DIE ZEIT: Herr Kannegiesser, beschäftigen Sie in Ihrer Firma Mitarbeiter, die älter sind als 50?

Martin Kannegiesser: Ja, das sind 27 Prozent unserer Belegschaft. Die sind für uns unverzichtbar.

ZEIT: Das ist ungewöhnlich. Denn wir reden zwar alle über die Rente mit 67, aber in jedem dritten Betrieb in Deutschland gibt es nicht einen einzigen über 50-Jährigen.

Kannegiesser: Ich bin mit Statistiken vorsichtig. Diese Zahlen kann ich mir für die Metallindustrie oder das Handwerk nicht vorstellen.

ZEIT: Das sind Daten vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, der Forschungsabteilung der Bundesagentur für Arbeit. Befragt wurden 16.000 Betriebe aller Branchen und Größenklassen.

Kannegiesser: Das Statistische Bundesamt hat wieder andere Durchschnittszahlen, und die Gewerkschaften haben noch mal andere Werte. Für die Metall- und Elektroindustrie jedenfalls, die ja 70 Prozent der deutschen Industrie repräsentiert, ist Know-how extrem wichtig, und es ist eher typisch, dass der Anteil der älteren Arbeitnehmer wieder kräftig steigt. Wir hatten natürlich vor acht, neun Jahren noch Vorruhestandswellen. Da wurde von den Gewerkschaften die Rente mit 60 propagiert, und alle wollten, dass die Älteren Platz machen für die Jüngeren. Jetzt dreht sich die Demografie, aber es dauert etwas, bis unser Denken und Fühlen reagiert.

ZEIT: Kann man denn in der Industrie auch im fortgeschrittenen Alter arbeiten? Im Büro hält man vielleicht bis 67 durch, aber am Fließband?

Kannegiesser: Ich glaube, die Unterscheidung "Büro – Fertigung" ist zu pauschal. Es gibt Arbeitsplätze mit hoher körperlicher Belastung, aber auch Bürostellen mit großem nervlichen Stress. In manchen Bereichen ist wiederum das Tempo an technologischem und organisatorischem Wandel besonders hoch, in anderen weniger. Wir müssen ständig schauen, wie die Anforderungen an einem Arbeitsplatz zum Einzelnen passen. Unsere Tarifverträge erzwingen das sogar. Das ist nicht nur eine Frage des Alters. Aber Tatsache ist natürlich, dass der Anteil Älterer in der Bevölkerung wächst.

ZEIT: Müssen die Unternehmen die Arbeitsplätze dem stärker anpassen? Wie ist das in Ihrer Firma?

Kannegiesser: Bei Älteren ist die Ergonomie sicher wichtig, aber die ist inzwischen für alle von großer Bedeutung. Da ist in den letzten Jahren eine Menge passiert. Wir haben bei uns eine Rückenschule, wir organisieren Lauftreffs und all solche Dinge. Es geht darum, dass wir uns schon in jungen Jahren daran gewöhnen, ständig etwas für unsere geistige und körperliche Fitness zu tun. Wir haben unser eigenes Weiterbildungssystem, über die Hälfte der Belegschaft macht wenigstens eine Weiterbildungsmaßnahme im Jahr. Aber wie gesagt, das alles ist nicht nur ein Thema für die Älteren!

ZEIT: Trotzdem stellt der Deutsche Gewerkschaftsbund fest, die Arbeitsmarktlage der Älteren sei eine Katastrophe. Nur 23 Prozent der 55- bis 64-Jährigen haben demnach einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz.

Kannegiesser: Diese Argumentation ist ein Stück weit unredlich. Die Gewerkschaften haben da wohl auch vor Augen, dass 20 bis 25 Prozent ihrer Mitglieder Rentner sind. Aber man kann doch nicht bis vor wenigen Jahren für die Rente mit 60 werben und massenhaft Ältere in den Vorruhestand schicken – das war ja die Politik – und jetzt wenige Jahre später beklagen: Schaut mal, so wenige Ältere sind im Beruf! Das geht doch nicht. Außerdem verschweigen manche Gewerkschafter jetzt auf einmal, dass sie gemeinsam mit uns bereits auf den demografischen Wandel reagiert haben. Wir haben mit der IG Metall zusammen das größte betriebliche Altersvorsorgewerk in Europa geschaffen, die Metallrente. Außerdem ermöglicht ein neuer Tarifvertrag bessere, flexiblere Übergänge in den Ruhestand. Die einen können länger arbeiten, andere, etwa besonders belastete Schichtarbeiter, können früher aufhören und bekommen von der Solidargemeinschaft unserer Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen teilweisen finanziellen Ausgleich.