Mikrokredite Selbstmord einer großen IdeeSeite 3/3
Arme indische Landbewohnerinnen sind vergleichsweise leichte Opfer für diejenigen, die ihnen Böses wollen. Vom Verlust allen Selbstwertgefühls berichtet Paruchuri Jamuna, eine Sozialarbeiterin der staatlichen Gesellschaft für die Ausrottung ländlicher Armut in Hyderabad. »Sie sind die unterste Schicht der Gesellschaft, ihnen fehlt das Gefühl, dass ihr Tod für andere ein Verlust ist. Deshalb erleben wir so viele Selbstmorde«, sagt Jamuna. Die Kreditfirmen trieben Frauen am unteren Rand der Gesellschaft an den Abgrund. »Und dahinter ist nichts mehr«, sagt sie.
Von solch schweren Vorhaltungen will man in der Spandana-Zentrale in Hyderabad nichts wissen. »Jede Selbsthilfegruppe hat ihre eigene Dynamik«, pariert Nitin Agrawal die Frage nach Selbstmorden unter seinen Kunden. Agrawal ist Strategie-Chef bei Spandana, dem zweitgrößten Mikrofinanzinstitut Indiens, und lässt Zahlen sprechen: Seine Firma habe die Zahl der Kunden binnen vier Jahren von 50.000 auf 5 Millionen steigern können. Doch erst zehn Prozent des Bedarfs an Mikrokrediten in Indien seien gedeckt. Der Branche stünden also weitere Jahre mit jeweils dreistelligen Wachstumsraten bevor. Risiken gebe es keine. Die sozialen Zerwürfnisse in vielen Selbsthilfegruppen, die Korruption auf Dorfebene sind für ihn aufgebauschte Medienthemen. »Es gibt zu viel Scheinwerferlicht, das die Kunden stört. Die Wahrscheinlichkeit eines faulen Mikrokredits liegt bei einem Prozent«, bemüht Agrawal das 99-Prozent-Credo seiner Branche. Tatsächlich werden 99 von 100 Mikrokrediten in Indien bislang abbezahlt.
Nicht bloß Spandana oder SKS werben für das Geschäft, aus Deutschland sind neben der Deutschen Bank etwa die Allianz und die öffentliche Kreditanstalt für Wiederaufbau dabei. Bei den meisten Instituten klingt es dann so, als zahlten Indiens Mikrofinanzkunden problemlos zurück.
Wie das Mikrokreditwesen dabei ganze Dorfgesellschaften aufreibt und die Frauen in Kriminalität und Prostitution treibt, lässt sich in Lachapet besichtigen. Das kleine Dorf im Bezirk Dabbak liegt rund 150 Kilometer nordwestlich von Hyderabad. In einer kleinen, leeren Getreidelagerhalle erwarten am frühen Abend 50 Zigarettendreherinnen und der Dorfbürgermeister den Reporter, als käme endlich einer, der für Recht und Ordnung sorgen könnte. Oder der zumindest der Welt von ihrem Schicksal berichtet. Ihre Heimat ist belagert von den Agenten der Mikrokreditfirmen. »Sie sind noch hier im Dorf«, sagen die Frauen ängstlich. SKS, Spandana, Share, Basics und L&T – alle haben in Lachapet Kredite vergeben. Und alle warten auf die Rückzahlung, die aber nicht kommt, weil die Frauen umgerechnet gerade mal einen Euro Tageslohn verdienen.
Kein Gedanke daran, dass die Frauen ihre Kredite sinnvoll investieren. Sie brauchen das Geld schlichtweg, um Essen zu kaufen. Trotzdem verteilten die Mikrofinanzfirmen sorglos ihre Kredite an 200 von 1000 Frauen im Dorf. Eine Ladenbesitzerin stand ihnen dabei zur Seite. Sie schwatzte den Frauen Kredite auf und organisierte sie in Selbsthilfegruppen. Inzwischen ist sie nach Hyderabad geflohen. Seitdem haben sich die Gruppen, die unter ihrer Knute standen, aufgelöst. Jetzt kommen die Kreditagenten abends in die Häuser der Frauen und bedrohen sie. »Sie sagen: ›Prostituiere dich! Du musst zurückzahlen‹«, berichtet die 38-jährige Edula Savitri.
»Die Prostitution ist hier überall«, sagt die 40-jährige Kondalakshmi Narsawa. Sie hat es als eine der ersten Mikrokreditnehmerinnen in Andhra-Pradesh gewagt, zur Polizei zu gehen und einen Agenten wegen körperlicher Belästigung anzuzeigen. Doch erwartet sie keine Hilfe. »Die Polizei ist auch schon bestochen«, sagt sie.
