Traumata Nachts kehrt der Schrecken zurück

Im Alter werden die Kinder des Zweiten Weltkriegs oft von unbewältigten Traumata heimgesucht. Wie lässt sich das therapieren?

April 1945: Ein Junge holt in den Ruinen von Magdeburg an einer Pumpe Wasser

April 1945: Ein Junge holt in den Ruinen von Magdeburg an einer Pumpe Wasser

Es ist diese Wunde. Nur wenige Sekunden hat Erika Metzner sie damals gesehen. Trotzdem brannte sich das Bild in ihr Gedächtnis ein. Als fünfjähriges Kind erlebte die heute 70-Jährige den Einfall russischer Soldaten nach Kriegsende. Im heute polnischen Köslin wurde sie Augenzeugin von Lynchmorden und Scheinerschießungen. »Wir wurden in einen Raum getrieben, wo uns alle Wertgegenstände abgenommen wurden«, sagt sie. »Ein Mann wollte seinen Ehering nicht hergeben. Da hat ihn der Soldat mit dem Gewehrkolben erschlagen. Einfach so.« Von dem, was danach geschah, ist ihr nichts in Erinnerung geblieben. Nur dieses blutende Loch, das den Blick auf das Gehirn freigab.

Vollkommen unvorbereitet wurde die Rentnerin vor ein paar Jahren von dem Bild überwältigt, das plötzlich in ihr Bewusstsein zurückkehrte. Nacht für Nacht erlebte sie Dinge wieder, an die sie jahrzehntelang höchstens eine diffuse Erinnerung gehabt hatte. Diese überraschende Konfrontation mit ihrer Vergangenheit ließ sie schier verzweifeln. Traumareaktivierung nennen Fachleute das Phänomen des plötzlichen Wiedererinnerns.

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In der Praxis der Psychotherapeutin Helga Spranger häufen sich die Fälle von Menschen, denen sich nach vielen Jahren plötzlich Bilder längst vergangener Schrecken aufdrängen. Dass diese als Spätfolgen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert werden, ist für die Patienten oft ebenso überraschend wie der Erfolg, den eine psychotherapeutische Behandlung auch im hohen Alter noch verspricht.

PTBS, dieses Phänomen ist erst seit ein paar Jahren auch Laien ein Begriff. Katastrophenopfer – etwa Überlebende des 11. September 2001 – leiden oft noch lange Zeit unter aufblitzenden Erinnerungen (»Flashbacks«), Panikzuständen und Depressionen. Auch Bundeswehrsoldaten kehren mit diesen Symptomen aus ihrem Afghanistaneinsatz zurück. Gleichsam im Gefolge einer öffentlichen Bewusstseinsbildung erhält nun endlich auch Erika Metzners Generation – die Kinder des Zweiten Weltkriegs – mehr Beachtung für ihr Leiden, das jahrzehntelang unbeachtet geblieben war.

Nach wie vor begegneten sie der Skepsis ihrer Umgebung, beklagt Helga Spranger, die Gründerin der Hilfsorganisation kriegskind.de. »Was jahrelang als bewältigt galt, kann so schlimm ja nicht gewesen sein«, umschreibt sie eine weitverbreitete Haltung. Die Berliner Traumatherapeutin Christine Knaevelsrud bestätigt diese Einschätzung: »Während therapeutischen Angeboten für traumatisierte Soldaten erhebliche staatliche Unterstützung zukommt, arbeiten wir im Bereich alter Menschen gänzlich ohne Förderung.« Damit werde die Generation der zwischen 1930 und 1945 Geborenen, deren seelische Nöte im Nachkriegsdeutschland kein Gehör gefunden hätten, ein zweites Mal übergangen.

Die neurophysiologischen Vorgänge bei der Entstehung eines Traumas sind bekannt: Anders als bei der üblichen Informationsverarbeitung wird ein traumatisches Erlebnis nicht zeitlich und räumlich sortiert im Gedächtnis abgespeichert, vielmehr wird der dafür zuständige Teil des Gehirns wegen Überlastung umgangen. Neben der massiven Ausschüttung von Stresshormonen kommt es zu einer Kopplung der in der traumatischen Situation aktivierten Netzwerke – der Wahrnehmungen, der erlittenen Schmerzen, der negativen Gefühle. Das Ereignis selbst verschwindet dabei unter Umständen in den Tiefen des Bewusstseins.

