Es kann nicht leicht sein, wenn man gerade die Pubertät hinter sich gebracht hat und Müttern von solchem Kaliber gegenübersitzt: unheimlich verständnisvoll, zugewandt und vollgestopft mit pädagogischer Basisliteratur. Nichts Menschliches ist ihnen fremd, und sie haben auf alles eine reflektierte Antwort. Auch auf Fragen wie die, warum sich lesbische Frauen Pornos mit Lederkerlen angucken.

Annette Bening und Julianne Moore spielen im neuen Film der amerikanischen Independent-Regisseurin Lisa Cholodenko diese Mütter, und sie ziehen ihre fürsorgliche Belagerung mit einer wunderbaren Mischung aus Sentiment und intellektuellem Witz auf – zwischen die beiden passt kein Blatt Papier. Nic und Jules sind schon lange ein Paar. Irgendwann müssen sie ein bisschen rebellisch gewesen sein, und man kann sich vorstellen, dass sie als junge Akademikerinnen von einer Beziehung auf Augenhöhe geträumt haben, einer, in der nicht von vornherein ausgemacht ist, wer am Ende des Tages den Müll rausbringt. Jedenfalls haben sie das Kinderkriegen per künstlicher Befruchtung paritätisch organisiert: Nic (Bening) ist die Mutter der 18-jährigen Joni, Jules (Moore) die des 16-jährigen Laser – und Dad bloß eine Aktennummer.

Ziemlich schnell hat sich freilich eine bequeme bürgerliche Arbeitsteilung eingeschliffen. Jules ist nach dem Architekturstudium zu Hause geblieben, um die Kids zu versorgen; die perfektionistische, zielstrebige Nic schafft als Ärztin das Geld heran. In der Einfahrt parken eine Limousine und ein Truck, drinnen riecht es zweifellos nach Duftkerzen in Amber und Vanille, die Kinder sind, jedes auf seine Art, wohlgeraten. Und alle zusammen fallen in der bürgerlichen Nachbarschaft nicht weiter auf. Ihre Vorliebe für Schwulenpornos erklärt Jules zwar mit dem Reiz, den die extrovertierte männliche Sexualität auf Frauen ausübe. Zu laut darf es aber nicht werden, wenn sie sich mit Nic im Licht des Fernsehers unter die Satinlaken kuschelt.

Der Mann in seiner klassischen heterosexuellen Variante nimmt im Vorstellungshorizont von Nic und Jules wenig Raum ein. Bis die Kinder auf die Idee kommen, den einen losen Faden ihres ordentlich semi-alternativ gestrickten Lebens aufzunehmen und ihren biologischen Vater zu kontaktieren: Auftritt eines schluffigen, bodenständigen Typen, der ein Restaurant auf organischer Basis betreibt – "simple American food, you know" – und munter in den Tag hinein vögelt. Mark Ruffalo (Shutter Island) bringt als Paul ein instabiles Element in die Versuchsanordnung. Er spielt Baseball mit Laser, bewundert neidlos die kluge Joni, die sich aufs Studium vorbereitet, unterstützt Jules in ihrem Bemühen, sich als Landschaftsarchitektin selbstständig zu machen. Und plötzlich wirkt "hetero" gar nicht mehr so angeranzt, sondern ziemlich sexy – auf Jules, die sich in ihrer Partnerschaft nicht gewürdigt fühlt.

Das kleine Subgenre, zu dem The Kids Are All Right gehört, bezeichnen die Amerikaner als sperm donor movie – Samenspenderfilm. Hört sich klinisch an, ist aber eine Variante der Liebeskomödie. Und derzeit ziemlich en vogue: Auch Jennifer Lopez und Jennifer Aniston haben sich in ihren neueren Produktionen mit der gehobenen Familienplanung befasst. Den Reiz beziehen diese Geschichten aus der Kombination unpassender Gene und der Irritation von Rollenzuschreibungen. Am Ende aber werden die modernen Frauen, die der Konvention und der Natur ein bisschen Freiraum abzuringen suchen, meist zurück aufs Gleis gesetzt, und es geht ans Heiraten – wobei der Samenspender qua Biologie in der Poleposition ist.

Lisa Cholodenko macht es in ihrem Film, der auf der Berlinale ein Publikumshit war und den schwullesbischen Teddy Award bekam, erfrischend anders. Die Regisseurin, Jahrgang 64, ist wie ihre Heldinnen in den Siebzigern und Achtzigern sozialisiert worden, und sie testet immer mal wieder – zuletzt in Laurel Canyon, wo Frances McDormand als kiffende, promiske Plattenproduzentin in Konflikt mit ihrem spießigen Sohn gerät – die muntere Sexualpolitik der Ära auf ihre Haltbarkeit, spürt dem Flow des Begehrens, dem Wandel der Lebensformen nach. In The Kids Are All Right äußert sich Cholodenkos tolerante Haltung zum einen im mühelosen Wechsel der filmischen Register – von der smart geschriebenen Szenekomödie zum verhaltenen Drama, von der Komik zur Melancholie und vom intimen Zwiegespräch zur kleinen Reise durch L.A. Vor allem aber ist da eine grundlegende Sympathie für Charaktere, die stets ein wenig uneindeutiger sind, als sie es in einer romantischen Komödie, einem dieser Jennifer-Movies, wären. The Kids Are All Right ist ein kleines Meisterstück der Dialogregie und der Beobachtung, ein Film, der sich nicht geniert, Energie und Inspiration aus den Performances zu beziehen. Aus Ruffalos somnambulem Rock-Hudson-Charme und dem sanften Eigensinn, den die Newcomerin Mia Wasikowska (Tim Burtons Alice) als Joni ausspielt. Vor allem aber aus der Präsenz zweier Schauspielerinnen, die sich der Kamera buchstäblich mit Haut und Haar hingeben – und die kein Make-up-Department beschäftigen müssen, weil sie noch Gesichter haben.

Man könnte stundenlang zusehen, wie Annette Bening und Julianne Moore ihren Alltag organisieren. Wie sie Wein trinken, im Salat stochern, sich in vollkommener Vertrautheit auf dem Sofa räkeln. Wie Nic ein Bad einlässt für Jules, die seufzend in die Wanne sinkt. Wie die beiden schließlich diese Details wahrnehmen, die darauf hindeuten, dass eine Beziehung in die Sackgasse geraten ist und der Keks des Lebens an den Rändern bröselt. Am Ende werden sie aufhören, schlaue Antworten zu geben, und anfangen, sich Fragen zu stellen. Vielleicht kommen Nic und Jules irgendwann zu dieser Weisheit, die man aus den Büchern von Nick Hornby ableiten kann: Dass kleine private Einheiten eine Falle sind und es heute eher darauf ankommt, flexible Muster zu bilden, Netzwerke zu knüpfen. Damit wären sie dann die Filmfamilie des 21. Jahrhunderts.