ZEIT: Der Antisemitismus greift außerdem auf tief verwurzelte historische Stereotype zurück.

Benz: Dasselbe finden Sie in den Warnungen vor dem Islam. Nach dem Muster: 1683 standen die Türken vor Wien, und wir haben sie abgewehrt, jetzt kommt der zweite Ansturm – deshalb: Minarettverbot! Im 19. und frühen 20. Jahrhundert sah das nicht anders aus. Zu jener Zeit waren es die Juden, die aus Polen hereinströmten. Vor ihnen warnte der Berliner Historiker Heinrich von Treitschke mit seinem berüchtigten Satz "Die Juden sind unser Unglück". Schon damals fürchtete man, dass Deutschland sich abschafft.

ZEIT: 2004 erschien Ihr Buch Was ist Antisemitismus?. Da wurde noch nicht über Islamophobie diskutiert, sondern über die Entgleisungen einiger Politiker wie des FDP-Manns Jürgen W. Möllemann oder Martin Hohmanns von der CDU, der behauptet hatte, mit demselben Recht wie die Deutschen könnte man auch die Juden als "Tätervolk" bezeichnen. Wie stark ist der Antisemitismus heute?

Benz: Es gibt seit mindestens 20 Jahren einen gleichbleibenden Bodensatz: Im Weltbild von 15 bis 20 Prozent der Deutschen haben auch Ressentiments gegen Juden Platz. Das sind deshalb nicht alles fanatische Antisemiten im Sinne der NS-Ideologie, aber allein dass eine solche Menge von Leuten überhaupt antijüdische Vorurteile hegt, ist betrüblich.

ZEIT: Braucht eine Gesellschaft womöglich Feindbilder und Vorurteile?

Benz: Eine Welt ohne Vorurteile und Diskriminierung bleibt eine Utopie. In einer modernen Gesellschaft, in der man stets von Neuem erklären muss, warum es dem einen gut geht und dem anderen nicht, wird es immer Ressentiments geben. Die Frage ist: Wie können wir das mörderische Potenzial kontrollieren, das darin steckt? Beim Antisemitismus ist das hierzulande nach 1945 gelungen. Da hielten die Dämme. Und solche Dämme wünsche ich mir auch, wenn es um andere Minderheiten geht. Wir brauchen deshalb eine historisch fundierte Vorurteilsforschung, und das umso dringender, je mehr die Ungleichheit in der Gesellschaft zunimmt. Irgendwann werden die Leute des hysterischen Geschreis über den Islam müde sein und wieder ein offeneres Ohr haben für historische Aufklärung. Da bin ich, von Berufs wegen, Optimist.