Papst-Interview"Wir machen das unter vier Augen"

Peter Seewald war einmal Kommunist. Nun hat er als erster Journalist überhaupt ein offenes Interview mit dem Papst geführt. von 

Castel Gandolfo
Papst Benedict XVI spaziert durch den Garten seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo, nahe Rom, Italien

Papst Benedict XVI spaziert durch den Garten seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo, nahe Rom, Italien  |  © L'Osservatore Romano/ Getty Images

Wenn man mit dem Mann spricht, der mit dem Papst spricht, werden die Themen schnell schwer und tief. Man fragt: »Warum hat Gott Auschwitz zugelassen?« Und Peter Seewald antwortet mit Gegenfragen: »Warum hat Gott den Glauben bei den Menschen nicht fest verankert? Warum lässt Gott den Menschen ihre Freiheit, anstatt sie zu dirigieren?«

Wie frei ist der Mensch? Ja, sagt Seewald, hierüber hat er natürlich auch mit Papst Benedikt XVI. gesprochen, in seinem Buch Licht der Welt, das nächste Woche erscheint und aus dem nichts zitiert werden darf, bis am 22. November in der Bild- Zeitung und dem Focus Vorabdrucke erschienen sind. Es ist überhaupt das allererste Interview mit einem Papst, das unter journalistischen Bedingungen geführt wurde. Seewald und der Papst trafen sich an sechs Tagen hintereinander in dessen Sommerresidenz, Castel Gandolfo, und redeten jeweils eine Stunde lang. Seewald sagt, er hatte eigentlich beabsichtigt, jeden Tag zehn Minuten zu überziehen, dann wären es sieben Stunden gewesen. Doch sein altes Tonbandgerät machte genau nach 60 Minuten ein klackendes Geräusch. Und der Papst beendete das Tagesgespräch. Als alles vorbei war, nach sechs Tagen, spürte er erst richtig den Druck, der auf ihm lag. Ein Interview mit dem Papst! »Am liebsten hätte ich mich danach eine Woche lang betrunken, vor Freude und Erleichterung«, sagt Seewald.

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Peter Seewald, 56, war nicht immer ein Mann der Religion. Seit 1990 arbeitete er beim neu gegründeten SZ-Magazin, und dort begegnete man ihm als einem freundlichen, sperrigen Kollegen, der über Penner an der Isar und Münchner Nobelvororte schrieb und Über einen Mann, den sie Papa nannten, ein Selbstporträt über die Frage, was das eigentlich ist, Vater sein. Seewald hatte damals den Ruf, mit jedem Text etwas zu riskieren. Und irgendwann tauchte auf den Redaktionsgängen die Idee auf, Seewald solle doch ein Porträt über den Kardinal Ratzinger schreiben. Von diesem Aufeinandertreffen versprach sich die Redaktion etwas: auf der einen Seite der radikale Seewald, aufgewachsen im tiefbayerischen Passau, Oberministrant gewesen, dann aus der Kirche ausgetreten und Kommunist geworden, genauer: Mitglied des »Arbeiterbunds für den Wiederaufbau der KPD« sowie Herausgeber verschiedener kommunistischer Blätter, dann wars auch irgendwann vorbei mit Marx, und zurück blieb ein Mann auf der Suche nach irgendwas. Und auf der anderen Seite der legendär strenge Joseph Kardinal Ratzinger, der vermeintliche Großinquisitor der katholischen Kirche, den alle fürchteten.

