GentrifizierungGentrifiçieren!

Das gewinnträchtige Umkrempeln armer Stadtviertel ist keine westeuropäische Spezialität. Aus Istanbul berichtet Michael Thumann von 

Einwohner plaudern auf der Strasse in ihrem Stadtteil Tarlabasi, im Zentrum Istanbuls

Einwohner plaudern auf der Straße in ihrem Stadtteil Tarlabaşi, im Zentrum Istanbuls  |  © Mustafa Ozer/ AFP/ Getty Images

Es war einer dieser reizenden Schaumweinabende im Zentrum Istanbuls, eine Vernissage in der Galerie Non am 21. September. Frauen in knappen Kostümen und Männer mit Gel im Haar schwenkten ihre Gläser in der Galerie und auf dem Trottoir davor. Harmonie pur, die Kulturhauptstädter schienen unter sich zu sein. Bis Unbekannte plötzlich Pfefferspray versprühten. Erst kam der Husten, dann die Panik. An die 50 Schläger machten mit Knüppeln, Messern und zerbrochenen Flaschen Jagd auf die Ausstellungsgäste. Einige wurden verletzt, viele kamen knapp davon. Drei Galerien wurden in jener Nacht demoliert. Seither steht in Tophane an jeder Ecke die Polizei.

Die Kulturhauptstadt Europas hatte ihren Skandal. »Barbaren dringen in die Kunsttempel ein!« – »Islamisten schlagen den Städtern das Sektglas aus der Hand!« So stand es in einigen Zeitungen zu lesen. Doch ist es für manche Bewohner des Innenstadtbezirks Tophane genau umgekehrt: Sie sehen sich als Opfer von Eindringlingen. Yuppies, Geländewagenfahrer, Hauserneuerer, Preistreiber und Immobilienhaie kommen in ihr Revier. Keiner verteidigt das brutale Dreinschlagen in der Galerie, aber die Botschaft der Prügelei ist nicht ganz unwillkommen: »Bleibt bloß weg!«

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Längst ist das Istanbuler Zentrum Bühne einer umfassenden Gentrifizierung. Straßen werden umgepflügt, Häuser abgerissen, Menschen verdrängt. Tagelöhner und Flüchtlinge weichen Galeristen und Maklern. Bordelle machen Boutiquehotels Platz, die Spelunken den Shopping-Malls.

Womit Istanbul ganz im Trend westlicher Großstädte liegt. Harlem in New York, die Docklands in London, das Gängeviertel und St. Pauli in Hamburg (siehe Kasten). Überall versuchen Stadtverwaltungen, verblichene Altbauten und schummrige Ecken aufzupolieren, ungeliebte Bewohner auszuwechseln. Manche drehten ganze Viertel um wie in London, manche mussten Kompromisse schließen wie in Hamburg. Die in der Türkei regierende AKP, die oft der Islamisierung verdächtigt wird, versteht sich viel besser auf die Betonierung, das Big Business zu fördern, ist ein wichtiger Teil des Parteiprogramms – sogar auf Kosten ihrer Wähler. Dazu hat sie zwei Strategien entwickelt: anpirschen, einkreisen, umstülpen, wie mit den Galerien, Geschenkboutiquen und Küchenausstattern in Tophane. Oder mit dem Bulldozer gleich in die Mitte des Viertels vordringen. Diese Schocktherapie ist im Innenstadtteil Tarlabaşi geplant, zehn Minuten von Tophane entfernt, fünf Schritte von der schicken Einkaufsmeile Istiklal.

Am Geruch ist Tarlabaşi zu erkennen. Aus Treppenhäusern und Kellerfenstern riecht es nach verfaultem Obst, modernden Sofas, Urin, Katzendreck und Mottenkugeln. Wahrscheinlich riecht es da noch nach viel mehr, aber das wird vom Dampf der Köftestände zugedeckt. Wäscheleinen hängen quer über der Straße. Auf einem Bürgersteig hat einer sich sein Wohnzimmer eingerichtet, Couch, Lampe und Holztisch, sorgfältig mit Plastikplanen abgedeckt. Wir gehen an ihm vorbei zu Andon Morali, einem Istanbuler Griechen, der zu den ganz wenigen gehört, die hier schon seit ihrer Geburt leben. Sein Haus hat drei Stockwerke, eine klassizistische gelbe Fassade, bunt verzierte Bleifenster und einen gewaltigen Türklopfer.

Leserkommentare
    • M.M.
    • 13. November 2010 12:16 Uhr

    [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

    • peto1
    • 13. November 2010 12:18 Uhr

    Nein das stimmt nicht, niemand kann von einem Privatem Firma enteignet werden, die Häuser wurden vor Jahrzehnten Schwarz gebaut auf Grünstück des Staates oder teil grundstück und der Staat hat diese Grundstücke wieder zurückgenommen und an Bau Firmen verkauft, das ist Legitim.

    • Oogie
    • 13. November 2010 13:19 Uhr

    jahrelang berichten deutsche Medien wie Arm die Menschen in manchen türkischen Gegenden sind. Kaum kommt kommt Fortschritt wird hier unterm Tisch von verletzten Menschenrechten berichtet. Sie haben aber vergessen zu berichten das diese Menschen in den Vierteln Ihr leben Lang keine Miete, mit allen dazu gehörenden Kosten, bezahlt haben.

