MumbaiFriede den Palästen

Zwei Jahre nach den Anschlägen machen die beiden prächtigsten Hotels von Mumbai einen Neuanfang. von Wolf Alexander Hanisch

Eine indische Familie lässt sich vor dem Taj Mahal Palace Hotel fotografieren

Eine indische Familie lässt sich vor dem Taj Mahal Palace Hotel fotografieren   |  © INDRANIL MUKHERJEE/AFP/Getty Images

Ein Mann wie Herr Singh sagt einem selten Guten Tag. Der Zweimeterhüne trägt eine triumphale Schnurrbartbürste, Goldbrokat für zehn Admiräle und ein strassfunkelndes Kunstwerk von einem Turban. Weniger kommt nicht infrage für einen Portier, der vor dem Taj Mahal Hotel in Mumbai die Autotüren öffnet. Herr Singh tut das mit einer raumgreifenden, nahezu deklamierenden Geste. Wer ihm eine Weile dabei zusieht, kann trotzdem nicht anders, als Mitleid zu empfinden. Denn die Grandezza seiner einzigen Amtshandlung verkümmert im schnöden Durcheinander von Männern, die keine Turbane, sondern Tellermützen tragen – Sicherheitsleute leuchten in Kofferräume und Motorhauben, schieben Spiegel unter Bodenbleche. Zwischen ihnen wirkt Herr Singh wie ein Bollywood-Held, der sich an einen Grenzübergang der DDR verirrt hat. Er hält die Hände noch zum Gruß gefaltet, da ruckelt schon das Gepäck durch eine Durchleuchtungsmaschine, fiepen Detektoren über Arme und Beine der Gäste.

Mumbai: Anreise

Fast alle großen Fluggesellschaften fliegen Mumbai an. Günstige Direktflüge ab Frankfurt bietet Air India

Einreise

Erforderlich sind ein mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass sowie ein Visum (50 Euro), erhältlich bei den indischen Konsulaten oder bei der indischen Botschaft in Berlin, www.indischebotschaft.de

Unterkunft

Taj Mahal Palace and Tower Hotel (Apollo Bunder, Mumbai 400001, Tel. 0091-22/66653366, www.tajhotels.com). Im Tower aus den siebziger Jahren bekommt man ein Doppelzimmer ab 240 Euro.
Schöner sind die Luxury Grande Rooms im Palast für 395 Euro Oberoi (Nariman Point, Mumbai 400021, Tel. 0091-22/66325757, www.oberoihotels.com). DZ ab 504 Euro pro Nacht

Auskunft

Indisches Fremdenverkehrsamt, Tel. 069/2429490, www.india-tourism.com

Der Sicherheitskult vor Indiens Hotelikone ist enorm. Doch genützt hat er nichts, als vor zwei Jahren, am 26. November 2008, Terroristen die Luxusherbergen Taj Mahal Palace und Oberoi sowie ein halbes Dutzend weiterer Ziele im einstigen Bombay attackierten und dabei 166 Menschen töteten. Drei Tage lang hielten sie damals Touristen und Hotelangestellte als Geiseln gefangen, lieferten sich Schießereien mit Spezialeinheiten der Polizei. Am Ende lagen weite Teile des Taj Mahal Palace in Trümmern. Die brennende Kuppel des Hotels wurde zum Emblem des Terrors, der zum ersten Mal in Indien eine der Karawansereien der Reichen und Mächtigen ins Visier genommen hatte.

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Seit seiner Wiedereröffnung im August versucht der Palast, die Schrecken der Vergangenheit vergessen zu machen. Natürlich: Als glanzvolle Refugien trachten Luxushotels überall auf der Welt danach, die hässlichen Seiten der Wirklichkeit auszusperren. Mumbai hat davon reichlich: Der 18-Millionen-Moloch ist kein Ort für klassische Besichtigungstouren. Man kann sich nur hineinstürzen in seine Bilderflut, die keine Übergänge kennt und in der alles gleichzeitig zu geschehen scheint. Irgendwann muss man fliehen vor Mumbais too-muchness, die Salman Rushdie seiner Geburtsstadt attestiert. Und vor der einen kein Haus schöner behütet als das Taj Mahal Hotel – eine architektonische Kalorienbombe mit Zutaten aus Renaissance und Viktorianismus sowie einer Prise orientalischer Bögen.

Wer durch seine Drehtür tritt, glaubt, von einem Traum in den nächsten zu wechseln. Kühle löst das Hemd von der nass geschwitzten Brust. Es duftet nach Blumen, die Melodie von Doktor Schiwago weht durch die Lobby. Benommen lässt man sich auf einem der sahnefarbenen Diwane nieder. Ringsum fummeln Beaus mit Sonnenbrille im Haar an ihren iPhones, stöckeln Damen aus Boutiquen von Bulgari, Louis Vuitton oder Montblanc. Ein paar Schritte weiter gibt es einen Buchladen. Wer dort nach Veröffentlichungen über die Anschläge fragt, blickt erst in ratlose Gesichter. Dann durchsuchen gleich drei Mitarbeiter das Geschäft und bringen irgendwann ein Taschenbuch zum Vorschein, das sie auf Kniehöhe ins Regal sortiert hatten.

Reminiszenzen an den Terror haben es schwer im Taj Mahal. Auch das Denkmal für die Toten könnte kaum unauffälliger sein. Es befindet sich in einer Art Wintergarten, in dem eine Marmorwand die Namen der 32 ermordeten Gäste und Personalangehörigen auflistet. Hier gibt es auch eine Sitzbank für Angehörige. Doch um sie zu nutzen, müssen sie an der Rezeption um Zugang bitten.

»Wir akzeptieren die Ereignisse als Teil unserer Geschichte. Aber wir wollen nicht, dass sie alles überstrahlen«, sagt Birgit Zorniger und zupft den Kragen ihres Seidenanzugs zurecht. Die schwäbische Vizehotelchefin sitzt in der horizontblau getünchten Sea Lounge unter silbernen Lüstern. Hier suchten Gäste hinter umgestürzten Tischen Schutz vor Granaten und Gewehren, ehe die Terroristen das Café in Brand steckten.

Zorniger weicht dem Thema nicht aus. Und doch ist ihr offenbar wohler dabei, über die gloriose Vergangenheit ihres Hotels zu sprechen, das die Nahtstelle des kolonialen Indiens zur Neuzeit markiert: Hier wurde die Unabhängigkeit des Landes verhandelt, gab sich die Weltprominenz die Klinke in die Hand. Betuchte Mumbaier betrachten das Taj Mahal seit seiner Eröffnung 1903 als ihr Wohnzimmer. Hier arrangieren sie Ehen, feiern Feste, nehmen den ersten Drink ihres Lebens. Das hat sich auch nach den Anschlägen nicht geändert. Sie sei stolz darauf, sagt Zorniger, dass das für knapp 30 Millionen Euro renovierte Haus seine »Tajness« bewahrt habe. Selbst in der Nebensaison seien die 285 Zimmer und 49 Suiten im Palastflügel zu 70 Prozent belegt.

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