Öffentlicher DienstRente mit 70

Der öffentliche Dienst will erfahrene Mitarbeiter länger halten – mit Gehaltszuschlägen und neuen Altersgrenzen. von 

Der Mord an dem Münchner Schauspieler Walter Sedlmayr war der grausamste Fall in Josef Wilflings Karriere. Sedlmayr wurde hingerichtet, mit einem 30 Zentimeter langen Messer und einem Schlosserhammer. 2000 Hinweisen ging der Oberkriminalrat Josef Wilfling nach, bis nach Kroatien führte ihn eine Spur. Die Ermittlungen dauerten vier Jahre. Wilfling hat die ganz großen Fälle geklärt, er hat Kindermörder, Serienkiller, Vergewaltiger und Psychopathen gestellt. Er war bekannt für seine Verhöre, fast 100 Fälle hat er gelöst, seine Aufklärungsquote lag bei fast 100 Prozent. Bis zuletzt ist er nachts zu Tatorten gefahren, zu Leichen in Wohnzimmern oder am Seeufer. 42 Jahre lang war Wilfling bei der Polizei. Inzwischen ist der ehemalige Leiter der Münchner Mordkommission zu alt. Vor einem Jahr musste er in Rente gehen. Obwohl er weitermachen wollte.

Josef Wilfling scheint damit so etwas wie eine Ausnahme zu sein, ein Sonderfall. Er hätte gerne noch länger gearbeitet, nicht kürzer. Und für ihn gilt ohnehin eine frühere Altersgrenze. Im bayerischen Polizeidienst scheidet man normalerweise schon im Alter von 60 Jahren aus. Wilfling beantragte zweimal, ein weiteres Jahr arbeiten zu dürfen. Einem dritten Antrag aber, glaubt er, hätte der Personalrat, der über die Altersgrenze wacht, nicht zugestimmt. Also hörte er mit 62 Jahren auf.

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So speziell der Fall des Kriminalisten wirkt, so deutlich zeigt er doch, dass die Menschen unterschiedlich auf ihren Ruhestand blicken. Die einen wollen so früh wie möglich aus ihrem Berufsleben aussteigen, die anderen würden gerne bis 70 weitermachen. In der Öffentlichkeit sorgt die Rente mit 67 für große Schlagzeilen. Befürworter und Gegner streiten verbissen darum, ob die reguläre Altersgrenze steigen soll oder nicht. Dabei stellen sich in der realen Arbeitswelt viel kompliziertere Fragen. Und dort hat auch längst ein Wandel hin zu mehr Flexibilität begonnen, den vor wenigen Jahren noch niemand kommen sah. Das gilt sogar für die Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst. Dieser galt in der Vergangenheit immer als besonders starr und reformresistent. Inzwischen aber tut sich eine Menge in den Verwaltungen von Bund und Ländern. Immer mehr Behörden stellen sich auf die alternde Gesellschaft ein und schaffen neue Möglichkeiten für den Übergang in Rente oder Pension.

Schon heute arbeiten Beamte länger als noch vor ein paar Jahren

In den vergangenen Jahren sind einige Beamte sogar vor Gericht gezogen, um länger im Dienst bleiben zu können. Insbesondere Richter und Professoren klagen vor den Verwaltungsgerichten, weil sie selbst entscheiden wollen, wann sie aufhören. Starre Altersgrenzen verstießen gegen das EU-Verbot der Altersdiskriminierung, lautete ihr Argument. Gleichzeitig gibt es Berufsgruppen im öffentlichen Dienst, die sich besonders belastet und ausgelaugt fühlen, zum Beispiel Lehrer. Viele von ihnen würden gerne früher in den Ruhestand gehen.

Die Länder versuchen, diesen unterschiedlichen Wünschen gerecht zu werden, und gestalten den Übergang in den Ruhestand zunehmend flexibler. So können zum Beispiel im Saarland Beamte, die 65 Jahre alt sind, die aber weiter arbeiten möchten und mit ihrem Wunsch beim Dienstherrn auf offene Ohren stoßen, über die Regelarbeitszeit hinaus ihrem Job nachgehen. »Fast überall wird die Regelaltersgrenze erhöht, sodass man freiwillig bis 67 arbeiten kann«, hat Beamtenrechtsexperte Ulrich Battis von der Humboldt-Universität in Berlin registriert. Thüringen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gehen noch weiter und haben den Eintritt in den Ruhestand mit 70 möglich gemacht. Früher war Längerarbeiten nur möglich, wenn es »im dienstlichen Interesse« lag. Heute steht in fast allen Landesgesetzen oder Gesetzesentwürfen, dass das »Hinausschieben des Eintritts in den Ruhestand um bis zu drei Jahre« dann möglich sei, wenn »dienstliche Gründe nicht entgegenstehen«. Eine Änderung also zugunsten der Beschäftigten.

