ZEITmagazin: Herr Ballhaus, was war das einschneidendste Erlebnis Ihres Lebens?

Ballhaus: Das war sicher der Tod meiner Frau Helga im Jahr 2006. Ich hatte damals gerade meine Arbeit in Amerika aufgegeben. Nach 25 Jahren Filmemachen dachte ich: Das ist genug, jetzt fangen wir mit Dingen an, die wir immer machen wollten. Doch dann starb sie ganz plötzlich. Eines Morgens hatte sie furchtbare Schmerzen. Ich brachte sie sofort ins Krankenhaus, sie bekam Schmerzmittel und war ab da nicht mehr bei Bewusstsein. Fünf Stunden später war sie tot.

ZEITmagazin: Sie konnten nicht mehr Abschied von ihr nehmen?

Ballhaus: Nein. So ein plötzlicher Tod ist erschreckend und unfassbar. Man kann sich nicht darauf vorbereiten. Ich war wütend und habe sie in meinem Schmerz angeschrien: »Du kannst nicht einfach so abhauen!« Es war die pure Verzweiflung, als sie da lag und tot war.

ZEITmagazin: Sie fühlten sich im Stich gelassen?

Ballhaus: Natürlich! Wir waren fast fünfzig Jahre verheiratet. Sie war nicht nur eine wunderbare Frau für mich, sondern auch eine wichtige Beraterin. Ohne sie hätte ich niemals diese Karriere machen können. Sie hat mir den Rücken frei gehalten und ist damit fertig geworden, dass sie kein eigenes Leben hatte. Sie war leidenschaftlich gerne Schauspielerin, aber sie hat sich für die Familie entschieden und unsere beiden Söhne großgezogen. Sie hat viele Opfer in dieser Ehe gebracht. Ich hatte Erfolg und stand auf der Sonnenseite, während sie in meinem Schatten war. Das muss eine sehr große Liebe gewesen sein, dass sie das durchgestanden hat. Vielleicht habe ich dieses Unglück ja verdient nach all dem Glück, das mir in meinem Leben widerfahren ist. Das Schlimme daran war diese Doppelung, dass ich gleichzeitig keinen Beruf und keine Frau mehr hatte. Da war nur ein tiefes Loch.

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ZEITmagazin: Was hat Ihnen wieder herausgeholfen?

Ballhaus: Zuerst war ich fast wie versteinert, ich war nicht ganz bei mir. Aber meine Familie, besonders meine Schwester Ulla, die ich sehr mag, hat sich sehr um mich gekümmert. Plötzlich hatte ich das Gefühl, da ist jemand, bei dem ich in meiner Trauer aufgehoben bin. Ganz entscheidend war, dass Ulla selbst auch einen schweren Verlust erleiden musste und dadurch meinen tiefen Schmerz empfinden konnte. Ihre Liebe und ihr Verständnis und diese Vertrautheit mit ihr haben mich gerettet. Ich bin ihr sehr dankbar dafür.

ZEITmagazin: Sind Sie ein Egoist?

Ballhaus: Ja, ich bin auch ein Egoist. Ich habe mir oft genommen, was für mich gut war, und nicht beachtet, dass ich andere damit verletzen könnte. Es ist vielleicht auch so, dass dieser Egoismus zu meinem beruflichen Erfolg beigetragen hat. Das ist traurig, aber ich bin halt der, der ich bin.