Zwölf Frauen, so heißt es, sitzen derzeit in iranischen Gefängnissen und warten auf ihre Hinrichtung. Sie sollen Ehebruch begangen haben und dafür gesteinigt werden. Nur eine von ihnen, Sakineh Mohammadi Ashtiani, ist durch eine Menschenrechtskampagne zu weltweiter Berühmtheit gelangt . Woody Allen, Carla Bruni und sogar der Papst haben sich für sie eingesetzt, fast eine Million Unterschriften sind zusammengekommen. Die Proteste blieben nicht ohne Wirkung: Die Steinigung wurde zunächst ausgesetzt.

Aber der Fall Ashtiani ist kein einfaches "Die und wir". Er wirft nicht nur ein Licht auf komplizierte Verwerfungen innerhalb des iranischen Machtapparats, einen erbitterten Streit um den "richtigen Islam". Er offenbart auch das Drama der linken iranischen Exilopposition, die seit Jahrzehnten dazu verdammt ist, Stellvertreterkämpfe zu führen.

Am Montagabend präsentierte das iranische Staatsfernsehen ein "Geständnis" von Sakineh Ashtiani . "Ich bin eine Sünderin", sagt da eine Frau im Tschador mit leiser Stimme und erklärt, wie sie den Verführungen ihres Cousins erlegen sei. Ja, sie sei an der Ermordung ihres Mannes beteiligt gewesen. Auch ihr Sohn, der 21-jährige Sadschad Ghaderzadeh, ihr Anwalt Houtan Kian und zwei deutsche Journalisten treten auf, ein Reporter und ein Fotograf, gegen die nun der Vorwurf der Spionage im Raum steht . Sie alle sitzen seit Wochen im Gefängnis, nachdem sie in Täbris im Büro des Anwalts ein Interview miteinander geführt hatten. Sie bitten um Gnade. Sie beschuldigen sich selbst und nennen dann einen Namen: Mina Ahadi. Zwei Drittel des Berichts beschäftigen sich mit der 54-jährigen Menschenrechtsaktivistin, die in Deutschland vor allem als Präsidentin des "Zentralrats der Ex-Muslime" bekannt geworden ist. Ahadi ist auch die Vorsitzende des Internationalen Komitees gegen Steinigung – aber das ist es nicht, was die Machthaber in Iran gegen sie aufbringt.

Mina Ahadi ist Mitglied der Arbeiterkommunistischen Partei des Irans. Ihr Mann wurde als Kommunist kurz nach der Islamischen Revolution von 1979 in demselben Gefängnis von Täbris hingerichtet, in dem heute Sakineh Ashtiani einsitzt. Ahadi selbst ging daraufhin in den Untergrund und lebte zehn Jahre lang in einem kurdischen Partisanenlager in den Bergen nahe der irakischen Grenze. Aufgewachsen ist sie, ganz ähnlich wie Sakineh, in einem Dorf in Aserbajdschan. Ihre Großmutter wurde mit 12 Jahren verheiratet, ihre Mutter mit 15; ihr Großvater allerdings hatte sich von der Familie losgesagt und lebte in Teheran ein säkulares Leben. Weil der Schah gute Beziehungen zum Westen hatte, war der Sowjetkommunismus für viele kritische Iraner, auch für den Großvater Mina Ahadis, die attraktive Opposition. Die Mullahs nahm die Linke lange Zeit nicht ernst. Man würde den Schah gemeinsam stürzen und sich dann dankend von den Bärtigen verabschieden.

So ist es bekanntlich nicht gekommen. Ahadi floh nach Österreich, dann schließlich nach Deutschland, wo sie mit ihrer Tochter und ihrem zweiten Mann lebt. Sie sieht ihre Lebensaufgabe darin, den Islam zu bekämpfen; egal, ob er in Gestalt türkischer Religionsbehörden oder gewalttätiger Islamisten auftritt. "Ich sehe den politischen Islam in Deutschland wachsen und nach mir und meinen Töchtern greifen", schreibt sie in ihrem Buch Ich habe abgeschworen . Viele Deutsche dagegen seien "tolerant bis zur Selbstverleugnung". Als die Heinrich-Böll-Stiftung 1995 in einer Konferenz versuchte, ein Gespräch zwischen liberalen Geistlichen und linken Oppositionellen in Gang zu setzen, sprengte Ahadi die Veranstaltung. Stolz berichtet sie noch heute, dass auf den Videos über die Konferenz meist nur ihr Statement zu sehen sei: "Nieder mit der Islamischen Republik"! Es diente den iranischen Machthabern als Beleg für die umstürzlerische Absicht der Konferenz; einige Teilnehmer sitzen noch heute im Gefängnis.

In der deutsch-iranischen Exilopposition ist Mina Ahadi nicht besonders gut gelitten. Hat sie, so lautet ein oft geäußerter Verdacht, den Sohn Sakineh Ashtianis und die beiden ahnungslosen Journalisten in die Falle der Mullahs tappen lassen, um so ein Exempel zu statuieren? Schließlich, so argumentieren Ahadi-Gegner, sei sie es gewesen, die das verhängnisvolle Interview arrangiert und per Telefon übersetzt habe. "Sie hat genau gewusst, wie gefährlich das ist", sagt die Aktivistin Azar Sharifi. "Die beiden deutschen Journalisten werden bald freikommen. Aber was wird aus Sadschad?" "Der Vorwurf ist absurd", meint Ahadi. Sadschad habe sie kontaktiert, damals, seitdem "läuft seine ganze Kampagne über mich". Den deutschen Reporter habe sie gewarnt: "Wenn Sie ohne Journalistenvisum einreisen, müssen Sie mit fünf bis sechs Monaten Gefängnis rechnen." Er habe sich nicht abbringen lassen und sei schließlich erwachsen. Irgendjemand müsse berichten. Aber es ist vor allem der Kontakt zu ihr, Mina Ahadi, aus dem die iranische Justiz den Journalisten nun einen Strick dreht.

Zwar kann es Hardlinern unter den Mullahs nicht schnell genug gehen, Ashtiani doch noch zu steinigen. Hassan Ghashghavi, stellvertretender Außenminister, verteidigte das Urteil kürzlich vor Studenten mit der Bemerkung: "Wir sind ein islamisches Land, und wir handeln nach den Gesetzen des Koran. Wenn das bedeutet, dass wir 100.000 hinrichten müssen, dann werden wir das tun." Aber keine einzige der regimetreuen Zeitungen hat die Steinigung befürwortet. Im Gegenteil. Die konservative Zeitung Alef beruft sich auf Forderungen des Koran zur Milde und zur Herbeiziehung von vier Zeugen, die einen Ehebruch beobachtet haben müssen (was faktisch bedeutet, dass er so gut wie nie zu ahnden ist). Auch im säkularen Strafrecht von 1966, das in Iran parallel zur Scharia weiter gilt, ist Ehebruch nicht strafbar.