast außer Reichweite.

Mitgliederentwicklung der Grünen. Um die Grafik zu Vergrößern, klicken Sie bitte auf das Bild © ZEIT-Grafik

Wem schadet der grüne Trend? Ein Befund ist nicht zu übersehen: Während das rot-grüne Lager in seiner Gesamtheit bei allen Umfrageinstituten auf knapp 50 Prozent kommt, schwankt die Stimmenverteilung innerhalb dieses Lagers beträchtlich: Mal haben die Grünen die SPD überholt, mal steht die SPD zehn Punkte vor den Grünen. Offensichtlich ist die rot-grüne Wählerschaft in Bewegung geraten, wovon zurzeit die Grünen profitieren. Diese selbst vermuten aufgrund von nicht veröffentlichten Umfragedaten, dass ihnen in mindestens gleichem Umfang Zustimmung aus dem Lager der Nichtwähler erwächst.

Neben solchen Ausschlägen der labilen politischen Stimmungslage ist eine Entwicklung zu beobachten, die den Grünen Jahre soliden Wachstums verheißt. Mit dem Älterwerden ihrer ersten Stammwähler dringen sie bei jeder Wahl tiefer ins Wählerpotenzial der Senioren ein. Zugleich wachsen junge Anhänger nach. Über die nächste Generation der Erstwähler kann man nur spekulieren, aber ein kräftiger Stimmengewinn bei den Alten dürfte den Grünen bei der nächsten Bundestagswahl sicher sein.

Und wie muss man sich das Vordringen einer alternativen Großstadtpartei in die Weiten eines Flächenstaats vorstellen? Fragen Sie doch in Merzhausen nach!, empfehlen die Grünen in Stuttgart.

Merzhausen ist ein Dorf im Hexental, nahe bei Freiburg gelegen. Knapp fünftausend Einwohner, Grünwähleranteil bei der letzten Kommunalwahl: gut ein Drittel, die Grünen stellen im Rat die stärkste Fraktion. Um hier das Verallgemeinerbare im Besonderen zu sehen, lohnt es, eine etwas ältere Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung aufzuschlagen. »Höchster Anteil an partei- und gesellschaftspolitisch aktiven Personen, viele Multiplikatoren«, heißt es da über die Milieus, in denen die Grünen traditionell ihre Anhänger finden. Und: »Gesellschaftliches Engagement hat für sie einen hohen Stellenwert.«

Wer den früheren Bürgermeister Merzhausens, der selbstverständlich der CDU angehört, nach seinen Erfahrungen mit den Grünen fragt, bekommt erstaunliche Geschichten zu hören. Vom Sportverein, dem das halbe Dorf angehöre und in dem ein Ratsherr der Grünen im Vorstand sitze. Vom Nachwuchs der eigenen Partei, der in den Vereinen des Dorfes leider »nicht so verwurzelt« sei. Und von der Privatisierung des Schwimmbades, an die er selbst nie geglaubt, die aber ein Verein engagierter Bürger – mit kräftiger Unterstützung der Grünen – bewerkstelligt habe. Die Leute, die das betrieben haben, findet er, »könnten auch bei der CDU sein«. Sind sie aber nicht.