Sachbuch Sind wir alle Attentäter?
Manfred Schneider versucht, das Attentat als Folge unserer paranoiden Moderne zu deuten. Das missglückt grandios
© Keystone/Getty Images

John F. Kennedy, Augenblicke vor seiner Ermordung durch Lee Harvey Oswald
John Lennon , las kurz vor seiner Tat fiebrig in Salingers Fänger im Roggen . Ein glühender Büchernarr war auch Lee Harvey Oswald, der John Kennedy erschoss. Er las mit Eifer unter anderem: Verfall und Untergang des Römischen Reichs von Edward Gibbon, Hitlers Mein Kampf und eine Biografie über sein Opfer, den amerikanischen Präsidenten.
Der Dschihadist, bevor er sich in die Luft sprengt, versenkt sich in Koranverse. Charlotte Corday, die Jean-Paul Marat in seiner Badewanne niederstach, kannte Voltaires Cäsar-Drama nahezu auswendig. Mark David Chapman, der Mörder von
Der Attentäter sucht und findet in dem Schrifttum, das ihn umgibt, in Fernsehbildern oder in YouTube-Clips Zeichen, aus denen zwingend seine Tat hervorgeht. Man darf ihn sich deshalb nicht als Irren vorstellen, der geistig umnachtet wütet. Beim Attentäter übertreibt vielmehr die Vernunft ihr Geschäft. Zufällige Sätze und Bilder, die der Attentäter aufschnappt, verknüpft er raffiniert zu einer Kausallogik des Schreckens. Der Verkäufer, der David Chapman die Tatwaffe aushändigte, hieß zufällig mit Nachnamen Ono, genauso wie die Frau seines Opfers. Das kann in den Augen des Attentäters natürlich kein Zufall sein. Ein Plakat des Playboy wirbt wenige Tage vor dem Anschlag mit einem Interview des Popstars. Auch dies wird Chapman zum untrüglichen Hinweis auf sein Vorhaben. So wie er auch im Fänger im Roggen allerlei Indizien findet, die auf seine geplante Tat hindeuten. Es ist rasende Vernunft, die den Attentäter zum Anschlag treibt, nicht heillose Verwirrung.
Das jedenfalls ist die Kernthese des monumentalen Werks Das Attentat des Bochumer Germanisten Manfred Schneider. Auf nahezu 800 Seiten wird eine Geschichte des Mordanschlags entfaltet, werden bekannte wie vergessene Attentäter mit unverhohlen voyeuristischer Lust vorgestellt und ihre Taten nacherzählt. Wie nebenher werden dabei die theoretischen Grundzüge jener »paranoischen Vernunft«, die den Attentäter und das Attentat bestimmt, entfaltet: Erst mit der Moderne lässt sich Schneider zufolge überhaupt vom Attentat sprechen. Mit der zweckrationalen Zurichtung aller Lebensbezüge durch Arbeitsteilung und Verwaltungstätigkeit, mit der Bilderwut der Medien werden das fatale Misstrauen des Attentäters, seine Neigung zu Verschwörungstheorien geweckt. Auf die Rationalität der Moderne reagiert der Attentäter mit Überrationalität. Er traut dem, was ihm vorgesetzt wird, nicht. Er ist manischer Entlarver. Das jugendliche Lächeln Kennedys, das ihm die Medien präsentieren, sucht er als teuflische Fratze zu interpretieren. John Lennon ist ihm ein künstliches Produkt der Kulturindustrie, ein phony, ein unechter Mensch, den es auszulöschen gilt. Karl Ludwig Sand, der den Publizisten und Dramatiker August von Kotzebue ermordete, nannte sein Opfer das »Schutzbild dieser feilen Zeit«. Bilderwut produziert immer auch die Sehnsucht nach Bildersturm. Mitunter trachtet der Attentäter danach, das Bild seines Opfers durch sein eigenes zu ersetzen, um sich als ewiger Brutus in die Ahnenreihe seiner Vorgänger einzuschreiben.
Die Moderne begreift Manfred Schneider als eine Epoche, die notorisch den Zufall verdrängt und zwanghaft sich der Illusion hingibt, alle Geschichte sei von »Gesetzmäßigkeiten, Notwendigkeiten und Regelmäßigkeiten« durchdrungen. Der Attentäter unterwirft sich auf besonders verwegene Weise dieser unterstellten Logik des Westens. Er kämpft gegen die Kontingenz, den Zufall in der Welt an, indem er wie von fremder Hand gesteuert ein blutiges Werk verrichtet. Mit jedem Anschlag aber wird der scheinbar so vernünftige Lauf der Geschichte durch ihn irritiert. Gerade der schicksalsergebene Attentäter ist dem Autor zufolge ein »schwarzer Engel des Zufalls«. Der Attentäter entlarvt die Geschichte wider Willen als eine Ansammlung von kontingenten Ereignissen. Statt, wie es in seiner Absicht steht, durch seinen Anschlag Sinn zu stiften, stiftet er Ohnmacht; weshalb sich nach jedem Attentat – sei es nach dem 11. September oder dem Kennedy-Mord – ungehemmt Verschwörungstheorien entfalten, die den Verfolgungswahn des Attentäters strukturell wiederholen.
