Szene aus "Im Angesicht des Verbrechens": Bereitschaftspolizisten im Einsatz in einem Hochhaus in Marzahn © ARD/Julia von Vietinghoff

Dominik Grafs zehnteilige Serie Im Angesicht des Verbrechens über den Kampf zwischen Polizei und Russenmafia in Berlin ist eines der großen Fernsehereignisse der letzten Jahre. 115 Drehtage, 150 Sprechrollen, 500 Minuten Hochspannung, Milieuschilderung, Drama – fast alles an diesem Projekt ist außergewöhnlich. Schon nach der Uraufführung bei der Berlinale waren Publikum und Kritiker in seltener Einigkeit begeistert; beim Deutschen Fernsehpreis wurde die von Rolf Basedow geschriebene und federführend vom WDR produzierte Serie zweimal ausgezeichnet, bei der Erstausstrahlung auf Arte verdreifachte sie den Marktanteil des Kultursenders.

Doch nun hat die Euphorie darüber, dass diese Art von Qualitätsfernsehen in Deutschland noch möglich ist, einen Dämpfer bekommen: Die Zuschauerquoten bei der Ausstrahlung im Hauptprogramm der ARD, freitags um 21.45 Uhr, sind schlechter als erwartet. Die ARD, lange Zeit zu Recht stolz auf ihre Großproduktion, hat so prompt wie kleinmütig reagiert: Programmdirektor Volker Herres entschied, die letzten drei Folgen an diesem Freitag am Stück zu zeigen, sodass die Lösung der über Wochen aufgestauten Spannung und der vielfach verknüpften Handlungsstränge nach Mitternacht versendet wird. So also buchstabiert man Zuschauerfreundlichkeit im Ersten.

Doch die Frage bleibt: Warum findet dieses »große Sittengemälde« (WDR-Redakteur Wolf-Dietrich Brücker), von dem niemand lassen kann, der es einmal versucht hat, weniger Zuspruch als verdient? Ist das Publikum inzwischen so blöd gesendet, dass es jenseits der Brachial-Dramaturgie von »Wie fange ich einen Mörder in 90 Minuten?« nichts mehr versteht? Dann sollte es aber zum Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender gehören, die Zuschauer auf Dauer für komplexere Formate zu begeistern. »Eventuell verlernt man, einer solchen Dramaturgie zu folgen, wenn sie zu selten im Programm vorkommt«, sagt Bettina Reitz, die Fernsehspielchefin des Bayrischen Rundfunks, der die Serie mit produziert hat. »Es kann viele Gründe geben, weshalb der Sendeplatz nicht richtig funktioniert hat. Selbst die erfolgreichen Wiederholungsprogramme konnten den Platz für diese Serie leider nicht ›anwärmen‹«. Von einem Misserfolg will sie aber keinesfalls sprechen: »Die Quote mindert für mich in keiner Weise den Wert des Programms. Und zur abschließenden Gesamtbewertung gehört auch die Frage nach den DVD-Verkäufen, den Downloads aus der Mediathek, der guten Quote auf Arte, den Quoten bei den anstehenden Wiederholungen und das euphorische Echo der Leute, die ›dran‹ blieben.«

Natürlich hätte sich auch der Regisseur Dominik Graf mehr Zuschauer gewünscht. Doch er wehrt sich dagegen, sein bislang größtes Projekt allein an der Quote zu messen. »Quoten sind per se ein problematisches Glaubensprinzip, eine Ideologie, die auf lange Sicht das öffentlich-rechtliche Fernsehen torpedieren kann.« Dass das dramatische Finale nun ohne jede Rücksprache mit ihm im Nachtprogramm versteckt wird, ärgert ihn. »Egal, ob unsere Serie nun wirklich so gut ist oder nicht – solch eine Programm-Entscheidung setzt ein ungutes Zeichen für die Zukunft. Die Auflösung um ein Uhr nachts zu senden scheint mir eine Art Missachtung gegenüber den mehr als zwei Millionen Zuschauern zu sein, die der Serie jetzt über Wochen gefolgt sind.«

Volker Herres, verantwortlich für das Ruck-zuck-Ende, will von einem Abwürgen der Serie nichts wissen. »Wir zeigen doch alle zehn Folgen!« Ein Termin am früheren Abend sei zudem nicht möglich gewesen, weil die Serie erst für Zuschauer ab 16 Jahren freigegeben ist. Er sieht die Ursache für das »respektable Ergebnis«, wie er es diplomatisch nennt, darin, dass Zuschauer Gewohnheitstiere und auf diesem Sendeplatz auf die Wiederholung des Tatorts geeicht seien: »Da gibt es jeweils abgeschlossene Handlungen und eine Dramaturgie, die mit einer zehnteiligen Serie, die Beständigkeit und auch Ausdauer voraussetzt, nicht zu vergleichen ist. Sicherlich spielt die fiktional gänzlich andere, modernere Machart eine Rolle, ebenso wie die doch sehr komplexe Eröffnung der Geschichte und die vielen russischen Originaltöne.« Dass die ARD ihrem Auftrag, den Zuschauer auch mit solchen Erzählformen vertraut zu machen, vielleicht nicht genug nachkommt, bestreitet er: »Diesem Anspruch kommen wir immer wieder und gerne nach.«

Wenn man den Programmdirektor beim Wort nehmen will, kann es eigentlich nur eine logische Folge geben: die Fortsetzung von Im Angesicht des Verbrechens in Auftrag zu geben; im Stoff angelegt ist sie bereits. Die privaten Sender zeigen ja schon lange, wie man das Publikum erfolgreich auch an vielschichtige Serien mit langen Spannungsbögen und seltsamen Milieus binden kann. Denn leichter verständlich als das Russisch mit Untertiteln von Grafs Mafiosi sind die Diagnosen von Dr. House auch nicht.