Einwohner plaudern auf der Straße in ihrem Stadtteil Tarlabaşi, im Zentrum Istanbuls © Mustafa Ozer/ AFP/ Getty Images

Es war einer dieser reizenden Schaumweinabende im Zentrum Istanbuls, eine Vernissage in der Galerie Non am 21. September. Frauen in knappen Kostümen und Männer mit Gel im Haar schwenkten ihre Gläser in der Galerie und auf dem Trottoir davor. Harmonie pur, die Kulturhauptstädter schienen unter sich zu sein. Bis Unbekannte plötzlich Pfefferspray versprühten. Erst kam der Husten, dann die Panik. An die 50 Schläger machten mit Knüppeln, Messern und zerbrochenen Flaschen Jagd auf die Ausstellungsgäste. Einige wurden verletzt, viele kamen knapp davon. Drei Galerien wurden in jener Nacht demoliert. Seither steht in Tophane an jeder Ecke die Polizei.

Die Kulturhauptstadt Europas hatte ihren Skandal. »Barbaren dringen in die Kunsttempel ein!« – »Islamisten schlagen den Städtern das Sektglas aus der Hand!« So stand es in einigen Zeitungen zu lesen. Doch ist es für manche Bewohner des Innenstadtbezirks Tophane genau umgekehrt: Sie sehen sich als Opfer von Eindringlingen. Yuppies, Geländewagenfahrer, Hauserneuerer, Preistreiber und Immobilienhaie kommen in ihr Revier. Keiner verteidigt das brutale Dreinschlagen in der Galerie, aber die Botschaft der Prügelei ist nicht ganz unwillkommen: »Bleibt bloß weg!«

Längst ist das Istanbuler Zentrum Bühne einer umfassenden Gentrifizierung. Straßen werden umgepflügt, Häuser abgerissen, Menschen verdrängt. Tagelöhner und Flüchtlinge weichen Galeristen und Maklern. Bordelle machen Boutiquehotels Platz, die Spelunken den Shopping-Malls.

Womit Istanbul ganz im Trend westlicher Großstädte liegt. Harlem in New York, die Docklands in London, das Gängeviertel und St. Pauli in Hamburg (siehe Kasten). Überall versuchen Stadtverwaltungen, verblichene Altbauten und schummrige Ecken aufzupolieren, ungeliebte Bewohner auszuwechseln. Manche drehten ganze Viertel um wie in London, manche mussten Kompromisse schließen wie in Hamburg. Die in der Türkei regierende AKP, die oft der Islamisierung verdächtigt wird, versteht sich viel besser auf die Betonierung, das Big Business zu fördern, ist ein wichtiger Teil des Parteiprogramms – sogar auf Kosten ihrer Wähler. Dazu hat sie zwei Strategien entwickelt: anpirschen, einkreisen, umstülpen, wie mit den Galerien, Geschenkboutiquen und Küchenausstattern in Tophane. Oder mit dem Bulldozer gleich in die Mitte des Viertels vordringen. Diese Schocktherapie ist im Innenstadtteil Tarlabaşi geplant, zehn Minuten von Tophane entfernt, fünf Schritte von der schicken Einkaufsmeile Istiklal.

Am Geruch ist Tarlabaşi zu erkennen. Aus Treppenhäusern und Kellerfenstern riecht es nach verfaultem Obst, modernden Sofas, Urin, Katzendreck und Mottenkugeln. Wahrscheinlich riecht es da noch nach viel mehr, aber das wird vom Dampf der Köftestände zugedeckt. Wäscheleinen hängen quer über der Straße. Auf einem Bürgersteig hat einer sich sein Wohnzimmer eingerichtet, Couch, Lampe und Holztisch, sorgfältig mit Plastikplanen abgedeckt. Wir gehen an ihm vorbei zu Andon Morali, einem Istanbuler Griechen, der zu den ganz wenigen gehört, die hier schon seit ihrer Geburt leben. Sein Haus hat drei Stockwerke, eine klassizistische gelbe Fassade, bunt verzierte Bleifenster und einen gewaltigen Türklopfer.