Reden wir über Datenschutz im Internet, aber nicht sofort, sondern erst am Ende. Es ist an der Zeit, Facebook nicht allein als Widersacher in einem zentralen Konflikt unserer Zeit wahrzunehmen, sondern auch als Internetunternehmen mit einem funktionierenden Geschäftsmodell. Im Verlauf dieses Jahres ist Facebook in den USA zu dem Ort geworden, an dem die meiste grafische Werbung zu sehen ist. Ein Viertel aller Werbebanner läuft jetzt über die Firmenseiten. Alle anderen Wettbewerber folgen mit weitem Abstand, Tendenz zunehmend. Zur enormen Popularität beim Publikum kommt also die bei Werbetreibenden, die ihre Budgets umschichten und Facebook in diesem Jahr bis zu eine Milliarde Dollar zuweisen. Adidas, Nike und Co. tun dies umso leichteren Herzens, als die Anzeigenpreise sehr niedrig sind. Noch jedenfalls.

Was vor drei Jahren ein kühnes Ziel war – als junges Unternehmen zur dominierenden Kommunikationsplattform im Internet zu werden –, hat Facebook in den USA erreicht. Nirgendwo verbringen die Menschen beim Surfen mehr Zeit, und je mehr Zeit sie dort verbringen, desto mehr Werbegeld fließt.

In diesem Kontext ist die neue Funktion zu verstehen , die Facebook-Gründer Mark Zuckerberg am Montag vorstellte. Er will die vier etablierten Kommunikationsformen der digitalen Zeit zusammenführen : E-Mail, SMS, Instant Messages und die Nachrichten, die man sich bei Facebook schreibt. Was soll der Vorteil sein? Alle elektronische Kommunikation zwischen zwei Menschen, egal, von welchem Gerät aus, liefe dann an einer Stelle zusammen. Nichts ginge mehr verloren. Jeder bekäme jede Nachricht unverzüglich. Es entstünden umfassende Konversationen.

Wird Zuckerbergs Angebot ein Erfolg, werden die Menschen noch mehr Zeit bei Facebook verbringen. Aus täglich vier Milliarden Nachrichten via Facebook könnten zehn oder zwanzig Milliarden werden. Proportional dazu kann die auf Facebook konzentrierte Aufmerksamkeit der Menschen noch einmal sprunghaft zunehmen – und damit die Chance auf weitere Werbemilliarden.

An dieser Stelle zurück zum Datenschutz . Denn lassen Menschen jegliche elektronische Kommunikation über Facebook laufen, lagern künftig dort auch die schriftlichen Hinterlassenschaften jener Menschen, die sich bisher bewusst ganz oder teilweise fernhalten. Und sie werden es nicht kontrollieren können. Ob ihre Mails über Facebook laufen oder nicht, liegt in der Hand ihrer Korrespondenzpartner, und wer das nicht will, müsste seinen Freunden und Kollegen verbieten, E-Mails über Facebook zu leiten. Aber man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass dies nicht praktikabel ist.

Umso mehr muss man hoffen, dass die EU ihre geplante Richtlinie verwirklicht, derzufolge Daten automatisch ein Verfallsdatum beigefügt wird. Und die Entscheidung darüber, wie lange eine Nachricht gespeichert bleibt, muss dem Absender überlassen sein. Kommt es darüber zu keiner Übereinkunft mit den Aufsichtsbehörden der USA, muss vielleicht irgendwann der Datenberg von Facebook in einen europäischen und einen amerikanischen Teil getrennt werden. Von Start-ups kann man das nicht verlangen. Von Konzernen mit Milliardeneinnahmen schon.