Kroatische Soldaten bei einer Übung © Hrvoie Polan/AFP/Getty

Mit der Nato und ihren Strategien ist es ein bisschen wie mit dem Hase und dem Igel. Das Bündnis verliert immer wieder gegen eine rätselhaft schnelle Wirklichkeit. 1999 gab sich die Allianz ihr bis heute geltendes Grundlagenkonzept – keine zwei Jahre später, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, war es de facto Altpapier. Am kommenden Wochenende wollen sich die mittlerweile 28 Staats- und Regierungschefs des größten Militärbündnisses der Welt in Lissabon auf eine neue Wegweisung einigen – oder treffender gesagt: das unterzeichnen, was die Sachlage längst diktiert.

Mit dem Afghanistaneinsatz hat die früher statische Allianz des Kalten Krieges die Verteidigungslinie des Westens in asiatische Hochgebirge verlegt. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen will mehr von dieser Beweglichkeit: »Fett abschneiden und Muskeln aufbauen.« Mehr vernetztes, internationales Engagement, das sieht sein Entwurf für Lissabon vor. In eine zunehmend global agierende Einsatzstreitkraft hat sich auch die Bundeswehr verwandelt. Nicht mehr die Landesverteidigung steht für sie im Zentrum, sondern der weltweite Einsatz im Zeitalter der asymmetrischen Konflikte.

Einsätze der Nato seit 1995: (Klicken Sie hier um sich eine Karte anzeigen zu lassen )

Nur, übersehen die Reformpläne in Brüssel und in Berlin womöglich, dass sich die Welt längst schon wieder verändert hat?

Nicht nur in den USA, der Nato-Führungsmacht, macht sich Frust über die globalen Militäreinsätze breit. Auch in Deutschland, den Niederlanden und Kanada wächst der Unmut. Zu hoch seien die Folgekosten der Einsätze – die finanziellen, politischen und menschlichen. Die USA, so ein viel diskutiertes Szenario, wenden sich unter dem angeschlagenen Präsidenten Barack Obama, der nun auf Volkes Stimme hören muss, nach innen. Daher werde Washington beim Abzug aus Afghanistan (siehe Kasten) vorweggehen.

Zugleich fordern die osteuropäischen Nato-Neumitglieder nach dem Schock des Georgien-Krieges 2008 beruhigende Gesten der Bündnispartner. Ein eingefrorener Konflikt am Rande Europas steigerte sich damals binnen Tagen zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen Tiflis und Moskau. Vor allem Polen und die baltischen Staaten fordern seitdem ein klares Bekenntnis, dass Artikel 5 des Washingtoner Vertrages noch immer den Kerngedanken der Allianz bezeichnet. Da steht, dass die Verbündeten einander Beistand zu leisten haben, »einschließlich der Anwendung von Waffengewalt (...), um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten«.

Für die Bundeswehr könnte die wachsende Sehnsucht nach der alten, territorialen Nato eine paradoxe Folge haben. Just zu dem Zeitpunkt, da sie zur globalen Einsatzarmee heranreift, kommen globale Einsätze aus der Mode.

Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, hält das Auseinanderdriften von strategischer Planung und strategischem Willen für bedenklich. Er mahnt: Wenn Amerika sich stärker nach innen wende und sich außenpolitisch eher auf den pazifischen als auf den atlantischen Raum fokussiere, bedeute dies im Umkehrschluss keineswegs, »dass die Ursachen von Konfliktherden verschwinden«. Was zum Beispiel, fragt Kujat, wenn politische Hasardeure wie der iranische Präsident Ahmadineschad die »amerikanische Introvertiertheit« fehlinterpretierten und dadurch neue Konflikte auslösten, die Nato-Einsätze provozierten? Man dürfe, warnt Kujat, in einer dynamischen Welt Militäreinsätze nicht zu statisch denken, sich nicht zu sehr am Bekannten orientieren. Für eine selbstverständliche Aufgabe der Bundeswehr hält Kujat – wie auch SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold – die Sicherung der Handelswege. »Das steht bereits im Weißbuch von 2006«, sagt Arnold. Kujat zeigt sich trotzdem wenig überrascht davon, dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg unlängst eine Empörungswelle entgegenschlug, als er dies öffentlich aussprach: »Die Deutschen sind wie Pferde«, sagt er. »Sie scheuen immer an der gleichen Stelle.

Seit die Nato die Welt jenseits des Bündnisgebiets für sich entdeckt hat, fliegt sie gleichsam auf Autopilot. Fast all ihr Geld und ihre Energie haben die Verteidigungsministerien seit den Weichenstellungen nach 9/11 in »Fähigkeitsorientierung« und »Verlegefähigkeit« gesteckt, wie die Konzentration auf internationale Einsätze im Militärsprech heißt. Viel zu viel, um die Grundausrichtung noch einmal zu revidieren. »So schnell, wie die Weltlage sich ändert, können Sie Rüstungsprojekte nicht umsteuern«, beschreibt ein ranghoher Nato-Militär das Gesetz der sicherheitspolitischen Trägheit.