Um Beamte länger im Dienst zu halten, zahlt zum Beispiel Rheinland-Pfalz einen Zuschlag von acht Prozent auf das Grundgehalt, wenn jemand länger als bis 65 arbeitet. Sonderregeln gibt es für Polizisten. Die dürfen mancherorts früher gehen, insbesondere wenn sie lange in der Hubschrauberstaffel oder im Schichtdienst gearbeitet haben. »Die Restrukturierungen zeigen, dass es im öffentlichen Dienst angekommen ist, dass er flexibel sein muss. Es dürfen nicht länger überall und für jeden die gleichen starren Regeln gelten«, sagt der Verwaltungsforscher Werner Jann von der Universität Potsdam.

Schon heute arbeiten die Beamten deutlich länger als vor einigen Jahren. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Pensionseintritte im unmittelbaren öffentlichen Dienst – sprich bei direkt von Bund, Ländern und Kommunen Beschäftigten – mit 65 Jahren zwischen 1993 und 2008 von 3110 auf 16.639 gestiegen. Bei den Lehrern stieg die Zahl von 498 auf 7682. Dabei spielt allerdings auch eine Rolle, dass es heute mehr Arbeitnehmer im rentennahen Alter gibt als Anfang der neunziger Jahre.

Leserkommentare
    • TDU
    • 21. November 2010 10:42 Uhr

    Die Arbeitnehmer in der Wirtschaft sollen diese Verlockungen dann bezahlen?. Natrülich, allerdings ohne Gehaltszuschläge. Aber Millionen geringverdienende Alte bringen auch was in Form von Konsum- und Energiesteuern.

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    Wenn ein Beamter mit 8% Gehaltszuschlag bis 70 arbeitet ist das für den Dienstherrn (und damit für die "Arbeitnehmer aus der Wirtschaft") billiger, als wenn der Beamte mit 65 in Pension geht und fünf Jahre lang dem Steuerzahler ohne Gegenleistung auf der Tasche liegt.

    Am liebsten wäre Ihnen natürlich, dass Beamte ohne Anreiz bis 70 (oder am besten bis 100) weiterarbeiten. Und nur die Arbeitnehmer mit 65/67 in Rente gehen. Beamte haben ja eh nix zu tun ... usw ... ist klar.

    • TDU
    • 21. November 2010 11:03 Uhr

    Wieso muss das von grüner Seite eigentlich ständig wiederholt werden. Ist man kein politischer Debattierclub, auch nichs schlechtes, sondern will verbindlich mitbestimmen und mitregeln, ist Verantwortung doch wohl obligatorisch. Oder sind da auch eine Menge auf dem Planeten "ego" von dem man sie herunter holen muss.

    Ist doch egal ob man als kleinerer koaliert oder als größerer. Ausserdem sind doch schon mit Afghanistan "erwachsener geworden". das interessante ist eben: Immer Erneuerung, Umbau statt Weiterführung und Ausbau. Der Ideologie geschuldet?

  1. ...wenn die überhaupt erst einmal arbeiten.

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/fk.

    • ludna
    • 21. November 2010 11:50 Uhr

    Es gibt keine Nachwuchslücke im öffentlichen Dienst, genausowenig, wie es Fachkräftemangel gibt. Wir Jungen sitzen auf befristeten Verträgen, mit kleinen Kindern, während sich die Altersmafia Verträge bis 70 gibt.

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    (...) ...während sich die Altersmafia Verträge bis 70 gibt."

    Überraschung: selbst wenn die "Altersmafia" weg ist, wird sich an Ihren befristeten/prekären Verträgen auch nicht viel ändern - denn die Planstellen, auf die Sie schielen, werden höchstwahrscheinlich gestrichen, und BESTENFALLS abgewertet.

