Die Geschichte des Sergej Tschetschuj ist bizarr. Aber sie beschreibt den Alltag vieler russischer Unternehmer. Seit sechs Jahren kämpft der Mann aus Wolgograd um seine Firma Elektra – gegen Kriminelle, Polizisten, Staatsanwälte und Richter.

Tschetschuj produziert Desinfektionsmittel. Der Feldzug gegen ihn begann 2004, als er gerade 250.000 Euro in neue Maschinen investiert hatte. Zuerst griff ein ortsansässiger Krimineller zu den Methoden der wilden neunziger Jahre: Tschetschuj wurde entführt und verprügelt. Als er mit zerschlagenen Beinen im Krankenhaus lag, kamen Fremde mit gefälschten Besitzdokumenten in seinen Betrieb und versperrten den Mitarbeitern den Zugang. Die Haustüren loyaler Angestellter gingen in Flammen auf. »Du hast doch Kinder!«, warnten die Eindringlinge Tschetschuj-treue Mitarbeiter. Doch der Firmenchef kehrte zurück und nahm sich Bodyguards. Es gelang ihm, die Fälschung der Dokumente zu beweisen.

Mehr als eine Atempause habe ihm das aber nicht gebracht, erzählt Tschetschuj. Er ist ein Unternehmer, der sich keineswegs leicht einschüchtern lässt. »In Russland«, sagt der 44-Jährige, »müssen sich die Ertrinkenden selbst retten.« Sein voluminöser Oberkörper zeugt von ausgiebigem Bodybuilding. Durchsetzungsfreudig ist er und stur. Im knallroten Geländewagen überholt er auf dem Weg zu seiner Firma die Warteschlange der Autos vor der Kreuzung links auf der Gegenfahrbahn. Als ihn ein Polizist stoppt, regelt er das unbürokratisch im Polizeiwagen.

Ende der achtziger Jahre, als eine Vorstufe freien Unternehmertums erlaubt wurde, handelte Tschetschuj mit Schokoriegeln, später mit Whisky und Autos. Dann baute er die Desinfektionsmittelproduktion auf. »Wenn man mich nur in Ruhe ließe, dann wäre alles bestens!«, klagt der Unternehmer. »Ich liebe Russland, aber Arbeit gilt hier als Vergehen und Geldverdienen als Verbrechen.«

Es sind mafiöse Kleinkartelle aus Polizisten, Geheimdienstlern und Staatsanwälten, die russische Unternehmer wie Tschetschuj erpressen und mit richterlicher Duldung hinter Gitter bringen. Mal geht es ihnen um Schutzgelder, mal wollen sie das Unternehmen ausschlachten oder die Firmenimmobilie verkaufen.

Nur selten dringen die Angriffe auf die mittelständischen Firmenchefs an die Öffentlichkeit. Wenn es aber einen extravaganten Milliardär wie den Moskauer Unternehmer Alexander Lebedjew trifft, der auch vor Kritik an Russlands Politik nicht zurückscheut , ist Aufmerksamkeit garantiert: In der vergangenen Woche stürmten vermummte Polizisten die Zentrale seiner National Reserve Bank. Während der »Maskenshow«, wie solche demonstrativen Polizeiauftritte seit den neunziger Jahren spöttisch genannt werden, wurden Dokumente beschlagnahmt. Das Ziel der Aktion ist noch unklar. Im spektakulärsten aller Fälle steht derzeit der einst reichste Mann Russlands, der Ölunternehmer Michail Chodorkowskij, wegen Betrugs ein zweites Mal vor Gericht . Sein früheres Unternehmen Yukos ist schon zerschlagen worden. Bei Chodorkowskij kam noch ein politisches Motiv hinzu , da er die Opposition gegen Wladimir Putin finanzierte.