Was aber führt zu einer Traumareaktivierung im hohen Alter? Und wie könnte die richtige Therapie aussehen? In beiden zentralen Fragen herrscht Uneinigkeit unter den Fachleuten: Therapeutin Spranger geht ebenso wie der Bielefelder Gedächtnisforscher Hans-Joachim Markowitsch davon aus, dass neben den veränderten Lebensbedingungen vor allem neurobiologische Umbauprozesse im zentralen Nervensystem alternder Menschen für die späte Wiederkehr alter Traumata verantwortlich sind. Während sich das Gedächtnis verschlechtere und kognitive Kontrollmechanismen wegfielen, träten offenbar verstärkt jene emotionalen Impulse zutage, die sich einst besonders stark eingebrannt hätten.

Leser-Kommentare
  1. Was gegen die Traumata wohl geholfen hätte, dass wäre Strafverfolgung und Gerechtigkeit gewesen - und nicht Straf- und Narrenfreiheit für die Täter, bzw. für die selbsternannten Befreier, welche eher als Richter und Henker aufgetreten sind.

    Aber der Zug ist abgefahren.

  2. Je jünger die Kinder am Ende des Krieges, desto schlimmer scheinen die - oft unbewußten - Schäden zu sein. Die Traumata der Vergewaltigungen, des Kriegs, der Vertreibung und der zerstörten Städte wurden auf die nächsten Generationen übertragen.

    • Gafra
    • 13.11.2010 um 20:10 Uhr

    nicht Straf- und Narrenfreiheit für die Täter, bzw. für die selbsternannten Befreier, welche eher als Richter und Henker aufgetreten sind.

    Und was ist mit den polnischen, russischen, französischen, englischen, jüdischen Kriegskindern in den von Deutschen überfallenen Ländern, die ebenso traumatisiert sind?
    Anstatt daran zu denken, dass der europäische Krieg, der von Deutschland begonnen wurde, fast überall in Europa traumatisierte Kinder, Jugendliche, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene und anders traumatisierte Menschen hinterließ, nutzen Sie die Gelegenheit, ausschließlich Deutsche als Opfer einer scheinbar unmotivierten Gewalt anzusehen.
    Ein unbekömmliches Süppchen, das Sie da kochen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Und was ist mit den polnischen, russischen, französischen, englischen, jüdischen Kriegskindern in den von Deutschen überfallenen Ländern, die ebenso traumatisiert sind?
    Anstatt daran zu denken, dass der europäische Krieg, der von Deutschland begonnen wurde, fast überall in Europa traumatisierte Kinder, Jugendliche, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene und anders traumatisierte Menschen hinterließ, nutzen Sie die Gelegenheit, ausschließlich Deutsche als Opfer einer scheinbar unmotivierten Gewalt anzusehen."
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    Mit solch einem Thema ist ´Point Godwin´ natürlich schnell erreicht. Heute geht der Punkt an Sie!

    Und, so möchte ich hinzufügen, das betrifft auch die Kinder von tatsächlichen oder vermeintlichen Tätern.

    Ihr Hinweis auf den größeren Zusammenhang ist aber insofern interessant, als dass die Ergebnisse mit dem Problem traumatisierter Kriegskinder in anderen Ländern für alle Betroffenen nutzbar gemacht werden sollten.

    "Und was ist mit den polnischen, russischen, französischen, englischen, jüdischen Kriegskindern in den von Deutschen überfallenen Ländern, die ebenso traumatisiert sind?
    Anstatt daran zu denken, dass der europäische Krieg, der von Deutschland begonnen wurde, fast überall in Europa traumatisierte Kinder, Jugendliche, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene und anders traumatisierte Menschen hinterließ, nutzen Sie die Gelegenheit, ausschließlich Deutsche als Opfer einer scheinbar unmotivierten Gewalt anzusehen."
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    Mit solch einem Thema ist ´Point Godwin´ natürlich schnell erreicht. Heute geht der Punkt an Sie!