Glaubt man den Analysten der Rating-Agentur MCRIL in Delhi, dann ist die Rückzahlungskrise im indischen Mikrokreditwesen viel größer, als lokale Proteste erahnen lassen. »Die Branche belügt sich selbst. Ihre Erfolge haben die Mikrofinanzinstitute blind gemacht«, sagt der Agenturchef Alok Misra. Er geht davon aus, dass derzeit nur noch 30 bis 40 Prozent aller Mikrokreditnehmer in Andhra-Pradesh ihre Kredite pünktlich zurückzahlen, auch wenn keiner das zugibt. »Harakiri – verübt die Mikrofinanzindustrie in Indien Selbstmord?«, fragt das Wirtschaftsmagazin Business India auf seiner aktuellen Titelseite. »Wenn der Staat nicht schnell eingreift und das Mikrokreditwesen reguliert, kann die ganze Branche untergehen«, warnt Misra.
Die Hinweise darauf mehren sich. Erste Unternehmen wollten nun vom Staat gerettet werden, berichtete die Financial Times zu Beginn der Woche. Das Microfinance Institution Network, ein Zusammenschluss von mehr als 40 kommerziellen Mikrokreditgebern, wolle demnach seinerseits ein Darlehen. Mehr als 200 Millionen Dollar soll ein vor allem staatlich gestützter Notfallfonds bereitstellen, damit die Firmen zahlungsfähig bleiben. Die Mikrokreditkrise nimmt größere Ausmaße an.
Wahrscheinlich werden sich noch viele Frauen wie Pravallika mit Kerosin überschütten.
Pravallika selbst hat, verglichen jedenfalls mit anderen Frauen, noch ein wenig Glück im Unglück: Die Kreditfirma Share steht zu ihrer Verantwortung. »Solche Zwischenfälle sind verstörend und widersprechen den Zielen des Mikrofinanzwesens«, teilt der Share-Chef Udaia Kumar in einer schriftlichen Stellungnahme an die ZEIT mit. Er berichtet, dass seine Firma die Krankenhauskosten für Pravallika von umgerechnet 500 Euro übernommen hat. »Wir werden auch in der Zukunft alle Hilfe gewährleisten, die Pravallikas Gesundheit erfordert«, versichert Kumar. Es ist ein kleiner Schritt zur Umkehr. Aber es werden wohl noch viel mehr Schritte nötig sein.
Mitarbeit: Chikako Yamamoto
- Datum 23.11.2010 - 10:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.11.2010 Nr. 47
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30% und mehr sind dort ganz normal. Die Lösung ist sehr einfach, man vergibt nur kostenlose Kredite, sogar eine Tilgung zu 90% macht Sinn. Das ganze macht man dann über Entwicklungshilfe, die dann auf diesem Weg verneunfacht wird.
Wie Winninni richtig erkannt hat, sind hierbei die Zinsen das Problem.
Der Artikel machte mich stutzig - mir war garnicht klar, warum sich Banken für Mikrokredite interessierten.
Ich habe in Peru in einem Mikrokreditbüro gearbeitet. Dort haben wir Kredite zinslos vergeben und die Projekte regelmäßig besucht. So machen es alle gängigen Hilfsorganisationen (hoffentlich).
Dass sich an Mikrokrediten auch Finanzjongleure vergehen, könnte man mit einem Gesetz zur Zinsbeschränkung von Mikrokrediten verhindern.
Es sind die Zinsen!
Lieber Georg Blume, es fehlt in Deinem Bericht leider die Auflistung der Zinsen, die von dem Mikrobanken genommen werden. Zwar sind die Kreditsummen minimal, aber die Zinsen sind oft astronomisch und sie können als Wucher bezeichnet werden.
Beste Grüsse von Stefan Reisner, auch an Chikako
aber unsere "entwicklungshilfe", sofern sie auf vergabe von Krediten beruht, hat als allerletztes im sinn den menschen vor ort zu helfen.
Wie Winninni richtig erkannt hat, sind hierbei die Zinsen das Problem.
Der Artikel machte mich stutzig - mir war garnicht klar, warum sich Banken für Mikrokredite interessierten.
Ich habe in Peru in einem Mikrokreditbüro gearbeitet. Dort haben wir Kredite zinslos vergeben und die Projekte regelmäßig besucht. So machen es alle gängigen Hilfsorganisationen (hoffentlich).
Dass sich an Mikrokrediten auch Finanzjongleure vergehen, könnte man mit einem Gesetz zur Zinsbeschränkung von Mikrokrediten verhindern.
Es sind die Zinsen!
Lieber Georg Blume, es fehlt in Deinem Bericht leider die Auflistung der Zinsen, die von dem Mikrobanken genommen werden. Zwar sind die Kreditsummen minimal, aber die Zinsen sind oft astronomisch und sie können als Wucher bezeichnet werden.
Beste Grüsse von Stefan Reisner, auch an Chikako
aber unsere "entwicklungshilfe", sofern sie auf vergabe von Krediten beruht, hat als allerletztes im sinn den menschen vor ort zu helfen.
sind ja auch ein Teil des Problems.
Von daher verzögert sich das platzen der Blase nur.
