Über dieses Buch wird gesprochen, viele haben es noch nicht gesehen, aber schon von ihm gehört, es soll eine Art Lexikon sein, gedruckt auf dünnstem Papier, gleichwohl sehr schwer, und es ist nicht ganz klar, wovon es eigentlich handelt. Ist es ein Buchobjekt? Eine in Berlin lebende Designerin hat es geschrieben, oder besser: zusammengeschrieben, aus tausend Fitzeln. Sie heißt Juli Gudehus, soviel ist sicher.

Ich erwähnte das Buch dieser Tage am Telefon einem Freund gegenüber, er wusste schon Bescheid, denn eine Freundin von ihm hatte das Buch ebenfalls erwähnt, und ich konnte hören, wie er die Stirn in Falten legte: »Ich weiß nicht, ob ich mich dafür begeistern kann. Ich habe schon so viele Bücher, und dann kommen noch 3000 Seiten dazu.« Und was solle man damit überhaupt anfangen?

Nun liegt der Wälzer vor mir auf dem Tisch, und das Rätsel, das ihn umgibt, teilt sich sofort mit. Der sieht ja aus wie eine Bibel! Wulstig aufzuschlagen, pergamenten knistern die Seiten.

Juli Gudehus, 42, hat die vergangenen neun Jahre ihres Lebens jedenfalls halbtags damit verbracht, dieses Lesikon der visuellen Kommunikation zu machen: Stichworte aufzuschreiben, Auskünfte einzuholen, Zitate zuzuordnen, Reihenfolgen herzustellen, Lücken zu schließen. Sie hatte die Idee, bei ihr lagen Konzeption und Gestaltung, sie recherchierte und collagierte. Eine Frau, ein Buch. Das Buch Juli.

Ausgegangen war sie einst vom Wunsch, Namen und Begriffe aus Werbung und Gestaltung, aus Satz und Druck auf ihre Mehrdeutigkeit hin zu untersuchen. KÄSEBIER ist nichts zum Trinken, sondern der Name einer amerikanischen Fotografin: »K., Gertrude (1852–1934) … Ihre revolutionären Arbeiten auf dem Gebiet des Porträts beinflussten zahllose Fotografen nach ihr.«

Das HURENKIND ist kein Betriebsunfall im ältesten Gewerbe, sondern »die letzte Zeile eines Absatzes zu Beginn einer neuen Spalte«.

Und kehrt der ABZUG wirklich das Negativ um, oder ist er, wie es auf Seite 1871 heißt, »der ›Knallhebel‹ bei Gewehren«?

Gudehus, seit je freiberuflich tätig, viele Jahre Drucksachen des Deutschen Bundestages gestaltend, fragte Kollegen und Kunden, Familie und Freunde nach pointierten Definitionen von Fachbegriffen. PACKPAPIER. FILMSTREIFEN. KÜRZEL. Je knapper, desto besser. Knapp an der Sache vorbei? Noch besser.

Mochte das ursprüngliche Anliegen schon abwegig gewesen sein, unter ihrer Lust am Sammeln und Kombinieren geriet es ihr völlig außer Kontrolle. Sie suchte bei Dichtern und Denkern, bei Art-Direktoren und Kunsttheoretikern, bei Jacques Cousteau, Madonna und Hans-Dietrich Genscher, sie wühlte in der Heiligen Schrift wie im Internet.

Zum Stichwort LACK lesen wir auf Seite 1632: »Glänzendes Material, das mit Polyurethan behandelt wurde. In der SM-Szene besonders beliebt, weil es edel und hochwertig aussieht und nicht so pflegeintensiv und atmungsunaktiv wie Gummi beziehungsweise Latex ist.« Ein Fundstück von der Website: www.sadorado.com .