Wildscheine in einem Tiergarten in Österreich © Dieter Nagl/AFP/Getty Images

Für Dieter Swart ist montags oft Großkampftag: »Da kommen die Jäger mit ihrer Strecke vom Wochenende.« Und derzeit ist Hochsaison für Wildschweine. Der Vorsitzende der Jagdverbands-Kreisgruppe Aichach in Bayern verarbeitet dann je ein Pfund Muskelfleisch – »keine inneren Organe, keine Haut« – der erlegten Tiere zu Brei, füllt es in sein Messgerät und drückt auf »Start«. Bei etwa jeder fünften Probe piepst es: mehr als 600 Becquerel pro Kilo, zu viel Radioaktivität! Dann landet das Wild statt auf dem Tisch in der Tierkörperverwertung, der Jäger bekommt eine Entschädigung.

Dafür hat der Bund im vergangenen Jahr 424.650 Euro gezahlt, so viel wie noch nie zuvor – und das mehr als 24 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl. 1996, als die Zahlungen für strahlende Wildschweine erstmals gesondert aufgelistet wurden, waren es nur 10.000 Mark. Wieso schnellen die Schäden erst jetzt so in die Höhe? Eigentlich sollten sie doch mit dem Zerfall der Radionuklide sinken.

Das liegt vor allem an den Wildschweinbeständen: »Die haben stark zugenommen«, erklärt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdschutz-Verband (DJV) . Dank verstärktem Maisanbau, großen Eichelmengen und durchschnittlich milderen Wintern hat sich Deutschland für Sus scrofa zum Schlaraffenland entwickelt . 1986 wurden in Bayern, dem vom Tschernobyl-Fallout am stärksten betroffenen Bundesland, gerade mal 9000 Wildschweine geschossen. In der Jagdsaison 2008/09 waren es 620.000. Mehr Schweine, ergo mehr Entschädigungen.

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Im Detail ist das Phänomen der strahlenden Schweine komplizierter: Je nach Region und Jahreszeit sind sie extrem unterschiedlich belastet. Die höchsten Werte werden im Bayerischen Wald gemessen, aber auch Teile Baden-Württembergs und Thüringens sind betroffen. Dass Wildschweine immer noch und weit mehr als andere Waldtiere verstrahlt sind, liegt daran, dass sie Radionuklidsammler aus dem Boden wühlen und verspeisen: Hirschtrüffel . Diese Pilze reichern strahlendes Caesium stark an, wesentlich mehr als Steinpilze oder Pfifferlinge (die inzwischen fast überall unbedenklich sind).

Solange Sus scrofa im Sommer Weizen und im Herbst Mais, Eicheln oder Bucheckern frisst, schlagen die Messgeräte selten Alarm. Aber sobald ihre bequemen Futterquellen versiegen und sie nach Essbarem gräbt, beginnt sie zu strahlen, gewöhnlich zur Adventszeit.

Mit wachsendem Aufwand werden belastete Tiere ausfindig gemacht: In Bayern wird Wildbret aus kontaminierten Gebieten an 99 Messstationen kontrolliert, 22 wurden 2009 neu eingerichtet. Erst seit zwölf Jahren testen bayerische Jäger selbst, vorher mussten sie Proben an vier staatliche Messzentralen schicken. Gut möglich, dass da nicht jedes Schwein kontrolliert wurde.

In Aichach war damit Schluss, als Dieter Swart im Jahr 2000 begann, das Sommerfestival des »Sisi-Schlosses« in Unterwittelsbach mit Wild zu beliefern. Von da an kam nur noch gemessenes Fleisch auf den Tisch, erzählt er. »Am Anfang haben uns die Leute hier für verrückt erklärt.« Swart ist ein korrekter Mensch, war jahrzehntelang bei einem Technikkonzern für die Produkthaftung zuständig. Jetzt ist er pensioniert – und stolz, wie sich seine Kontrolle durchgesetzt hat: »Die Restaurants haben dann sogar meine Prüfbescheinigungen in ihre Speisekarten gesteckt.«