NS-Forschung"Das hat einige sehr aufgeregt"

Darf man Antisemitismus und antiislamische Ressentiments vergleichen? Ein Gespräch mit dem Berliner Historiker Wolfgang Benz über Motive der NS-Forschung und alte, unüberwindliche Vorurteilsstrukturen. von Christian Staasss

Eine Geschäftstraße in Deutschland im November 1938: Ein jüdischer Laden ist mit antisemitischen Kritzeleien beschmiert

Eine Geschäftstraße in Deutschland im November 1938: Ein jüdischer Laden ist mit antisemitischen Kritzeleien beschmiert  |  © OFF/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Benz, die Berichte über die Machenschaften des Auswärtigen Amtes sorgten für einiges Aufsehen. Haben Sie die Ergebnisse der Historikerkommission überrascht?

Wolfgang Benz: Nein. Das meiste war bekannt. Dennoch hat die Kommission in der Aufklärung vieler Details, auch zur Nachkriegszeit, großartige Arbeit geleistet. Ähnlich verhält es sich mit dem Zwischenbericht zum Reichsfinanzministerium, der vergangene Woche erschienen ist: Wer sich mit der Ausplünderung der Juden, der sogenannten Arisierung, beschäftigt hat, weiß, dass dieses Ministerium tatkräftig mitwirkte. Für die Öffentlichkeit aber muss man solche Dinge immer wieder aufrollen, für jede Generation aufs Neue. Nur so kann mit dem alten Zerrbild aufgeräumt werden, die NS-Untaten seien allein das Werk eines Gangsters namens Adolf Hitler und seiner Entourage gewesen.

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ZEIT: Eine Debatte wie in den neunziger Jahren um die Verbrechen der Wehrmacht hat der AA-Bericht allerdings nicht ausgelöst. Ist die Zeit der großen historischen Kontroversen vorbei?

Benz: Dieser Art von Kontroversen gewiss. Aber es wird weiterhin Debatten geben. Die entscheidende Frage bleibt: Wie war das alles überhaupt möglich, wie konnte es zu solchen Verbrechen kommen? Dazu müssen wir unseren Erkenntnishorizont erweitern und über Fachgrenzen blicken. Wir benötigen Arbeiten von Philosophen, Erkenntnistheoretikern, Psychoanalytikern. Andere Länder sind da sehr viel weiter.

Wolfgang Benz
Wolfgang Benz

Der Historiker, Jahrgang 1941, war bis zum März 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Er ist Mitherausgeber des Übersichtswerks Der Ort des Terrors, das in neun Bänden die Geschichte der Konzentrationslager im Dritten Reich zusammenfasst.

ZEIT: An Büchern über die NS-Zeit herrscht kein Mangel. Und dennoch fehlen zu vielen Protagonisten des "Dritten Reichs" verlässliche Biografien.

Benz: Gerade erscheint eine neue Goebbels-Biografie von Peter Longerich. Aber wir haben immer noch kein gründliches Buch über Göring. Auch nichts Entsprechendes zu Roland Freisler, ebenso wenig etwas über Julius Streicher, den Herausgeber des Stürmers. Aufschlussreicher und dringender sind allerdings Kollektivbiografien einzelner Tätergruppen nach der Art von Michael Wildts Buch Generation des Unbedingten über das Personal des Reichssicherheitshauptamts. Außerdem stößt man immer wieder auf neue Fragen. So haben wir 2002, als das Gesetz über die Ghetto-Renten beschlossen wurde, festgestellt, wie wenig wir über die 500 bis 600 von den Deutschen im Osten eingerichteten Ghettos wussten. Nun aber brauchten wir Detailkenntnisse, etwa darüber, welche Arbeit im Ghetto Zwangsarbeit war und welche nicht. Damals begann ein sehr wichtiges Forschungsprojekt.

ZEIT: Das hört sich an, als stehe den Historikern noch viel Fleißarbeit bevor!

Benz: Ja, aber dabei darf es nicht bleiben. Denn all die Arbeit ist nichts als antiquarische Liebhaberei, wenn man daraus nicht auch einen Nutzen für die Gegenwart zieht: Sich mit dem Holocaust zu beschäftigen heißt für mich, zu fragen, wohin Diskriminierung führt. Jedes genozidale Geschehen beginnt mit der kategorialen Zuschreibung von Eigenschaften zu einer bestimmten Gruppe. Wir brauchen deshalb auch in Deutschland eine international vergleichende Genozidforschung. Wir müssen beschreiben, welche Mechanismen das Morden ermöglichen, wie die Opfergruppen zuvor ausgesondert und diffamiert werden.

ZEIT: Verharmlosen solche Vergleiche nicht den Holocaust?

