Kürzlich schrieb ich mal wieder einen Roman. Morgens schlug ich die Zeitung auf und fand eine Kritik, den Autor kannte ich nicht. Er schrieb, aus dem Roman gehe klar hervor, dass ich ein "Trottel" sei, ein "Hausschwein", ein "Weichei", wie es "bei Dussmann an der Kasse ausliegt", ich hätte mir "revanchistisches Samenstaugewinsel auf die Fahne geschrieben", ich sei ein "Mario Barth", "gefährlich", "täppisch" und ein "extratumber Tor". Außerdem sei ich onaniersüchtig und hätte daher ständig eine Packung Tempo-Taschentücher dabei. Da habe ich mir erst mal eine zweite Tasse Kaffee geholt. Mein Buch musste diesen Mann, diesen Kritiker, total aus der Spur getragen haben.

Von da an klingelte das Telefon. Leute riefen an oder mailten und sagten, das Buch habe ihnen sehr gefallen, das hätten sie mir normalerweise nicht gesagt, aber nun, wegen dieser Kritik, taten sie es. Erstaunlicherweise war es ein toller Tag für mich, ich war noch nie so oft gelobt worden. Ein maßvollerer Verriss hätte dies niemals bewirkt. Meine Mutter wollte zu der Zeitung fahren und sich den Kritiker vorknöpfen, einen gewissen Schmidt. Das konnte ich verhindern. Freunde sagten, ich sei garantiert das heimliche Vorbild von Schmidt. Das sei ein ehrgeiziger junger Mann, der sich an seinem Vorbild ödipal abarbeitet.

Am meisten wunderte mich Schmidts Vorwurf, ich sei "onaniersüchtig". So oft onaniere ich wirklich nicht. Sonst könnte ich doch gar nicht so viele Kolumnen schreiben. Ich würde es, wenn es zuträfe, zugeben – was ist schon dabei? Heutzutage ist das doch kein Tabu mehr. 90 Prozent aller Menschen tun es, auch Schmidt sollte es ruhig einmal tun. Der Vorwurf ist außerdem unlogisch, denn eine Person kann doch nicht, wie Schmidt es mir vorwirft, gleichzeitig unter "Samenstau" und unter "Onaniersucht" leiden. Da muss er sich in seiner Wut zwischen den beiden Vorwürfen schon entscheiden.

In dem Roman kommt, relativ kurz, ein Jugendlicher vor, der masturbiert. Das stimmt. Aber Jugendliche tun doch wirklich solche Dinge. Sexualität ist ein Teil des Lebens! Außerdem ist es ein Roman. Günter Grass zersingt doch auch kein Glas und schluckt keine NS-Parteiabzeichen, obwohl er die Blechtrommel geschrieben hat.

Dann habe ich recherchiert und festgestellt, dass Schmidt praktisch jedem, der in Deutschland erfolgreich etwas mit Kultur macht, schon mindestens einmal vorgeworfen hat, er oder sie onaniere zu viel oder besitze zu viele Hormone. Offenbar ist das ein Masturbationsbesessener. Heinz Strunk, der Autor von Fleisch ist mein Gemüse? "Als Erzähler ein Zwangsonanist." Der Schauspieler Josef Bierbichler? "Monomanischer Nestbeschmutzer." Botho Strauß? "Schlüpfrig, schwitzt ranzige Altmännerfantasien aus." Wolf Wondratschek? "Riecht nach ranzigem Testosteron." Der Regisseur Luc Bondy? "Testosterontheater. Inszeniert mit dem Ziselierstichel." Gelten lässt Schmidt nur Daniel Kehlmann, der ein "kastrierter Hauslehrer" sei und deshalb gegen dieses Laster gefeit, sowie Franz Xaver Kroetz, der sei nämlich "impotent".

Da war ich als Hausschwein noch relativ gut weggekommen, ein bisschen scheint Schmidt mein Buch trotz allem gemocht zu haben. Dies alles schreibe ich auch keineswegs, um mich über eine mit viel Herzblut geschriebene Literaturkritik lustig zu machen. Ich möchte nur all den Jugendlichen da draußen sagen, dass es wirklich eine natürliche Sache ist. Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben, fast alle Menschen tun es. Alle außer Schmidt, und ihm hat sein Verzicht nicht gutgetan.

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