Die Hauptschule brach Marcel ab. Er spielt oft mit seinem Hund

Um 9.53 Uhr ruft Felix Bischoff* an und sagt, dass er ein bisschen später komme, halbe Stunde vielleicht, er beeile sich, ’tschuldigung.

Herr Bischoff ruft den Staat an, nicht der Staat Herrn Bischoff. Im Raum 1.141 des Sozialbürgerhauses bricht Jubel aus.

»Das ist ja super, dass er anruft und sogar sagt, er beeilt sich!«

»Und sich auch noch entschuldigt!«

»Toller Fortschritt!«

»Es geht aufwärts.«

Vier Angestellte des Staates warten im Besprechungsraum des Sozialbürgerhauses München/Milbertshofen-Am Hart auf Felix Bischoff, weil es heute um seine Zukunft geht: seine Arbeitsvermittlerin U25 (Unter 25), sein Leistungssachbearbeiter, seine Bezirkssozialarbeiterin und seine Betreuerin aus dem U25-Arbeitsmarktprogramm Ganzil (Ganzheitliche Integrationsleistung) der Deutschen Angestelltenakademie, die dann eingeschaltet wird, wenn die Arbeitsvermittler nicht mehr weiterwissen.

Ist nicht jetzt die Zeit des Jobwunders angebrochen, mit weniger als drei Millionen Arbeitslosen bundesweit? Ist das nicht vielleicht die Chance für Felix Bischoff?

Das »Fallmanagement Bischoff« war für 10 Uhr angesetzt. Bischoff hat das Einschreiben der Arbeitsagentur für diesen Termin vor Wochen per Kurier zugestellt bekommen. Wer so einen verpflichtenden Termin nicht einhält, kann wegen »Regelverstoßes« von seinem Leistungssachbearbeiter auf null gesetzt werden. Auf null heißt: Der Hartz-IV-Regelsatz von zurzeit 359 Euro wird bei ihm für drei Monate ausgesetzt, das Wohngeld wird weitergezahlt, und es werden Lebensmittelgutscheine ausgegeben.

»Vielleicht hat Herr Bischoff verschlafen«, sagt die Arbeitsvermittlerin. »Oder er hat Angst, weil heute so viele Leute hier sind«, sagt seine Ganzil-Betreuerin. »Er leidet unter Depressionen und Paranoia«, sagt die Bezirkssozialarbeiterin. »Ist das klinisch indiziert?«, fragt der Leistungssachbearbeiter. Das weiß keiner.

»Er ist vielfach traumatisiert«, sagt die Arbeitsvermittlerin. Von Missbrauch ist nichts bekannt.

Felix Bischoff ist 23 Jahre alt. Um 10.41 Uhr taucht er auf und setzt seine Baseballkappe ab. Jedem gibt er die Hand, in die Augen sieht er keinem. Sein Aktenordner sagt: Felix Bischoff bezieht seit fünf Jahren Hartz IV. Er hat noch nie sozialversicherungspflichtig gearbeitet. Zuletzt lebte er im Bodelschwingh-Haus für männliche Obdachlose in der Münchner Innenstadt. Sein ganzes Leben lang war er heimatlos. Die Geborgenheit eines Zuhauses kennt er nicht, die Eltern haben gestritten und trennten sich, seine Kindheit hat Bischoff zu großen Teilen im Heim verbracht. Seine Mutter lebt angeblich in London, jedenfalls hat er keinen Kontakt zu ihr. Zurzeit wohnt Bischoff in einer Sozialwohnung, allein, auf Probe. Die Behörden wollen ihm das selbstständige Wohnen beibringen. In seiner Wohnung gibt es keinen Schrank, keinen Duschvorhang, der Herd ist nicht angeschlossen, die Spüle nicht eingebaut. Seine Ganzil-Betreuerin war kürzlich da. Das Wort »verwahrlost« fällt.

Was er brauche, fragt die Arbeitsvermittlerin. Er brauche, sagt Bischoff, einen Kochtopf und Geschirr. »Ich kümmere mich darum«, sagt jemand. So geht es weiter. 40 Minuten lang versuchen vier Vertreter des Staates, Felix Bischoff das Gefühl zu geben, er sei willkommen, er sei erwünscht, er werde gebraucht. Sie loben ihn, motivieren ihn, reden ihm gut zu.

Alle vier in Zimmer 1.141 sind sich einig, dass es so gut wie aussichtslos ist, Felix Bischoff in nächster Zeit in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Zu viele »Baustellen« wären zugleich zu schließen.

Während sie das bisher Beschlossene in ihre Akten notieren, blickt Bischoff auf den Tisch, seine Schultern hängen herab. »Gibt es noch etwas zu besprechen, Herr Bischoff?«, fragt seine Arbeitsvermittlerin und lächelt ihn an. Er könne einen größeren Wasserboiler gut brauchen, um sich warm zu duschen und bei einem Vorstellungstermin ordentlich auszusehen. Felix Bischoff ist noch nie bei einem Vorstellungstermin erschienen. Die Bezirkssozialarbeiterin will sich den Boiler anschauen und mit der Gemeinnützigen Wohnstätten- und Siedlungsgesellschaft mbH darüber verhandeln.

»Das ist super«, sagt Bischoff. Um halb zwölf unterschreibt er die neue »Eingliederungsvereinbarung«, wie jeder, der zu einem Beratungstermin ins Sozialbürgerhaus geladen wird. Die Vereinbarung dokumentiert die Pflichten des Menschen, der hier Kunde heißt, sowie die angebotenen Förderleistungen der Arbeitsagentur.

Felix Bischoff hängt seinen schwarzen Rucksack über die linke Schulter, nickt in die Runde und geht. »Er hat das toll gemacht«, sagt die Arbeitsvermittlerin. Dass Bischoff überhaupt gekommen ist und geredet hat, ist das Erfolgserlebnis ihres Tages, an dem anschließend eine schwangere Sechzehnjährige, ein perspektivloser Expunker und die vierte Tochter einer Hartz-IV-abhängigen Familie in ihrem kleinen Zimmer sitzen werden.

Herr Bischoff, sagt Arbeitsvermittlerin Petra Schneider, sei komplett mit der Bewältigung von Realität überfordert. Der Staat hilft Felix Bischoff deshalb seit Jahren, eine, wie sie es hier nennen, integrationsfähige Persönlichkeit auszubilden. Mindestens vier Betreuer sind für ihn zuständig. Solange er die Termine einhält, gewährt der Staat Toleranz und Solidarität. Solange er auftaucht und mitmacht, wird Bischoff nicht bestraft.