    Gehen sie doch mal nach Ankara dort werden ganze Viertel eingerissen (unerlaubt gebaute Baracken auf staatlichen oder privaten Grundstücken) um moderne Häuser zu errichten. Jeder der über eine bestimmte Zeit in dieser Gegend gewohnt hat bekommt fast kostenlos eine Eigentumswohnung. Und das auf Kosten der Steuerzahler. Die Mehrheit ist aber dafür, weil es ein großer Schritt ist um die Armut zu bekämpfen.

    Berichten Sie doch bitte das nächste mal davon das Menschen die Ihr leben Lang gehungert haben plötzlich Hausbesitzer sind für umgerechnet 1500 EUR. Sowas gibts nur in der Türkei!!

    Aber leider ist es so, dass egal was die Türkei macht westliche Medien immer etwas finden um von der Türkei schlecht zu berichten.

    2 Leserempfehlungen
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    • fidalgo
    • 13. November 2010 14:37 Uhr

    Es ist die Aufgabe der Medien vom Schlechten zu berichten. Zerstörung und Enteigung sind schlecht, egal wo auf der Welt.

    • ratxi
    • 01. Juni 2013 15:23 Uhr

    Von diesen Informationen ist mir bislang nichts bekannt geworden.
    Wenn das tatsächlich stimmt, wirft das selbstverständlich ein ganz anderes Licht auf das Geschehen.

    • fidalgo
    • 13. November 2010 14:37 Uhr

    Es ist die Aufgabe der Medien vom Schlechten zu berichten. Zerstörung und Enteigung sind schlecht, egal wo auf der Welt.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "alles kostenlos"
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    • Oogie
    • 13. November 2010 20:26 Uhr

    sie denn überhaupt mit ein bischen verstand meinen beitrag gelesen. Da steht klipp und klar das die AKP den Bürgern für 1500 EUR Eigentumswohnungen quasi schenkt damit sie das staatliche oder private Grundstück räumen und freigeben. Wo ist den bitte hier enteignung????? Glauben sie mir eins die türkischen Medien wären die ersten die von diesem Skandal berichten würden.

    Jetzt eine Frage an Sie. Was würden Sie machen wenn irgend jemand, ohne Ihre Erlaubnis, auf Ihrem Grundstück eine Haus baut. Ein Jahr später noch eins und dann noch eins und dann noch eins. Und für keines ist er bereit zu zahlen!! Sagen Sie schon und ich erzähle Ihnen wie sowas in der Türkei erledigt wird.

    Ohman Ohman manche Menschen wollen wirklich nur das sehen was sie wollen.

  1. Die Investoren sind Geschäftsleute, die investieren, weil der PM das Projekt erst möglich macht.
    Geschäftsleute wollen Gewinn machen und Städtebauförderung, wie in D, die das unterbindet, gibt es noch nicht in der Türkei.
    Die rüden Art billigst an lukrative Objekte zu kommen, sind keine türkische Erfindungt, sondern weltweite Praxis mit unterschiedlichen Anwendungs Methoden.

    Eine Leserempfehlung
    • Tarsier
    • 13. November 2010 18:00 Uhr

    Was im Artikel nicht erwaehnt wird, ist dass im Stadtteil Fener auch Haeuser abgerissen werden, die erst bis 2008 mit 7 Millionen Euro im historischen Stil saniert wurden. Dieses Geld wurde bereitgestellt von der EU im Auftrag von der UNESCO. Natuerlich moniert die UNESCO das, und wird Istanbul auf die Liste der bedrohten Weltkulturerbe setzen. Das ist aber dem Buergermeister vom Bezirk Fatih und wohl auch dem Buergermeister Istabuls egal, weil die scheinbar dick an diesem 'Sanierungsprojekt' verdienen.
    Furchtbar wie Menschen ihr Lebensraum entzogen wird, nur damit die Eliten ihre finanzielle und politische Macht weiter ausbauen koennen.

    2 Leserempfehlungen
  2. Die angeblichen Benachteiligten sind zum Grossteil diejenigen, die sich diese Haeuser seinerzeit unter den Nagel gerissen haben. Nun wollen eben Spekulanten und profitgierige Politiker diese Objekte mitsamt deren halb- und illegalen Nutzniessern unter den Nagel reissen.

    C'est la vie.

    Übrigens:Der Autor war dankenswerterweise bemüht, das Viertel nach der türkischen Orthographie mit einem Haken unterm S zu schreiben - leider hat er aber das stimmlose i am Ende des Wortes vergessen oder ausgelassen..

    Eine Leserempfehlung
  3. ... lebt den kein türke dort? es wird einem suggeriert als ob es eine ethnische seuberung wäre, für mich sieht es eher so aus dass die leute für verbesserungen weichen müssen die ihrer stadt noch mehr investitionen bringen wird. ich habe im internet mal recherchiert, tarlamasi ist eher ein ghetto wo man bei dunkel heit vermeiden sollte.

    Fazit: die leute werden umgesiedelt und nicht vertrieben.

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