Lange befürchteten Veranstalter, die Krise könnte den Deutschen weite Reisen dauerhaft verleiden: Wer alle Ersparnisse verloren hat, sonnt sich nicht in der Südsee. Wer nicht weiß, ob ihn die Firma bald in Kurzarbeit schickt, fährt eher in den Harz als auf die Malediven. Doch nun erholen sich die Wirtschaftsdaten – und in der Branche beginnt das große Aufatmen. Mittelstrecken- und Fernreisen werden wieder häufiger gebucht. "Die Zahlen sind ähnlich hoch wie vor der Finanzkrise", sagt Klaus Laepple, Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV). Urlauber buchen auch nicht mehr massenhaft in letzter Minute, sondern trauen sich, ihr Geld längerfristig zu verplanen.

Wohin aber zieht es die Deutschen? Zum Beispiel nach Syrien, Jordanien und Israel, sagt Frano Ilić von Studiosus. "Der Nahe Osten erlebt bei uns gerade ein Hoch. Wohl noch nie war er als Reiseregion so begehrt." Bei der Gebeco werden Syrien und Israel laut Geschäftsführer Ury Steinweg fast um ein Drittel häufiger gebucht als im Vorjahr. Auch TUI-Kunden zieht es verstärkt in biblische Lande. Ein Trend, den der DRV bestätigt: "Nahost wächst deutlich", sagt Laepple.

Schon grübeln die Veranstalter, was den Boom ausgelöst haben mag. Das Plus bei Syrien und Jordanien führt Studiosus zum Teil auf die Sarrazin-Debatte zurück. "Die Leute wollen sich selbst ein Bild von islamischen Ländern machen", so Ilić. Auch Steinweg glaubt, dass sich die öffentliche Diskussion über Religion und deren Einflüsse auf Kultur und Gesellschaft in den aktuellen Reisevorlieben der Deutschen spiegelt. Nach Angaben mehrerer Anbieter sind auch Kulturreisen in die Türkei äußerst beliebt geworden.

Zudem werde "die Lage im Nahen Osten wieder als entspannter wahrgenommen", sagt Ilić. Schon länger zeigten die Nachrichten keine Bilder mehr von Explosionen in israelischen Cafés und Diskotheken. Und Syrien gelte nicht länger als "Schurkenstaat wie zu Bush-Zeiten", erklärt Ury Steinweg von der Gebeco. "Die Leute holen ihre Reisen in diese Region jetzt einfach nach. Immerhin hat Syrien eine der ältesten Hochkulturen der Welt. Und Petra in Jordanien ist eine der großartigsten Sehenswürdigkeiten überhaupt." Nur in Iran will angesichts der aktuellen politischen Situation fast niemand mehr Urlaub machen.

Die Veranstalter reagieren auf das große Nahostinteresse mit neuen Angeboten. Studiosus organisiert nun erstmals eine eigene Reise in den Libanon. Auch Gebeco hat das Land ins Programm genommen. Marco Polo weitet sein Nahostangebot aus, Alltours und Chamäleon bieten neue Reisen nach Ägypten an.

Auch in einer anderen Weltregion zeigt sich, wie sehr die Nachrichtenlage das Reiseverhalten beeinflussen: Für Lateinamerika war 2009/10 eine schwierige Saison. In Mexiko wütete die Schweinegrippe, in Peru war die Hauptattraktion Machu Picchu nach Regengüssen und Erdrutschen über Wochen nicht erreichbar. In Chile bebte die Erde, Hunderte starben. Viele Urlauber wichen auf andere Ziele aus. Dadurch gebe es mittlerweile auch in dieser Region "einen enormen Nachholbedarf", sagt Steinweg. Gerade Chile, das Land der spektakulären Minenarbeiter-Rettung, sei momentan überaus gefragt. "Und Brasilien ist ohnehin ein Dauerbrenner", sagt Laepple.

Dass Lateinamerika immer beliebter wird, hat auch die TUI bemerkt. "Die USA und Kanada kennen viele schon, nun möchten sie den exotischeren Rest Amerikas sehen", sagt die Pressesprecherin Alexa Hüner. In diesem Winter bietet die TUI erstmals Panamareisen an. Mehrere Reiseveranstalter haben inzwischen auch Kolumbien im Programm, das lange Zeit wegen seiner Drogenkriminalität gemieden wurde.

Weil Reiseroutiniers, die schon als Studenten mit dem Rucksack ferne Länder erkundet haben, sich auch im vorgerückten Alter ungern gängeln lassen, setzt die Branche noch auf einen weiteren Trend: Die Angebote werden flexibler. Laut Studien der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen hat der Wunsch, unterwegs spontan zu bleiben, in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Studiosus etwa führte 2009 die "Extratouren" ein, bei denen Gruppenreisende vor Ort Alternativen zum geführten Programm wählen können. Das Angebot werde gut angenommen, teilt der Veranstalter mit. Der Spezialanbieter China Tours stellte jetzt sein neues Konzept "Elements of China" vor, mit dem er vermehrt Kunden unter 45 Jahren anlocken will. Die Teilnehmer reisen wohlbehütet in der Gruppe, entscheiden aber individuell, ob sie auf der Großen Mauer lieber picknicken oder joggen oder das Bauwerk in Tusche verewigen wollen.

Auch das ließe sich als Reaktion auf neuere gesellschaftliche Entwicklungen deuten: Gerade Gutverdienern, einer wichtigen Zielgruppe für Studienreisen, wird in Krisenzeiten oft besonders viel Arbeit aufgebürdet. Da liegt es nahe, dass sie wenigstens im Urlaub ihre Freiheit genießen möchten.