Mikrokredite Selbstmord einer großen Idee
Mikrokredite gelten als Allheilmittel der Entwicklungspolitik. Doch sie treiben indische Frauen zu Verzweiflungstaten.
Draußen vor der Einfahrt liegen verkrüppelte Bettler im Straßenstaub. Drinnen, im beißenden Dunst der Desinfektionsmittel, hocken die Kranken, stöhnend und schwitzend, in langen, dunklen Gängen. Das ist der Normalzustand im staatlichen Mahatma-Gandhi-Memorial-Krankenhaus in Warangal, einer Bezirkshauptstadt im südindischen Bundesstaat Andhra-Pradesh.
Der Ausnahmezustand herrscht in der Notaufnahme für schwere Verbrennungen, die durch eine Eisentür vom Rest des Krankenhauses abgeschirmt wird. Auf der Station liegt die 20-jährige Gajula Pravallika auf einem weiß gestrichenen Stahlrostbett. Pravallika hat ein zartes, feines Antlitz, das unversehrt ist. Sie war eine Schönheit. Doch vor fünf Tagen hat ihr ganzer Leib gebrannt. Sie, die Mutter zweier kleiner Kinder, hat sich mit Kerosin aus ihrer Bauernküche überschüttet und angezündet. Wegen eines Mikrokredits, den sie nicht mehr bedienen konnte. Sie schaffte es nicht, ihre wöchentliche Rate aufzubringen, 337 Rupien, umgerechnet 5 Euro und 60 Cent. Tags darauf war ein Bild von ihr in allen regionalen Zeitungen zu sehen. In den Artikeln dazu stand oft was Wort »Mikrokreditmafia«.
In der Zeitung sah man nur Pravallikas schönes Haupt. Im Krankenhaus kann Pravallika ihren Körper nicht bedecken. Es würde zu sehr schmerzen. Ihre Brandwunden sind weiß-gelb-rot. Nun will sie Anklage erheben gegen diejenigen, von denen sie sich betrogen glaubt.
»Es ist alles so gekommen, weil sie nur Zinsen verdienen wollen. Es sollte alle diese Mikrofinanzfirmen nicht geben«, sagt Pravallika. Dann erzählt sie flüsternd, den Blick an den Boden geheftet, ihre dörfliche Tragödie. Die aber hat es in sich. Ihr grausames Schicksal ist die Kehrseite der größten humanitären Erfolgsgeschichte der Entwicklungspolitiker und Banker überhaupt. Mikrokredite helfen den Armen, hieß es, sie können nun ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und eine Existenz aufbauen.
Genau deshalb erhielt Muhammad Yunus, der in seiner Heimat Bangladesch das Mikrokreditwesen erfand, im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis. Zur selben Zeit begann der weltweite Boom der Branche. Der eBay-Gründer Pierre Omidyar förderte mit einer 100-Millionen-Dollar-Spende den Aufbau eines kommerziellen Mikrokreditwesens in armen Ländern. Die Stiftungen von Bill Gates und dem Computerhersteller Dell sprangen mit noch größeren Summen bei. Bald überholten Finanzriesen wie die Deutsche Bank und Morgan Stanley die Philanthropen und legten Investmentfonds für Mikrokredite auf. Die indischen Großbanken waren ihnen bereits vorausgeeilt. Auf diese Weise entstand in Indien innerhalb weniger Jahre der größte Mikrokreditmarkt der Welt.
»Unser Wachstum ist verrückt: jährlich 162 Prozent über fünf Jahre«, sagt Ashish Damani, der Entwicklungschef beim indischen Branchenführer SKS. Der dicke Mann von 32 Jahren sitzt hinter seinem großen Holzschreibtisch in der gläsernen Firmenzentrale in Hyderabad, der prosperierenden Hauptstadt von Andhra-Pradesh. Hyderabad ist das Manhattan des Mikrokreditwesens, in keinem Staat der Welt hat es mehr Kunden als im indischen Bundesstaat Andhra-Pradesh. »Ich habe den Job übernommen, weil ich hier mit großen Zahlen umgehen kann«, sagt Damani. Seit 2006 sei die Zahl von 80.000 Mikrokreditkunden bei SKS auf 7,3 Millionen gestiegen. Ob er von den Selbstmorden und den vielen Versuchen unter den Kunden gehört habe? »Das sind doch nur Falschmeldungen der Zeitungen.«
Man müsste sie alle nach Warangal ans Krankenbett von Gajula Pravallika schicken, die Damanis dieser Welt, damit ihnen das Herz stockt beim Anblick dieser Frau und sie begreifen, wie man als Mutter von zwei kleinen Kindern bereit sein kann, sich wegen 5 Euro und 60 Cent das Leben zu nehmen.
