DIE ZEIT: Herr Yunus, in Indien verbrennen sich Frauen, die Kleinkredite nicht abzahlen können. War die Idee falsch, Armen durch Mikrokredite helfen zu wollen?

Muhammad Yunus: Können Sie wirklich nachweisen, dass sich die Menschen aus Verzweiflung über Kreditschulden umbringen ? Frauen verbrennen sich in Indien seit Langem aus vielerlei Gründen, tragischerweise.

ZEIT: Sie leugnen den Zusammenhang zwischen den Todesfällen und den Krediten?

Yunus: Ich sage nur, auch ohne Mikrokredite würde es in Indien leider Selbstverbrennungen von Frauen geben. Deshalb müssen Sie sich einzelne Fälle sehr genau anschauen.

ZEIT: Ganz offensichtlich gibt es immer mehr, bei denen ein Zusammenhang besteht.

Yunus: Wenn ein Mikrokredit Menschen in den Tod treibt, dann ist er falsch konzipiert. Dann hat er nichts mit meiner Ursprungsidee zu tun. Die bringt keine Menschen um.

ZEIT: Und was ist mit den Kopien? Ihre Organisation hat viele Nachahmer.

Yunus: Und viele missbrauchen die Idee . Sie nehmen sie, um damit möglichst viel Geld zu verdienen. Sie ziehen Investoren an und wollen an die Börse. Das ist verkehrt! Verurteilt das! In Indien geschieht so etwas gerade mit SKS Microfinance. Die sind an die Börse gegangen und wollen Millionen machen. Das hat rein gar nichts mit meiner Idee zu tun.

ZEIT: Im Goethe-Gedicht über den Zauberlehrling heißt es: »Die ich rief, die Geister / werd ich nun nicht los.« Geht es Ihnen auch so: Ist die Idee außer Kontrolle geraten?

Yunus: Ich habe immer gesagt, es gibt Grenzen und Regeln für Mikrokreditorganisationen. Wer die überschreitet, missbraucht den Namen.

ZEIT: Erklären Sie uns das bitte genauer.

Yunus: Unsere Grameen-Bank ist ein soziales Unternehmen. Es hat nicht zum Ziel, Gewinn zu machen. Es soll Menschen helfen. Lieber soll eine arme Frau den letzten Penny behalten, als dass ich damit einen Penny Gewinn mache. Sie können das beispielsweise an den Zinsen festmachen. Es gibt Nichtregierungsorganisationen, die behaupten, dass sie Kredite für fünf Prozent vergeben. Und wenn Sie dann nachfragen, sind es fünf Prozent pro Woche. Wir haben deswegen folgende Regeln aufgestellt: Im grünen Bereich liegen alle, die zehn Prozent Zinsen im Jahr nehmen. Bei fünfzehn Prozent sind sie im gelben Bereich. Wer mehr nimmt, ist ein Kredithai.

ZEIT: Klingt einfach. Aber was geschieht, wenn ein Schuldner krank wird? Genau das treibt ja viele Frauen in die Verzweiflung.

Yunus: Bei uns müssen die Raten dann nicht gezahlt werden. Ebenso wenig im Fall einer Naturkatastrophe. Oder wenn die Kuh stirbt, für die der Kredit aufgenommen wurde. Jedes Mal, wenn jemand nicht mehr zahlen kann, steckt dahinter eine traurige Geschichte. Die müssen wir kennenlernen. Für die müssen wir ein gutes Ende finden. Vielleicht hat der Ehemann das Geld genommen und ist weggelaufen. Vielleicht hat es eine Überschwemmung gegeben. Die gibt es in meinem Land oft. Dann können wir doch nicht darauf bestehen, dass zuerst der Kredit abgezahlt wird. Da müssen die Kinder versorgt, die Hütte getrocknet, das Vieh versorgt werden. Wir wollen doch Probleme lösen.

ZEIT: Manche Organisationen üben dann Druck auf die Kreditnehmer und ihre Gruppe aus.

Yunus: Bei der Grameen-Bank nicht. Wir haben nie etwas von kollektiver Schuld gehalten. Jeder steht nur für seinen Kredit gerade. Die Gruppe ist dazu da, die Einzelne zu stützen, nicht, um für sie zu zahlen.