Er haut diesen Satz raus, "Deutschland ist ein schönes Land", und wer soll ihm das schon glauben? Ihm, diesem Rapper aus Kreuzberg 36 mit den tausend Tattoos auf der dunklen Haut und dem Slang der Straße auf der Zunge, Standardspruch: "Ich ficke deine Mutter!" Aber hier kommt Harris mit seinen 33 Jahren: deutsche Mutter, afroamerikanischer Vater, Kiezjugend, Hip-Hop-Karriere und – voll heißer Liebe zu diesem Land.

"Tooorrr, Alter!" Hertha BSC hat den Ball ins Tor gekickt, und Harris springt aus seinem Sitz im Olympiastadion Berlin, er reißt die Arme hoch und seinen sechsjährigen Sohn auch, was für ein geiler Tag! Die beiden tragen blau-weiße Pudelmützen und Schals, der Sohn schwenkt die Vereinsflagge. Harris ist Hertha-Fan seit seiner Kindheit, vor neun Jahren durfte er einmal in der Halbzeit auftreten. Er wurde ausgebuht.

Die Leute aus der Fankurve, seine Leute, riefen: "Nigger, geh nach Hause!" Er schrie zurück: "Ihr Hurensöhne!", und kam drei Jahre lang nicht wieder. Drei Jahre sah er sich die Spiele im Fernsehen an, irgendwann dachte er: "Ich lass mir von diesen Arschlöchern nicht meinen Fußball wegnehmen." Er kam wieder und setzte sich auch in die Fankurve.

Du bist jung, schwarze Haare, braune Augen, dunkle Haut / Glaube mir, ich kenn diese Scheißblicke auch / Dieser bestimmte "Du Scheißkanacke-Blick" / Aber das ist nicht Deutschland, das ist nur ein Augenblick

Harris hat ein besonderes Lied geschrieben. Vor einigen Wochen war es im Kanzleramt zu hören. Nur ein Augenblick lief als Soundtrack einer Integrationskampagne der Bundesregierung. Der Song platzte in die Debatte um Integration und Zuwanderung und Parallelgesellschaften: Ein Schwarzer! kritisiert! Integrationsverweigerer!

Wieso wohnst du in diesem Land über 10 Jahre? / Vielleicht länger und sprichst trotzdem nicht die deutsche Sprache? / Du sagst, deutsche Frauen sind Dreck / Tu Deutschland bitte einen Gefallen und zieh weg

"Mann, diese Politiker haben nicht gerafft, dass ich das Lied nicht als Ausländer, sondern als Deutscher geschrieben habe!", sagt Harris. Er ist eins dreiundneunzig und hat eine sehr tiefe Stimme, man könnte ihn bedrohlich finden. Oliver Harris fühlt sich deutsch, und er will sich dieses Gefühl genauso wenig wegnehmen lassen wie seinen Fußball. Nicht von denen, die ihn wegen seiner Hautfarbe in die Schublade "nicht von hier" stecken. Und nicht von denen, die seinen Ruf versauen, weil sie kein Deutsch sprechen. Es gibt nämlich die "neuen Deutschen", das sind Leute wie er, und die "alten Deutschen", die noch nicht richtig kapiert haben, wer die neuen Deutschen sind.