»Der Mann wurde mein Schicksal«, sagt Peter Seewald. Und auf gewisse, etwas kleinere Weise trifft dies umgekehrt auch auf den deutschen Papst zu. Zwei Interviewbücher machte er mit Seewald noch als Kardinal, nun folgt das dritte als Papst. »Wir machen das unter vier Augen«, hatte er ihm einmal gesagt. Irgendetwas muss Ratzinger besonders gefallen haben an den Fragen und dem Wesen des suchenden Journalisten. Seewald sagt, er sei damals in einer Phase der vorsichtigen Annäherung an die Kirche gewesen. »Als Kommunisten haben wir gedacht, wir müssen uns von allem befreien, was uns einengt. Na, und dann merkte man schnell, was kommt dann, wenn nur noch die angebliche Freiheit da ist.« Er habe schon angefangen zu überlegen, was man verloren und was man bekommen hat, »vor allem als meine Kinder kamen, fragte ich mich, was kann ich denen eigentlich für eine Kultur vermitteln«. Seewald sagt, seine Begegnungen mit Ratzinger hätten die Rückkehr zum Glauben extrem beschleunigt. Heute ist er ein tiefreligiöser Mensch, mit Weihwasserbecken in der Wohnung und wochenlangen Aufenthalten in Klöstern.

Seit bald 20 Jahren beschäftigt sich Seewald nun mit Joseph Ratzinger, geboren 1927 als Sohn eines Gendarmen im bayerischen Ort Marktl am Inn. Es hätte leicht langweilig werden können, sagt er, aber eben nicht bei diesem außergewöhnlichen Mann. Seewald gerät ins Schwärmen über die Weisheit Ratzingers, die Bildung, über seine Fähigkeit, Tradition und Moderne zu verbinden. Und dann wird der Biograf richtig wütend, als er davon spricht, wie feindselig der Blick vieler Deutscher ausfalle, vor allem der Blick der Kommentatoren. Man sehe so gut wie nichts von Benedikts guten Eigenschaften, etwa seine Fähigkeit zum Dialog mit anderen Religionen, seine revolutionären Botschaften oder die Begeisterung, die er in anderen Ländern auslöse. Stattdessen werde immer wieder das Feindbild des verbohrten Hardliners aufgewärmt. Er sehe eine Gleichschaltung in der Papst-Berichterstattung im Stile des Neuen Deutschlands. Und auch die deutschen Bischöfe hätten versagt, sagt Seewald, als der Papst im Zusammenhang mit der Affäre um den Holocaust- Leugner Richard Williamson in die Nähe des Antisemitismus gerückt wurde, »keiner hat ihn wirklich verteidigt und gesagt, wie absurd diese Vorwürfe sind. Alle hatten Angst vor der veröffentlichten Meinung.« Über all das wird in dem Buch gesprochen. Und es ist zu vermuten, dass der Papst erstmals öffentlich Kritik an Angela Merkel übt, die damals eine Klarstellung in Sachen Holocaust forderte.

Die großen Themen werden in dem Buch debattiert, die Auswüchse des Kapitalismus genauso wie der sexuelle Missbrauch durch Priester oder die Ausbreitung von Aids. Italienische Zeitungen spekulieren bereits, der Papst werde in dem Buch »Neues« zum Thema Aids verkünden. Seewald sagt, es gebe am Ende des Gesprächs einen dramatischen Appell an die Kirche und die Welt: Die Menschheit stehe an einem Scheidepunkt, es sei Zeit für einen Wechsel. Seewald zitiert Benedikt XVI.: »Es gibt so viele Probleme, die alle gelöst werden müssen, die aber alle nicht gelöst werden, wenn nicht im Zentrum Gott steht und neu sichtbar wird in der Welt.« Eine Frage an den Journalisten Seewald, was bedeutet das, es gibt keine Lösung ohne Gott? Seewald antwortet: »Wenn sich der Mensch zum Maßstab der Dinge macht, muss alles scheitern.«

Seewald sagt, all den Idealismus, den er einst im Kommunismus gesucht habe, habe er im Katholizismus gefunden. Damals waren Marx und Mao die Lehrer, heute ist es für ihn Joseph Ratzinger, der Papst Benedikt XVI. Den Vorwurf, ein typischer Konvertit zu sein, radikal bleibt radikal, kennt er und weist ihn zurück, er sei kein Jünger des Papstes, aber er schätze ihn als Philosophen. Wenn er Joseph Ratzinger auf einen Begriff bringen müsste, würde er ihn »den großen Lehrer« nennen.

