ZEIT: Sie haben bestimmte Formen der gegenwärtigen Islamkritik mit dem Antisemitismus im deutschen Kaiserreich verglichen. Geht das nicht zu weit?

Benz: Das hat einige Leute sehr aufgeregt. Ich möchte dagegen fragen: Welchen Sinn hat eine Vorurteilsforschung, wenn sie musealen Charakter annimmt? Was hat das für einen Erkenntniswert? Ich fürchte: keinen. Wissenschaft ist dazu da, aus dem Besonderen das Allgemeine zu destillieren.

ZEIT: Worin ähneln sich denn der Antisemitismus von damals und die populistische Stimmungsmache gegen den Islam heute?

Benz: Im 19. Jahrhundert hat sich das Instrumentarium des modernen Antisemitismus ausgebildet. Um zu legitimieren, dass Juden ausgeschlossen, verjagt, womöglich umgebracht werden sollen, musste man beweisen, dass diese Minderheit schädlich, gefährlich und böse ist. Man fand den Beweis dafür zunächst in der Religion und dann – das war damals neu – im Charakter der Gläubigen. Die Charaktereigenschaften leitete man aus der Religion ab. Den Talmud als böses Buch zu diffamieren war ein verbreitetes Mittel der antisemitischen Propaganda. In einem nächsten Schritt wurde der "jüdische Charakter" zum "Rassemerkmal" umgedeutet. Seit ein paar Jahren laufen ähnliche Prozesse im öffentlichen Sprechen über Muslime ab. Abermals wird eine religiöse Gruppe mit bestimmten Eigenschaften belegt, die aus Glaube und "Kultur" abgeleitet werden.

ZEIT: Statt Talmudhetze nun Koranhetze?

Benz: Überspitzt gesagt, ja. Jedenfalls werden gläubige Muslime dadurch zu einer potenziell "bösen Gruppe" erklärt. Sogar der Schritt, so etwas wie einen "muslimischen Charakter" biologisch festzuschreiben, ist vollzogen worden – von Thilo Sarrazin. Wobei ich eines klarstellen möchte, weil es immer wieder missverstanden wird: Ich setze nicht Muslime mit Juden gleich. Selbstverständlich gibt es islamistischen Terror und Fundamentalismus, das leugnet doch niemand, der noch seine fünf Sinne beisammen hat. Mir geht es darum, wie sich die Mehrheit der Bevölkerung gegenüber einer Minderheit verhält.

ZEIT: Aber werden Sie damit noch den Besonderheiten des antisemitischen Ressentiments gerecht? Reduzieren Sie nicht eine sehr komplexe Geschichte auf eine viel zu abstrakte Struktur?

Benz: Ich leite seit 20 Jahren das Zentrum für Antisemitismusforschung: Selbstverständlich befassen wir uns hier mit der Frage, wodurch sich Antisemitismus von gewöhnlichem Fremdenhass unterscheidet und welche Rolle Verschwörungstheorien spielen. Wer antisemitische Vorurteile hegt, klagt gern über den angeblichen jüdischen Einfluss in der Presse oder an den Börsen. So etwas äußert man dann mit dem Zusatz "Aber das darf man ja nicht sagen". Auf diese Weise steigert man noch das Gefühl der vermeintlichen Bedrohung: Die Fremden und ihre Helfershelfer wollen einem den Mund verbieten! Die populistische "Islamkritik" funktioniert ganz ähnlich. Da ist dann nicht die Rede von einer Weltverschwörung, aber von einer drohenden Islamisierung.