Pater Karl steht auf der Kanzel. Das stählerne Geländer ist in einem Orange aus den siebziger Jahren lackiert. Über ihm tun sich hundert kreisrunde Öffnungen auf, rätselhafte Stäbe ragen aus der Decke. In seiner randlosen Brille spiegeln sich Bündel von silbrig glänzenden Rohren. Mit staunenden Augen schaut er sich um, sein Blick bleibt an der Doppelschleuse hängen. Die gepanzerten Luken sehen aus wie Riesenbullaugen. »Ich erwarte, dass gleich Captain Kirk auftaucht«, sagt der Mann im schwarz-weißen Habit. Er ist nicht zum ersten Mal auf dieser Kanzel, schüttelt aber noch immer verwundert den Kopf. »So was wie hier gibt’s nur hier.«

Zwei Meter unter ihm steht Stefan Zach. Er trägt ein rotes Poloshirt mit dem Logo der EVN, der Energieversorgung Niederösterreich. Mit fröhlicher Miene erklärt der Unternehmenssprecher, dass diese Kanzel eine Steuerstabwechselbühne ist. Von hier werden die Steuerstäbe zwischen den Brennelementen in den Reaktor eingefahren. Man muss sich jetzt aber keine Sorgen machen, denn das Kernkraftwerk in Zwentendorf bei Wien ist keine Sekunde in Betrieb gewesen. Nichts strahlt hier, die größte Gefahr droht von der Schleuse. Die gepanzerten Luken, die diesen Raum im Notfall abriegeln, sind mit Grafit geschmiert. »Diese Flecken kriegen Sie nie wieder raus«, sagt Zach, »da hilft nur noch die Gewandschere.« Seine Warnung nutzt aber nichts, denn die fünfzig Rentner, die heute den Reaktor besichtigen, drängen ohne Rücksicht auf Janker und Popelinejacken in den engen Antriebsraum.

»Das unterscheidet uns von anderen: Wir bauen erst und fragen dann«

Österreichs einziges Atomkraftwerk steht direkt an der Donau. Der viereckige, mit grauem Eternit verkleidete Klotz ragt 64 Meter über die flache Flussaue. In seinem Schlagschatten flattert eine rot-weiß-rote Fahne über einem Kinderspielplatz, daneben steht eine Holzhütte. An dieser Jausenstation machen jeden Sommer ein paar Tausend Radfahrer Rast – der Donauradweg führt direkt am Werksgelände vorbei. Zu Beginn der Führung hat Stefan Zach die Teilnehmer in einem Nebengebäude empfangen und gebeten, falls nötig, gleich hier noch einmal auf die Toilette zu gehen. Das Kernkraftwerk hat zwar 1050 Räume, aber kein Klo. Die Fäkalien eines Reaktortechnikers im Dienst gelten als radioaktiver Müll. Den müsste man eigens entsorgen. »Deshalb ist in einem Kernkraftwerk alles verboten, was Spaß macht: Essen, Trinken, Rauchen.«

Dann referiert Zach die Geschichte von Zwentendorf. Siemens hat diesen Siedewasserreaktor gebaut, 1978 war er fertig. Die Brennelemente waren gekauft, 200 Mitarbeiter eingestellt, man hätte nur noch auf den Knopf drücken müssen. Während des Baus äußerten sich kritische Stimmen gegen die Kernenergie. Kanzler Bruno Kreisky ließ das Volk abstimmen. Er war sich seiner Sache so sicher, dass er seine politische Zukunft an das Kraftwerk knüpfte: Wer ihn wolle, müsse dafür sein.

Das war ein Fehler. Im Volk herrschte Fortschrittseuphorie, es gab noch keine grüne Bewegung. Aber die Rechte mochte den Linken Kreisky nicht. So stimmte Österreich am 5. November 1978 mit 50,47 Prozent gegen sein betriebsbereites Kernkraftwerk, das umgerechnet eine Milliarde Euro gekostet hatte. »Das unterscheidet uns von vielen Ländern«, sagt Stefan Zach trocken. »Wir bauen erst und fragen dann, was mit dem Bau geschehen soll.«

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Wie aber kommt der Mönch ins Atomkraftwerk? Karl Wallner, 47 Jahre alt, ist groß und schaut offen in die Welt. An seinem Kinn sprießt ein dünner Bart. Pater Karl gehört zu den Zisterziensern der Abtei Heiligenkreuz im Wienerwald. An der dortigen Hochschule unterrichtet er katholische Dogmatik. Bekannt geworden ist er jedoch durch eine CD mit gregorianischen Gesängen, die er mit seinen Mitbrüdern aufgenommen hat. Diese schaffte es in die Top Ten der britischen Popcharts. Als eine Monsterwelle des öffentlichen Interesses über die Mönche zu branden drohte, holten sie sich Rat bei dem PR-Profi Stefan Zach. »Seine Tipps waren rettend«, sagt Pater Karl.

Irgendwann erzählte der Pater dem Pressesprecher, dass er 1978 gegen sein Kraftwerk protestiert habe. »Dann schau’s dir doch mal an«, sagte Zach. Ob er auch ein paar Freunde mitbringen dürfe, fragte Wallner. Und so machte das Stift Heiligenkreuz dieses Frühjahr einen Ausflug ins Kernkraftwerk. 120 Mönche und Studenten kamen, der Abt segnete die Anlage, und weil das Interesse so groß war, bietet die EVN seit diesem geistlichen Probelauf öffentliche Führungen an. Und der Pater hat sich zum Botschafter von Niederösterreich ernennen lassen. Seine Mission besteht darin, das Bundesland jenseits der Heurigen-Klischees zu zeigen. Da passt Zwentendorf ins Bild.