Als allererste Frage erkundigte sich Seewald nach dem Befinden des Papstes, wie es ihm jetzt gehe, fünf Jahre nach Antritt des Pontifikats, wo er sich doch kurz zuvor schon auf den Ruhestand eines Gelehrten gefreut hatte. Die allerletzte Frage verrät er nicht, nur so viel: »Sie ist eine Sensation.« Aber eines erzählt Seewald noch. Der Mann, den sie einst Papa nannten, nahm seinen Mut zusammen und fragte den Papst, ob er für Seewalds Kinder etwas auf das Tonband sprechen könne. Der Papst tat es – und die heilige Stimme ist nun auf dem Anrufbeantworter der Kinder zu hören.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Leserkommentare
    • Joe361
    • 21. November 2010 14:15 Uhr

    Weshalb so gehässig ?
    "Fremdermann" ist ganz offensichtlich überzeugter Moralist
    und hat wohl eine sehr genau Vorstellung von "den Kommunisten" und
    ihren Gesinnungswandlungen;
    "Mikoss" offenbart sich als waschechter Freudianer,
    "Eine_Querulantin" übernimmt den Part der Atheistin,
    und "allbay" möchte uns das auklärerische Denken neu in Erinnerung
    rufen unter historisch akkuratem Gebrauch von feudalherrschaftlichen Vokabular. Ein echter Kampf der Überzeugungen läuft hier !

    Um mich auf das Buch an sich zu beziehen, denke ich, kann es nicht schaden, das Denken des Pastes näher ans Volk zu bringen, auch wenn ich ebenfalls die BILD-Zeitung als Veröffentlichungsplattform journalistisch eher fragwürdig finde.

    2 Leserempfehlungen
  1. > Heute ist er ein tiefreligiöser Mensch, mit Weihwasserbecken in der Wohnung und wochenlangen Aufenthalten in Klöstern. <> Der Papst tat es – und die heilige Stimme ist nun auf dem Anrufbeantworter der Kinder zu hören. <

    Es fällt mir sehr schwer von einer "freiwilligen Selbsterkenntnis" auszugehen oder einer Entschuldigung "von einem Extrem des Kommunismus zu einem anderen". Solch eine Verhaltensweise ist nicht logisch nachvollziehbar. Die Bezeichnung "heilige Stimme", auch wenn es ein Synonym sein sollte, gibt Grund zur Besorgnis. Hier scheint mehr geschehen zu sein als die Annahme einer Lehre.

    3 Leserempfehlungen
    • ElKazaa
    • 21. November 2010 15:21 Uhr

    "wenn sich der Mensch zum Maß aller Dinge macht, alles scheitern muß" - das sagt der mensch, der sich als der vertreter eines gottes auf erden bezeichnet... so ein heuchlerischer verein - schön, dass wir die wahl haben, diese phantasten zwar zu registrieren, aber anschließend feierlich zu ignorieren.

    4 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 21. November 2010 15:30 Uhr

    Leider kann natürlich auf den Begriff Sensation nicht verzichtet werden. Aber ich denke, es wird sehr interessant, wenn Herr Seewald nicht übertrieben hat.

