An einem Samstagmorgen stehe ich bei Hammersbach im Wald und nestele an meiner Kleidung. Ich habe mich hinter einen Baum gestellt. Mir ist peinlich, was ich hier tue. Ein Wanderpärchen kommt des Wegs. Sie schaut taktvoll in die Baumkronen. Ihr Partner starrt umso unverblümter. Geht weiter, dreht sich noch einmal um und sagt: »Schaust aus wie a Frosch!«

Wie ich in eine solche Situation geraten konnte? Weil ich Zehenschuhe trage. Ich habe lange gebraucht, diesen Satz so selbstverständlich klingen zu lassen. Denn ich bevorzuge Lederstiefel, seit ich bei Michel de Montaigne einmal las: »Trage immer deine Stiefel, und sei bereit.« Stiefel sind schön, Stiefel schützen, Stiefel geben Halt bis ins Metaphysische hinein. Zwar höre ich seit Jahren, barfuß gehen sei unglaublich gesund, doch das kam für mich nie infrage. Allein der Dreck überall.

Dann stieß ich auf diese Zehenschuhe. Der Hersteller sagt, in ihnen komme man dem Barfußgefühl so nahe wie nur möglich in Schuhen. Ich hätte die positiven gesundheitlichen Folgen, ohne mich dem Schmutz und der Gefahr auszusetzen. Außerdem ist der Anbieter weltberühmt für seine Wanderstiefelsohlen. Bestimmt, dachte ich, hat sich dieser rustikale Geist auf die Zehenschuhe übertragen.

Die Dinger sehen tatsächlich aus wie ein blöder Witz. Jeder Zeh hat ein Abteil. Die Sohle besteht aus einer speziellen Gummimischung. Sie ist profiliert wie ein Allwetter-Autoreifen, ergonomisch vorgeformt und hinten, an den Seiten sowie an den Zehen hochgezogen. Ein Polyamidgewebe hält den Schuh eng am Fuß. Kurz: Diese Schuhe liegen am entgegengesetzten Ende der Skala all dessen, was mir an Schuhwerk je wichtig gewesen ist.

Darum stehe ich jetzt also verschämt am Waldrand. Muss ja nicht jeder sehen, wie ich versuche, in meine Zehenschuhe zu schlüpfen. Ich werde noch lange genug in ihnen unterwegs sein. Bis auf den Gipfel der Zugspitze will ich damit. Denn wenn schon gesund, dann richtig. So werde ich also die Schuhe einem Praxistest unterziehen und gleichzeitig meine Fähigkeit, mein Selbstwertgefühl nicht an Äußerlichkeiten festzumachen.

Auf meinem Weg bergauf fühle ich mich immer wieder wie eine Frau mit großen Brüsten in einem sehr engen T-Shirt: Kein Mann schaut mir zuerst in die Augen. Man spricht sogar mit mir und stiert dabei direkt auf meine Füße. Zudem bewege ich mich wie ein Waldtroll. Das klassisch-dynamische Abrollen über die Ferse funktioniert mit meinen Schlappen nicht. Unbeholfen patsche ich die Wegschleifen hoch und sehne mich nach meinen Stiefeln. Bis zum Gipfel sind es 2200 Höhenmeter. Wie ich die je schaffen soll, ist mir ein Rätsel.

Bergkameraden überholen oder kommen mir entgegen. Und alle schauen auf meine Füße. »Ente«, »Hobbit«, »Bigfoot«, höre ich sie murmeln. So viel Aufmerksamkeit ist mir peinlich. Ich schäme mich für mein Aussehen. Nach einer Weile fange ich sogar an, mich bei Begegnungen vorauseilend für mein Schuhwerk zu entschuldigen, ich erkläre den Textcharakter meiner Wanderung, bevor wieder jemand blöd guckt. Hilft aber nicht.