Pravallika erzählt: Ihr erstgeborener Sohn hatte zwei Tumoren im Kopf, die Operation verschlang umgerechnet rund 330 Euro, gut 240 davon nahm sie als Mikrokredit der Firma Share auf, die mit SKS, Spandana, Basics und L&T zu den fünf großen Anbietern Indiens zählt. Alle fünf behaupten von sich, dass sie nach dem Prinzip der Grameen-Bank von Nobelpreisträger Yunus arbeiten – ausschließlich mit Frauen in Selbsthilfegruppen, die gemeinsam einen zweckgebundenen Kredit für kleine Investitionen aufnehmen, welche sich auch rechnen. Doch gibt es zwei große Unterschiede: Statt wie die Grameen-Bank nach gemeinnützigem Zweck streben die indischen Mikrokredithäuser heute nach Profit. Zudem ist ihre Kreditvergabe nur noch scheinbar zweckgebunden. Was die Frauen mit ihrem Leihgeld machen, lassen die Kreditgeber nur noch selten vor Ort überprüfen.
- Datum 23.11.2010 - 10:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.11.2010 Nr. 47
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30% und mehr sind dort ganz normal. Die Lösung ist sehr einfach, man vergibt nur kostenlose Kredite, sogar eine Tilgung zu 90% macht Sinn. Das ganze macht man dann über Entwicklungshilfe, die dann auf diesem Weg verneunfacht wird.
Wie Winninni richtig erkannt hat, sind hierbei die Zinsen das Problem.
Der Artikel machte mich stutzig - mir war garnicht klar, warum sich Banken für Mikrokredite interessierten.
Ich habe in Peru in einem Mikrokreditbüro gearbeitet. Dort haben wir Kredite zinslos vergeben und die Projekte regelmäßig besucht. So machen es alle gängigen Hilfsorganisationen (hoffentlich).
Dass sich an Mikrokrediten auch Finanzjongleure vergehen, könnte man mit einem Gesetz zur Zinsbeschränkung von Mikrokrediten verhindern.
Es sind die Zinsen!
Lieber Georg Blume, es fehlt in Deinem Bericht leider die Auflistung der Zinsen, die von dem Mikrobanken genommen werden. Zwar sind die Kreditsummen minimal, aber die Zinsen sind oft astronomisch und sie können als Wucher bezeichnet werden.
Beste Grüsse von Stefan Reisner, auch an Chikako
aber unsere "entwicklungshilfe", sofern sie auf vergabe von Krediten beruht, hat als allerletztes im sinn den menschen vor ort zu helfen.
Wie Winninni richtig erkannt hat, sind hierbei die Zinsen das Problem.
Der Artikel machte mich stutzig - mir war garnicht klar, warum sich Banken für Mikrokredite interessierten.
Ich habe in Peru in einem Mikrokreditbüro gearbeitet. Dort haben wir Kredite zinslos vergeben und die Projekte regelmäßig besucht. So machen es alle gängigen Hilfsorganisationen (hoffentlich).
Dass sich an Mikrokrediten auch Finanzjongleure vergehen, könnte man mit einem Gesetz zur Zinsbeschränkung von Mikrokrediten verhindern.
Es sind die Zinsen!
Lieber Georg Blume, es fehlt in Deinem Bericht leider die Auflistung der Zinsen, die von dem Mikrobanken genommen werden. Zwar sind die Kreditsummen minimal, aber die Zinsen sind oft astronomisch und sie können als Wucher bezeichnet werden.
Beste Grüsse von Stefan Reisner, auch an Chikako
aber unsere "entwicklungshilfe", sofern sie auf vergabe von Krediten beruht, hat als allerletztes im sinn den menschen vor ort zu helfen.
sind ja auch ein Teil des Problems.
Von daher verzögert sich das platzen der Blase nur.
Man möchte ihnen zurufen: Tut nichts unüberlegtes wenn ihr verschuldet seit! Wartet noch ein wenig. Wenn wir Gutmenschen erst die Banken, die Griechen, die Portugiesen, die Spanier und unsere Migranten gerettet haben, dann bekommt ihr den ganzen Opferstock unserer Klimakirche! Mit der Rückzahlung unserer CO2-Schuld werden wir euer Land mit Geld fluten! Alles damit ihr nicht auf den Gedanken kommt selbst zu produzieren, nein wir bezahlen, euch und den Chinesen und den restlichen lieben Menschen, alles. Also wartet mal schön ab. Wir müssen jetzt nur mal kurz durchrechnen was wir dann noch übrig haben und wie viel von euch auf einen von uns Deutschen kommen. Aber keine Angst es wäre nicht das erste Mal, dass wir es mit der ganzen Welt aufnehmen!