    Dennoch viel Glück - bin selber ein Betroffener.

  2. und halt schlecht für die Praxis. Gerade mal 23 Prozent der über 60jährigen gehen einer geregelten Arbeit nach, Und immer noch haben die >50jährigen kaum eine Chance im Arbeitsleben, osfern sie auf die eine und andere Weise aus dem Arbeitsleben gekegelt wurden. Die Frage ist, wann kommt die beschrieben Erkenntnis bei den (Personal) Verantwortlichen an.
    Manchmal denke ich: nie

  3. sollte er grundsätzlich den Platz für einen Jüngeren freimachen.
    Wer eine geringe Rente hat, sollte weitermachen dürfen.

    Das Beispiel des Münchener Polizisten finde ich an den Haaren herbeigezogen und ein schlechtes Beispiel für derartige Forderungen.
    Das Spezialwissen des Herrn Wilfing wird nicht für jedes Tötungsdelikt benötigt. Sollte jedoch einmal ein besonders kompliziertes Tötungsdelikt auf den Tisch liegen (von mir aus bundesweit, nicht nur in Bayern), könnte man den Pensionär als externen Berater engagieren.

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    • ludna
    • 21. November 2010 12:26 Uhr

    wenn der Herr Pensionär tot ist ? Ich wünsche ihm persönlich ein langes leben, aber eventuell sollte man mal in den Nachwuchs investieren, damit eine gewisse Kontinuität in der Qualität da ist.

  4. "Das Problem: Es fehlt zugleich an Nachwuchs. Durch den demografischen Wandel kommen Engpässe auf den öffentlichen Dienst zu. Noch arbeiten für Bund, Länder und Kommunen 4,5 Millionen Menschen, als Beamte und Angestellte. Laut dem Deutschen Beamtenbund wird in den kommenden zehn Jahren jeder Fünfte von ihnen in den Ruhestand gehen. Schon jetzt gebe es eine Lücke von 50.000 Beschäftigten. Vor allem in den Schulen, beim Zoll, in den Finanzämtern und bei der Bundeswehr fehlten Arbeitskräfte."

    dies argument ist nicht (ganz) richtig. ich würde behaupten, daß sogar das gegenteil zutrifft. beinahe eine ganze generation sitzt bereits in der praktikanten- und niedriglohn-schleife. warum? weil die stellen bereits besetzt sind und neubesetzt in vielen bereichen nur noch zu prekären bedingungen wird. die mit den altverträgen aber, mit sicheren konditionen und hohem gehalt nach dem senioritätsprinzip, wie hier beschrieben, die halten sich an ihren posten fest. und blockieren damit den generationswechsel.
    es mag der fall des beschriebenen kriminalbeamten sicher ein berechtigter sein. aber es ist ein einzelfall. in der regel halten sich auch unbedeutendere beamte an ihren festen jobs fest. die jüngeren bleiben aber weiterhin bis ins mittlere alter auf ihren prekären jobs sitzen. und können sich nicht adäquat in diese gesellschaft einbringen. wie die generationen vor ihnen. sie werden und bleiben damit marginalisiert.

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    • bernd64
    • 30. August 2011 23:34 Uhr

    Also der Landkreis in dem ich wohne freut sich über jede freiwerdende Stelle, die nicht wieder besetzt wird. Bis 2020 sollen weiter Stellen abgebaut werden, wegen der Demographie!

    • ludna
    • 21. November 2010 12:26 Uhr

    wenn der Herr Pensionär tot ist ? Ich wünsche ihm persönlich ein langes leben, aber eventuell sollte man mal in den Nachwuchs investieren, damit eine gewisse Kontinuität in der Qualität da ist.

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    wenn er tot ist er tot.
    Erfahrungen, Gespür und Charakter lassen sich ohnehin nicht so einfach auf Jüngere transferieren.
    Es bringt der Gesellschaft aber auch nichts, wenn ein Pensionär eine so geringe Rente hat, daß er aufstocken muß.
    Eine geringe Pension dürfte allerdings die absolute Ausnahme sein.
    Ansonsten gilt mein Vorschlag zu 6.

    • ludna
    • 21. November 2010 14:06 Uhr

    die Alten immer, das sie nicht zu ersetzen sind.

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