Pension Pötters, Essen-Katernberg. Hier zu wohnen ist ein bisschen Albtraum und ein bisschen Glücksfall. Kann man gründlicher in ein Sammelsurium von Ruhrpott-Klischees hineingeraten, auf seiner allerersten Reise in diese nicht ganz geheure Gegend? Um die Ecke der schlichten Gründerzeit-Mietshausstraße liegen Erikas Klümpchenbude mit Bild- Zeitung und Gummi-Naschwerk, ein verschabter Imbissstand und eine Sauerbraten-und-Apfelrotkohl-Kneipe namens Warsteiner Stiefel, ein paar Schritte weiter der Brieftaubenzüchterverband samt Taubenklinik. Nur ein Katzensprung ist es zu düsteren Zechenkolonien, an einem Bergarbeiterhäuschen lässt sich sogar schattenhaft »Wählt Thälmann« entziffern. Meine Pensionswohnung ist ein Bühnenbild in Gelsenkirchener Barock. Das bauchige Politurvertiko, der atemberaubende Brokatmustermix der Tapeten und die Milchglasschalen des Lüsters – alles schwelgt in ruhrgebietstypischer Kleinbürgerpracht.

Das Interieur haben die heutigen Betreiber, das Arztehepaar Friedhelm und Regina Lieder, so inszeniert. Doktor Lieder hat seine Praxis im Haus. Pötters heißt die Pension nach den Vorbesitzern, die seine Patienten waren. Nachdem die Lieders, engagierte Heimat-Erforscher, das Gebäude gekauft hatten, stießen sie im Keller auf Berge von Fotos und Dokumenten zur Hausgeschichte: »Im Stil der alten Bilder haben wir dann die Gästewohnungen möglichst originalgetreu eingerichtet.«

Wir sind hier im Essener Norden – dort, wo die Stadt von jeher rau und proletarisch war, viel näher am Industriefluss Emscher als an der mäandernden Ruhr mit ihren grünen Villenvierteln. Von Katernberg habe ich es nicht weit in jenes Stück Revier, das im Schlagschatten des Großereignisses Kulturhauptstadt 2010 liegt: in die Städte der »Emscherzone«, die Gelsenkirchen und Bottrop, Wanne-Eickel, Herne oder Castrop-Rauxel heißen. Hier schlug das Herz des Ruhrgebiets, das von Rechts wegen Emschergebiet heißen müsste. Hier ballten sich, entlang des Transportwegs Rhein-Herne-Kanal, entlang der zur Abwasserkloake denaturierten Emscher, die Gruben, Kokereien, Stahlwerke und Abraumhalden.

Wenn man wie ich im ländlichen Oberbayern ansässig ist, liegt das Ruhrgebiet sehr weitab, man ist um Stunden schneller in Verona oder Wien. Georg Kreislers Gelsenkirchen-Spottlied kenne ich seit meiner Kindheit vom elterlichen Plattenteller in München-Schwabing, der Moloch Ruhrgebiet war aus dieser Sicht igitt. Jetzt im Revier unterwegs zu sein, erlebe ich von der ersten Minute an als ein aufregendes Cruising. Das Auto ist hier, im Dorado der Kfz-Narren und Tuning-Tempel, durchaus adäquates Verkehrsmittel. Auf kleineren Verbindungsstraßen rolle ich durch diese zerstückelte Stadtlandschaft – eine chaotische Agglomeration aus Vorstädtischem, Gewerblichem, Industrierelikten und struppigem Grünland.

Bin ich noch in Essen-Karnap, bin ich in Gelsenkirchen-Horst oder schon in Bottrop-Batenbrock? Auf welchem Terrain liegt dieser rührend schäbige Fußballplatz »Mathias Stinnes«? Wozu gehören die Gaskessel, Kraftwerksschlote, die Kläranlagen-Faultürme, die wie riesige Frühstückseier aussehen? Der weiße Dampf, der kompakt wie Rasierschaum in den Himmel quillt, entsteigt der Bottroper Kokerei Prosper. Aber dann, verblüffend idyllisches Kontrastprogramm, geht es auch wieder durch die Stille verschatteter Platanenalleen, wie man sie aus der Provence kennt – nur dass die Laubkronen hier die strengen Backsteinreihungen der Zechenkolonien überwölben. Vierspänner hießen die geviertelten Häuschen mit Wohnungen à 50 Quadratmeter und Kriechkeller, in denen sich häufig zwölfköpfige Bergmannsfamilien drängelten. Fünfzig Prozent aller Häuser in Bottrop stehen in ehemaligen Werkssiedlungen. Manche karg und melancholisch, andere, die Gartenstadt Weilheim etwa, bunt wie eine Kinderbuchillustration. Von den Bergwerksbetreibern streng an der Kandare geführt wurden alle Bewohner.

Beim Umherschlendern wird man zwangsläufig zum Industrieromantiker

Wie subtil die Methoden der sozialen Kontrolle waren, erfährt man in der Lohnhalle der ehemaligen Bottroper Zeche Arenberg Fortsetzung, heute ein stilvoll restauriertes Gründerzentrum für Jungunternehmer. Hier wurden die Schalterfenster so niedrig angebracht, damit die Kumpel zum Empfang der Lohntüte demütig in die Knie gehen mussten. Solche Strategien der Einschüchterung lassen sich auch hinter den festungsartigen Malakow-Türmen vermuten, die in wilhelminischer Zeit um die Fördergerüste vieler Zechen herumgebaut wurden. In Bottrop hat sich ein besonders ehrfurchtgebietendes Exemplar erhalten, umgeben von alten Werkshallen mit zerborstenen Scheiben und Brachenwildnis.

Im Vorbeifahren und Umherschlendern wird man zwangsläufig zum Industrieromantiker. Ich verschaue mich immer mehr in diese Reliktszenerien aus Hammerkopftürmen, eisenroten Strebengerüsten, Rohrleitungen und überwachsenen Gleisen – in diese ehedem verschlossenen Städte der Zechengelände. Man wünscht sich gar nicht, dass nun alles zu sandgestrahlten Designer- und Atelierzentren umgewidmet wird. Und noch mehr Spaßparadiese müssen auch nicht sein – wie das Alpincenter Bottrop mit der längsten überdachten Kunstschneeabfahrt der Welt. Ein hässlicher Riesenwurm aus Kunststoff verhüllt die ehemalige Bottroper Abraumhalde. Diese Örtlichkeit mit ihrem schwärzlichen Fabrikhallencharme, ihren Plastikschneewülsten vor Gletscher-Fototapeten ist ein besonders krasses Beispiel für die künstlichen Freizeitwelten, welche die ehemals ernste und schwere Arbeitswelt des Ruhrgebiets heute mit kindischen Pläsierangeboten überziehen.