Im globalen Imperium der Blutsauger gibt es eine kleine, schwarz-weiß gestreifte Stechmücke, die ihrem Namen alle Ehre macht: Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) heißt sie, und wie so viele ihrer Artgenossen kann sie Krankheiten übertragen. Seit einigen Jahren macht sie verstärkt mit dem Dengue-Virus gemeinsame Sache. Dieses Virus löst ein Fieber aus, das weltweit auf dem Vormarsch ist und sich schneller ausbreitet als alle anderen durch Stechmücken übertragenen Krankheiten. Der Tiger, um bei dem Bild zu bleiben, ist in Angriffslaune.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von 50 Millionen Neuinfektionen pro Jahr, und eine Karte der Organisation zeigt, dass sich das Verbreitungsgebiet über fast die gesamte Südhalbkugel zieht. Ursprünglich kommt das Virus aus Südostasien und Afrika, betroffen sind heute aber auch Mittel-, Süd- und Teile Nordamerikas, die Karibik und Ozeanien. Die Zahl der Fernreisenden, die das unliebsame Souvenir mit nach Hause bringen, steigt stetig und hat 2010 in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht: 466 Fälle sind nach Angabe von Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin Anfang November registriert, im Jahr 2001 waren es noch 60.

Nun sind in diesem Sommer zwei Franzosen in Nizza an lokalem Dengue-Fieber, das nicht aus Übersee eingeschleppt worden war, erkrankt, und ein deutscher Urlauber infizierte sich in Kroatien. Da will man natürlich wissen, ob das tropische Fieber näher rückt. Tatsache ist: In Südeuropa ist die Asiatische Tigermücke schon länger heimisch. Anders als die Gelbfiebermücke, die ursprüngliche Überträgerin des Dengue-Fiebers, breitet sie sich dank ihrer großen Anpassungsfähigkeit und des Klimawandels weiter nach Norden aus. Bis in die Südschweiz hat sie es schon geschafft. In Süddeutschland hat man zwar Eier gefunden, die Mücke jedoch nicht. Für Schmidt-Chanasit ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis sie auch in Deutschland herumschwirren wird, eingereist als blinder Passagier in Pkw oder über den globalen Warenhandel. An »Einflugschneisen« wie Transitstrecken und Häfen lauert man ihnen daher mit Fallen auf.

Eine Tigermücke allein macht noch kein Dengue-Fieber, und eine Infektion in Deutschland gilt bisher als unwahrscheinlich. Dafür müssten viele Faktoren stimmen: Temperatur, Ansteckungsquellen, Brutplätze. Doch die Tropeninstitute sind wachsam. »Verglichen mit Malaria hat Dengue ein größeres Verbreitungspotenzial«, warnt Schmidt-Chanasit. Malaria-Erreger brauchen infizierte Menschen als Wirte, um sich auszubreiten. Solange also alle Kranken behandelt werden, kommt es nicht zur Epidemie.

Das Dengue-Virus jedoch wird über die Eier und Larven der Mücken weitergegeben. Die ziehen ihre Brut in stehenden Gewässern groß. Das können auch Blumentöpfe, Friedhofsvasen oder Regenwassertonnen sein. Wählerisch sind die kleinen Tiger nicht. Im Labor testen die Wissenschaftler auch, ob sich das Virus unsere heimischen Mücken erschließen könnte. »Ist der Erreger erst einmal in eine Mückenpopulation eingedrungen, ist er nur sehr schwer wieder loszuwerden«, sagt der Virologe. Ein lückenloses Monitoring stehender Gewässer hält er darum für ratsam.