Man möchte ihnen zurufen: Tut nichts unüberlegtes wenn ihr verschuldet seit! Wartet noch ein wenig. Wenn wir Gutmenschen erst die Banken, die Griechen, die Portugiesen, die Spanier und unsere Migranten gerettet haben, dann bekommt ihr den ganzen Opferstock unserer Klimakirche! Mit der Rückzahlung unserer CO2-Schuld werden wir euer Land mit Geld fluten! Alles damit ihr nicht auf den Gedanken kommt selbst zu produzieren, nein wir bezahlen, euch und den Chinesen und den restlichen lieben Menschen, alles. Also wartet mal schön ab. Wir müssen jetzt nur mal kurz durchrechnen was wir dann noch übrig haben und wie viel von euch auf einen von uns Deutschen kommen. Aber keine Angst es wäre nicht das erste Mal, dass wir es mit der ganzen Welt aufnehmen!
Ich bin froh über jeden "Gutmenschen". Die Erde kommt dadurch vielleicht ins Chaos, aber in eines das bessere Ziele hat als das Chaos vom Profit, wie man an diesem Artikel sehen kann.
Wenn die Idee von Muhammad Yunus von anderen umgesetzt worden wäre, wie es gedacht war, dann wäre es kein Profitmarkt, sondern eine Unterstützung zu eben jener Selbsthilfe die Sie einfordern.
Solange die Schuldenrate bei deutschen Jugendlichen steigt, können sie nicht indischen Dorfbewohnern abverflangen berechnend mit Geld umgehen zu können.
Oder?
Mit Verlaub, sie nerven. Zu jedem Thema lassen Sie ihre, den Kapitalismus und das große deutsche Volk preisenden, Blasen los. Überflüssig wie ein Kropf.
Ich bin froh über jeden "Gutmenschen". Die Erde kommt dadurch vielleicht ins Chaos, aber in eines das bessere Ziele hat als das Chaos vom Profit, wie man an diesem Artikel sehen kann.
Wenn die Idee von Muhammad Yunus von anderen umgesetzt worden wäre, wie es gedacht war, dann wäre es kein Profitmarkt, sondern eine Unterstützung zu eben jener Selbsthilfe die Sie einfordern.
Solange die Schuldenrate bei deutschen Jugendlichen steigt, können sie nicht indischen Dorfbewohnern abverflangen berechnend mit Geld umgehen zu können.
Oder?
Mit Verlaub, sie nerven. Zu jedem Thema lassen Sie ihre, den Kapitalismus und das große deutsche Volk preisenden, Blasen los. Überflüssig wie ein Kropf.
Bald überholten Finanzriesen wie die Deutsche Bank und Morgan Stanley die Philanthropen und legten Investmentfonds für Mikrokredite auf.
man erkennt den widerwärtigen Charakter eines Mannes Namens Ackermann. Kein weiterer Text, er würde der Zensur anheimfsllen.
KH
Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/fk.
Wie Winninni richtig erkannt hat, sind hierbei die Zinsen das Problem.
Der Artikel machte mich stutzig - mir war garnicht klar, warum sich Banken für Mikrokredite interessierten.
Ich habe in Peru in einem Mikrokreditbüro gearbeitet. Dort haben wir Kredite zinslos vergeben und die Projekte regelmäßig besucht. So machen es alle gängigen Hilfsorganisationen (hoffentlich).
Dass sich an Mikrokrediten auch Finanzjongleure vergehen, könnte man mit einem Gesetz zur Zinsbeschränkung von Mikrokrediten verhindern.
Mich würde interessieren, was Muhammad Yunus zu dieser dramatischen Entwicklung sagt, welche sicher nicht in seinem Sinne gewesen sein kann.
Missbrauch einer großen Idee für den Profit Weniger.
"Mich würde interessieren, was Muhammad Yunus zu
dieser dramatischen Entwicklung sagt, welche sicher
nicht in seinem Sinne gewesen sein kann."
Dann kaufen Sie sich am besten die Print-Ausgabe ... da wird der Artikel nämlich von einem halbseitigen Yunus-Interview flankiert. Sehr empfehlenswert!
"Mich würde interessieren, was Muhammad Yunus zu
dieser dramatischen Entwicklung sagt, welche sicher
nicht in seinem Sinne gewesen sein kann."
Dann kaufen Sie sich am besten die Print-Ausgabe ... da wird der Artikel nämlich von einem halbseitigen Yunus-Interview flankiert. Sehr empfehlenswert!
Ich bin froh über jeden "Gutmenschen". Die Erde kommt dadurch vielleicht ins Chaos, aber in eines das bessere Ziele hat als das Chaos vom Profit, wie man an diesem Artikel sehen kann.
Wenn die Idee von Muhammad Yunus von anderen umgesetzt worden wäre, wie es gedacht war, dann wäre es kein Profitmarkt, sondern eine Unterstützung zu eben jener Selbsthilfe die Sie einfordern.
Solange die Schuldenrate bei deutschen Jugendlichen steigt, können sie nicht indischen Dorfbewohnern abverflangen berechnend mit Geld umgehen zu können.
Oder?
Mit Verlaub, sie nerven. Zu jedem Thema lassen Sie ihre, den Kapitalismus und das große deutsche Volk preisenden, Blasen los. Überflüssig wie ein Kropf.
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