  2. Was macht man, wenn zuerst ein Skandal wegen eines Holocaust-Leugners Image-trübend wirkt, dann der Missbrauchsskandal, das Kondomverbot... Irgendwas muss man da doch machen, rein propaganda-technisch. Also: Der Seewald muss mal wieder her und ein neues Buch schreiben. Und darin: Personenkult. Wie schon damals, als es der Papst bis in die Bravo geschafft hat, mit seinem Personenkult. Und schon kreischen die Leute wieder und winken beim Papstbesuch mit Fähnchen. Und der ganze Missbrauch ist vergessen.
    Kein einziges der Themen, die die Kirche in letzter Zeit so unbeliebt gemacht haben, ist wirklich bis zum Ende durchgekaut worden. Immer hat speziell der Papst dabei das Ende offen gelassen, kein letztes Wort gesprochen. Sowas mutet wie typische Abwartehaltung an, in der Richtung: Warten wir bis Gras drüber gewachsen ist. Und dann bringen wir ein Buch raus. Ob jetzt in diesem Buch das letzte Wort zu den heiklen Themen fallen wird? Ich denke nicht. Es wird nur wieder eine Entschuldigung für den Missbrauch sein, und Ausflüchte warum dieser Missbrauch nichts mit der Kirche zu tun hat, sondern nur mit den Einzelnen. Und auch dass der Zölibat nichts damit zu tun hat. Kondome? Ja, in Ausnahmefällen jetzt doch. Um ein paar Punkte zu machen. Williamson? Der kommt wetten gar nicht vor. Und seine Exkommunikation ist immer noch zurückgenommen. Trotz aller Kritik, was der Papst in Sachen Williamson unternommen hat ist: Nichts.

    3 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 21. November 2010 15:39 Uhr

    Bin zwar nicht Seewald aber ich denke, es würde lohnen nachzudenken, wer eigentlich die von Ihnen genannten Werte zu erst in die Welt gebracht hat. Sogar die seinerzeit noch an Donnergötter glaubenden Germanen hat die Kirche beeinflusst. Man muss ja nicht glauben aber Aufklärung und Menschenrechte sind auch in anderen Kulturkreisen von denen erfunden worden, die an einen Gott glaubten und die Antworten auf die Widernisse des Lebens nicht bei den Göttern gesucht haben.

    Andernfalls würde es mich interessieren wo irgendein Gott kein Zwischenschritt auf dem Weg zu Aufklärung Menschenrechten war. Natrülich ebenso der grund für Unterdrückung und Terror. Aber den gabs vor dem einen Gott auch bereits überallb auf der Welt.

    • ZDFchen
    • 21. November 2010 16:50 Uhr

    Warum stellen Menschen, die Gottes Wesen ganz genau kennen, solche Fragen? Ich werde nicht darüber nachdenken.
    Gott war es nicht, der das wollte.
    Mir fallen aber mindestens zwei Antworten spontan ein. Ich sehe es als Schwäche vieler Männer an, sich immer gegenseitig zu bespiegeln, zu beweihräuchern und anzufeinden. Eine uralte Schwäche.
    Dabei gibt Gott soviel Kraft. Es ist gut, eine Macht über sich zu wissen, die stärker als alles andere ist, der man vertrauen kann. Es ist gut, sich selbst zu fragen: Wie könnte Gott das sehen? Gott, wie siehst du das?
    Dabei fallen natürlich auch Widersprüche auf. Aber wer genau ist es, der sich widerspricht? Gott? Wohl kaum. Wie allmächtig ist ein Gott, der nur eine Religion oder gar eine Konfession sieht? Hatte Jesus, den seine Freunde Jehoshua riefen, das wirklich so gewollt?
    Viele Fragen, viele Antworten.

    http://www.youtube.com/wa...
    Musik - mehr nicht. Das Feindbild bei 2:14 bitte ich zu entschuldigen.

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    puh, das "feind"(?)bild war nicht so schlimm, war ja im gegensatz zun den versionen in den klassenzimmern kein kreuz dabei....;-)

    aber die musik war so fürchterlich dass ich sie fragen muß warum sie das verlinkt haben?

    "Gott war es nicht, der das wollte."
    ist gott nicht allmächtig? wenn ja, hätte auschwitz nicht geschehen dürfen/können. wenn nein, was ist dann gott?

  3. puh, das "feind"(?)bild war nicht so schlimm, war ja im gegensatz zun den versionen in den klassenzimmern kein kreuz dabei....;-)

    aber die musik war so fürchterlich dass ich sie fragen muß warum sie das verlinkt haben?

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