Eine derart in sich verkapselte Interpretation des Attentats hat einen hohen Preis. Um den Attentäter als Paradefigur der Moderne zu begreifen, glaubt Schneider, jede Art von Geschichtsphilosophie zum paranoischen Großprojekt hysterisieren zu müssen. Allen Ernstes hafte der gesamten »theoretischen Aufklärung« – und zwar von »Rousseau über Kant, Hegel, Marx, Nietzsche bis Heidegger oder Adorno« – der Makel banalster Teleologie und kruden Messianismus an. Die den Zufall angeblich monströs ausklammernde Geschichtsphilosophie sei derart folgenreich gewesen, dass wir allesamt Anhänger oder Verwalter der paranoischen Vernunft sind: »die Attentäter, die Opfer, die Beobachter«. Der Paranoia-Begriff wird von Schneider derart ausgedehnt, dass sich der schicksalsergebene Fanatismus des Attentäters sowohl dem angeblichen Kontrollwahn des dialektischen Denkens als auch dem Sicherheitsapparat des staatlichen Souveräns angleicht. Wie aus diesem paranoiden Spiegelkabinett zu entkommen ist, muss dann auch notwendigerweise rätselhaft bleiben, schließlich verkennt der Westen konsequent, »dass auch seine eigene Rationalität ein (gut funktionierender) Wahn und ein (machtgestützter) Glaube ist«. Die paranoische Vernunft wird hier mit einem guten Schuss paranoischer Vernunft analysiert.
Unweigerlich fällt einem während der Lektüre jenes Entsetzen ein, das den Gerichtsrat Walter angesichts der Argumentationsakrobatik des Dorfrichters Adam in Kleists Zerbrochnem Krug befällt: »In Eurem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum / Geknetet, innig, wie ein Teig, zusammen.« Stilistisch brillante Darstellungen bekannter Attentate, luzide, ungemein anregende Analysen politischer Konstellationen wechseln sich bei Schneider mit unscharfen Überlegungen zur Moderne ab, der ein alles umfassender Verblendungszusammenhang unterstellt wird: Ob nun Kant oder Hegel, Marx oder Heidegger, die Kritische Theorie oder Darwin, die Faschisten oder der gemeine Attentäter – sie alle arbeiten als verschworene Gemeinschaft an einer konspirativen Geschichtsmetaphysik. Das ist derart grobschrotig und mit Hybris daherbehauptet, dass es einem die Sprache verschlägt. Wie denn überhaupt anzuzweifeln wäre, ob der Attentäter, analog zur Geschichtsschreibung, stets in verblendeter Schicksalsgläubigkeit sein Handeln ausrichtet. Bisweilen, auch das zeigt kurioserweise indirekt diese Studie, ist sein Antrieb nichts als ein fiebriger Verdacht, der jede Logik austreibt.
- Datum 16.11.2010 - 16:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.11.2010 Nr. 46
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Ersetzen wir "Moderne" durch "Menschheit", "Geschichtsphilosophie" und "Aufklärung" durch "Philosophen", "Attentäter" durch "Extremisten" (es gibt auch unpolitische Extremisten), dann wird es langsam plausibel.
Es ist in der Tat der Mensch, dessen einzigartige Vernunftbegabung die Grundlage des Wahnsinns ist.
Wenn wir die Vernunft und die unvernünftig übertriebene Vernunft dem Menschen allgemein zuordnen, ist keine Verschwörung nötig, um dem Verhalten der Philosophen, der Extremisten und der pragmatischen Alltagsrationalisierer eine gemeinsame Richtung zu geben. Sie handeln einfach ihrer menschlichen Natur entsprechend.
Das ermöglicht uns schließlich auch die Übernahme der grundsätzlichen Einordnung des Manfred Schneider durch Sobocynski. Wir erhalten aber die Chance, ihn aus der Ecke des Außenseiters zu holen. Er analysiert wie ein Mensch.
Die Überschrift soll heißen: "Zu kurz gesprungen."
Wollte mir eben partout nicht einfallen.
Die Überschrift soll heißen: "Zu kurz gesprungen."
Das wollte mir eben partout nicht einfallen.
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Es ist natürlich sehr amüsant, dass Herr Schneider sich selbst massivst der so von ihm verstandenen Paranoia schuldig macht, wenn er so heterogene und komplexe Phänomene reduktiv über einen Kamm schert um eine große Gegen-Geschichte der Moderne zu schreiben. Mag sein, dass bei ihm die Teleologie fehlt, aber der Komplexität mit einer so einfachen Antwort zu begegnen, und diese dann überall in der Moderne zu entdecken ist ein Grundmuster kulturwissenschaftlicher Populärliteratur, dass in diesem Fall allerdings von ein wenig mangelnder Selbstreflexion zeugt. Nicht dass Herr Schneider der einzige wäre; in den letzten Jahren hat sich zunehmend die Paranoia als zentrales Deutungsmuster der Moderne herausgeschält.
Auch wenn die Kritik hier schlecht ausfällt, hat die Rezension mein Interesse geweckt. Ich stimme viele der Thesen, die hier angesprochen werden, zu und werde mir das Buch kaufen, um mir selbst eine Meinung zu schaffen. Ich muss deshalb diese Rezension loben, auch wenn ich auf den ersten Blick nicht mit ihr überseintimme, denn sie hat mir das Buch trotz der Negativkritik schmackhaft gemacht.
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