Benz: Der Einwand ist absurd. Der wissenschaftliche Vergleich ist eine legitime, notwendige Erkenntnismethode. Nichts liegt mir ferner, als den Holocaust zu relativieren! Nur, es genügt eben nicht, dass ab und zu ein Politiker sagt: "Nie wieder Auschwitz!" Man muss dem Wesen des Vorurteils nachgehen.

Leserkommentare
  1. Und was macht man mit den "unintegrierbaren" Deutschen? Was bedeutet integriert? Sind Sympathisanten des Kommunismus nicht in das deutsche System eingegliedert? Sollte man sie gar abschieben?
    Ist ein Deutscher mit unzureichender Schulbildung nicht integriert? Trägt jemand, der Hartz IV bekommt, zu Deutschland bei ("DU bist Deutschland")?

    Das sind Fragen, die selten angesprochen werden. Schlecht sind immer nur die "Anderen", bevorzugt die, welche man aufgrund Religion oder Aussehen absondern kann. Insofern empfinde ich Ihren Ansatz als eine nette Abwechslung.

    • iDog
    • 17. Januar 2011 14:36 Uhr

    wie viele antiislamisten sich hier in dieser debatte outen. dass heisst aber nichts nderes als dass sich zu viele menschen von der ideologischen provokation und also imaginierten feindsuche, um für die eignen ungeloessten probleme schuldige zu finden,eintueten lassen. wer sind die provokateuere, die hier eigentlich harmlose buerger aufeienanderhetzen wollen unn damit erst zu fundamentalisten machen - und zwar auf allen seiten?

    bedenken sie , das sich ignorranz schlecht geggeneinander abwaegen laesst. sie bleibt immer ignorranz.

    wobei zu bemerken belibt , das weder dieser wissenschaftler hier nich die zeit mit dem interview irgedn etwas gegn diese entwicklung unternimmt - im gegenteil - sie wird damit befeuert , wie die debatte hier deutlich zeigt.

    schaemt euch ewas - das sind doch keine aufgklaeretne erwachsenen , die sich so verhalten, sonderen aufgebockte marionetten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn es jemand kritisch sieht, sind es ant-islamisten! Vielleicht sind es auch anti-theisten - sog. Atheisten - die hier konkrete Kritik an einer Religion üben? Man muss ganz genau hinschauen und auf 2 Dinge achten: 1. Entspricht die Kritik den Fakten oder ist sie an den Haaren herbei gezogen? 2. Welche Intention verfolgt der Verfasser/Urheber mit seiner Kritik?

  2. Da unterliegt der Herr Benz aber leider einem weit verbreitetem Denkfehler. Der überwiegende Teil der Vorwürfen und Unterstellungen, die den Juden im 19. Jahrhundert zum Verhängnis wurden und den Hass auf sie schürten, wurde ihnen "angedichtet" und ist frei erfunden. Demgegenüber stehen nachweisliche, oft wiederholte Aussagen und Ankündigungen - nicht einzelner Extremisten - sondern von der religiösen und politischen Elite, der islamischen Vertreter.
    Somit ist ein Vergleich des Antisemitismus mit den Warnungen vor einer Unterschätzung des Islams nicht nur grundfalsch - es stellt die Fakten auf den Kopf.
    Mehr noch: Wer heute nüchtern, begründete Fragen stellt und vor Fehlentwicklungen warnt, ist der Böse. Spätestens dann, wenn die Entwicklung so weitergeht wie bisher, und die Vertreter des Islam alle ihre Interessen durschsetzen - und darum kommen wir mit Beschwichtigungsgerede nicht herum, wird man erkennen, dass wir nicht tolerant, sondern naiv und blind sind.

  3. Also so gänzlich schönreden kann man eine ganze Religion mit ihrer gesamten Historie auch nicht. Genauso wie sich die westliche Kirche ihre Kreuzzüge vorwerfen lassen muss, hat sich der Islam auch seine sogenannte "Öffnung" (Futuhat) vorwerfen zu lassen. Das was hier beschrieben wurde, ist der Umgang von Muslimen untereinander. Problematisch wird es erst, wenn islamische Glaubensrichtungen auf andere Glauben treffen. Es ist einfach naiv zu behaupten es handle sich um eine "friedliche Religion" (vielmehr gibt es friedliche Dogmen), wenn Minderheiten in Ägypten, Syrien oder sonstwo um ihr Leben fürchten müssen.

  4. wenn es jemand kritisch sieht, sind es ant-islamisten! Vielleicht sind es auch anti-theisten - sog. Atheisten - die hier konkrete Kritik an einer Religion üben? Man muss ganz genau hinschauen und auf 2 Dinge achten: 1. Entspricht die Kritik den Fakten oder ist sie an den Haaren herbei gezogen? 2. Welche Intention verfolgt der Verfasser/Urheber mit seiner Kritik?

    Antwort auf "es ist erschrecken"

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