Ich bin froh über jeden "Gutmenschen". Die Erde kommt dadurch vielleicht ins Chaos, aber in eines das bessere Ziele hat als das Chaos vom Profit, wie man an diesem Artikel sehen kann.
Wenn die Idee von Muhammad Yunus von anderen umgesetzt worden wäre, wie es gedacht war, dann wäre es kein Profitmarkt, sondern eine Unterstützung zu eben jener Selbsthilfe die Sie einfordern.
Solange die Schuldenrate bei deutschen Jugendlichen steigt, können sie nicht indischen Dorfbewohnern abverflangen berechnend mit Geld umgehen zu können.
Oder?
Mit Verlaub, sie nerven. Zu jedem Thema lassen Sie ihre, den Kapitalismus und das große deutsche Volk preisenden, Blasen los. Überflüssig wie ein Kropf.
Ich bin froh über jeden "Gutmenschen". Die Erde kommt dadurch vielleicht ins Chaos, aber in eines das bessere Ziele hat als das Chaos vom Profit, wie man an diesem Artikel sehen kann.
Wenn die Idee von Muhammad Yunus von anderen umgesetzt worden wäre, wie es gedacht war, dann wäre es kein Profitmarkt, sondern eine Unterstützung zu eben jener Selbsthilfe die Sie einfordern.
Solange die Schuldenrate bei deutschen Jugendlichen steigt, können sie nicht indischen Dorfbewohnern abverflangen berechnend mit Geld umgehen zu können.
Oder?
Mit Verlaub, sie nerven. Zu jedem Thema lassen Sie ihre, den Kapitalismus und das große deutsche Volk preisenden, Blasen los. Überflüssig wie ein Kropf.
Bald überholten Finanzriesen wie die Deutsche Bank und Morgan Stanley die Philanthropen und legten Investmentfonds für Mikrokredite auf.
man erkennt den widerwärtigen Charakter eines Mannes Namens Ackermann. Kein weiterer Text, er würde der Zensur anheimfsllen.
KH
Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/fk.
Wie Winninni richtig erkannt hat, sind hierbei die Zinsen das Problem.
Der Artikel machte mich stutzig - mir war garnicht klar, warum sich Banken für Mikrokredite interessierten.
Ich habe in Peru in einem Mikrokreditbüro gearbeitet. Dort haben wir Kredite zinslos vergeben und die Projekte regelmäßig besucht. So machen es alle gängigen Hilfsorganisationen (hoffentlich).
Dass sich an Mikrokrediten auch Finanzjongleure vergehen, könnte man mit einem Gesetz zur Zinsbeschränkung von Mikrokrediten verhindern.
Mich würde interessieren, was Muhammad Yunus zu dieser dramatischen Entwicklung sagt, welche sicher nicht in seinem Sinne gewesen sein kann.
Missbrauch einer großen Idee für den Profit Weniger.
"Mich würde interessieren, was Muhammad Yunus zu
dieser dramatischen Entwicklung sagt, welche sicher
nicht in seinem Sinne gewesen sein kann."
Dann kaufen Sie sich am besten die Print-Ausgabe ... da wird der Artikel nämlich von einem halbseitigen Yunus-Interview flankiert. Sehr empfehlenswert!
"Mich würde interessieren, was Muhammad Yunus zu
dieser dramatischen Entwicklung sagt, welche sicher
nicht in seinem Sinne gewesen sein kann."
Dann kaufen Sie sich am besten die Print-Ausgabe ... da wird der Artikel nämlich von einem halbseitigen Yunus-Interview flankiert. Sehr empfehlenswert!
Ich bin froh über jeden "Gutmenschen". Die Erde kommt dadurch vielleicht ins Chaos, aber in eines das bessere Ziele hat als das Chaos vom Profit, wie man an diesem Artikel sehen kann.
Wenn die Idee von Muhammad Yunus von anderen umgesetzt worden wäre, wie es gedacht war, dann wäre es kein Profitmarkt, sondern eine Unterstützung zu eben jener Selbsthilfe die Sie einfordern.
Solange die Schuldenrate bei deutschen Jugendlichen steigt, können sie nicht indischen Dorfbewohnern abverflangen berechnend mit Geld umgehen zu können.
Oder?
Mit Verlaub, sie nerven. Zu jedem Thema lassen Sie ihre, den Kapitalismus und das große deutsche Volk preisenden, Blasen los. Überflüssig wie ein Kropf.
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