    Und, so möchte ich hinzufügen, das betrifft auch die Kinder von tatsächlichen oder vermeintlichen Tätern.

    Ihr Hinweis auf den größeren Zusammenhang ist aber insofern interessant, als dass die Ergebnisse mit dem Problem traumatisierter Kriegskinder in anderen Ländern für alle Betroffenen nutzbar gemacht werden sollten.

    • Gafra
    • 13.11.2010 um 20:12 Uhr

    Im übrigen weist der Artikel nach, dass der Zug eben nicht abgefahren ist, wenn noch rechtzeitig kompetente Hilfe angeboten und ANGENOMMEN wird.

    • Ende
    • 13.11.2010 um 20:38 Uhr

    Ich habe nichts mehr gesehen seit 1992
    außer irgendwelchen Traumaopfern.
    Jenen des 1. Weltkrieges, jene des 2. Weltkrieges.
    Jene der im 2. Weltkrieg Verschleppten -
    Jene der Aussiedler und Spätheimkehrer
    Jene der Migranten aus ganz anderen Ländern.
    An eine Therapie? noch nicht mal Problemerkennung
    - selbst Rechtsprechung -
    oder ganz gewöhnliche Wahrheitsfindung
    ist überhaupt nicht zu denken
    mit sowas was wir an Ärtzen, Amsärzten, Richtern
    und sonstigen haben.
    Alber! Dumm! Frech! Noch nicht mal oberflächlich -
    sondern rein versponnen. "Die Mutter und ihr Kind"!
    und das - wars dann.
    Leider ist alles was ich seit den 68ern gesehen habe
    von einer geradezu unerträglichen Dummheit und Frechheit
    mit i-tüpfelchen Arroganz und Genauigkeit.
    Im Ergebnis also: NICHTS!
    Jeder bleibt stehts für sich und alleine und irgendwelche
    Wissen, Erkenntnisse - sonstige Erlebnisse - dürfen auf
    gar keinen Fall weiter gegeben werden.
    Falls man als Mittler auftreten will -
    geht nur ums Geld - der zufälligen Gegenüber in egal wo.

  3. "Und was ist mit den polnischen, russischen, französischen, englischen, jüdischen Kriegskindern in den von Deutschen überfallenen Ländern, die ebenso traumatisiert sind?
    Anstatt daran zu denken, dass der europäische Krieg, der von Deutschland begonnen wurde, fast überall in Europa traumatisierte Kinder, Jugendliche, ehemalige sowjetische Kriegsgefangene und anders traumatisierte Menschen hinterließ, nutzen Sie die Gelegenheit, ausschließlich Deutsche als Opfer einer scheinbar unmotivierten Gewalt anzusehen."
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    Mit solch einem Thema ist ´Point Godwin´ natürlich schnell erreicht. Heute geht der Punkt an Sie!

    Antwort auf "bfbraun"
    • optun
    • 13.11.2010 um 20:47 Uhr
    8. ratlos

    Ich kann Menschen, die die fürchtlich Greultaten erlebt haben gut verstehen. Was unsere Eltern und ich spreche von Deutschland uns hinterlassen haben, ist geistig nicht zu verstehen bzw. nach zu vollziehen.
    Mein Vater hat ja nun zu den Tätern (Waffen-SS) gehört und meine Mutter sagte immer, dass er, wenn er zu Hause war, in der Nacht aus dem Bett gesprungen sei und um Hilfe gerufen habe. Schweißgebadet legte er sich dann wieder hin. Was muss dieser Mensch erlebt, oder aktiv mit gemacht haben.
    Wie ist es eigentlich von uns Kindern zu ertragen in einer Stadt (Bernburg) zu leben, wo unsere Eltern ca. 25000 Juden durch Gas ermordet haben. Ich habe an der heutigen Gedenkstätte lange und oft zugebracht. Welcher Wahnsinn hat unsere Eltern zu diesem Verbrechen veranlaßt.

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