Favelas Die oberen Zehntausend
Rios Armenviertel auf den Hügeln, die Favelas, waren lange ein Schandfleck. Jetzt sind einige davon so sicher, dass die Bewohner stolz Touristen durch ihre Straßen führen.
© Antonio Scorza/AFP/Getty Images

Junge Bewohner von Dona Marta vor einer Spielhalle
Die Kabine der Standseilbahn mit Platz für 20 Personen hebt jetzt langsam ab, und je höher sie steigt, desto prächtiger öffnet sich der Blick auf die atemberaubende Geografie Rio de Janeiros. Die Bucht von Guanabara, der Zuckerhut, die Copacabana, der Nobelstrand von Ipanema, friedlich gebettet zwischen Meer und Lagune. Man fährt himmelwärts wie im Aufzug und sieht direkt unter sich immer mehr Blech- und Holzdächer, auch betonierte Flachdächer. Zwischen Parabolantennen und Wassertonnen spielen Kinder, hängt Wäsche zum Trocknen. Der Hügel weist hier eine Steigung von 40 Grad auf. Bevor die Bahn vor zwei Jahren eröffnet wurde, mussten die Bewohner, die hoch oben am Hang siedelten, 788 Treppenstufen bewältigen. Das Armenviertel Dona Marta im Stadtteil Botafogo ist die steilste von 965 Favelas, die in Rio de Janeiro registriert sind. Von der Kabine aus kann man die engen, verschlungenen Gassen bloß erahnen. Ein-, bis fünfstöckige Häuser sind so ineinander und übereinander gebaut, dass man den Eindruck einer mittelalterlichen Burgenstadt erhält. Tatsächlich war Dona Marta 30 Jahre lang von den Fürsten des Drogenhandels beherrscht. Der berühmteste Boss, an den sich hier noch die meisten erinnern, wurde Marcinho VP genannt, der letzte hieß »der Mexikaner«.
Ein Befriedungsprogramm für die Favelas ersann Rios Stadtregierung 2009. Im Hinblick auf die Fußballweltmeisterschaft von 2014 und die Olympischen Spiele von 2016 galt es, für mehr Sicherheit zu sorgen. Und Dona Marta, genau im Blickfeld der berühmten Christusstatue auf dem Corcovado, wurde zum ersten Übungsfeld erkoren. Zwei Monate lang dauerte der Krieg der Elitepolizei gegen die Truppen des Mexikaners, der fünf Mann verlor, bevor er sich geschlagen gab. Seither ist eine polizeiliche »Friedenseinheit« stets in dem Viertel präsent. Hand in Hand mit den Beamten wurden Sozialprogramme installiert, die Favela bekam Gratis-Internet, die städtische Müllabfuhr reinigt die engen, steilen Wege. Am 30. August 2010 wurde eine weitere Maßnahme eingeleitet, um Dona Marta in das städtische Leben zu integrieren: Der brasilianische Präsident Lula reiste auf dem Hügel an und weihte das Programm Rio Top Tour ein. Es soll das Elendsviertel zu einem neuen touristischen Highlight der Stadt machen.
Um zu sehen, wie das Projekt umgesetzt wird, bin ich jetzt mit Fabiola unterwegs. Fabiola ist 21, sie studiert an der Universität Tourismus und macht ein Praktikum als Touristenführerin in der Favela von Dona Marta. Sie wohnt nicht in der Favela. »Rio«, sagt sie, während wir höhersteigen, »ist für viele Leute Gewalt und Prostitution. Das Programm Rio Top Tour will zeigen, dass Rio auch Kultur besitzt.« Und was ist die Kultur der Favela?, frage ich. Fabiola überlegt ein bisschen, dann sagt sie etwas unbeholfen: »Dass es normale Leute sind. Und nicht gewalttätig, wie alle meinen.« Und außerdem, fügt sie noch hinzu, sei die Aussicht wunderschön.
Ich traf Fabiola an einem Stand, den Rio Top Tour unten an der Praça Corumba im Stadtteil Botafogo aufgestellt hat. Wir sind in die immer enger werdende Straße hineingegangen, die zum Hügel führt und an deren Ende die Fahrräder der Bewohner mit schweren Ketten gesichert sind. Im Labyrinth der Favela, auf deren Pfaden kaum zwei Personen aneinander vorbeikommen, ist kein Platz für Räder. Wir sind fünf Stationen mit dem Bähnchen gefahren, dessen Gleise die Favela vom atlantischen Regenwald trennen. »Manchmal«, sagt Fabiola, »sieht man Äffchen in den Ästen turnen.« Und dann warnt sie: »Nicht alle Bewohner haben es gern, wenn man sie fotografiert. Aber die meisten freuen sich, wenn Besucher kommen. Gastfreundschaft gehört zum Wesen der Cariocas.« Cariocas heißen die Einwohner von Rio de Janeiro.
Fabiola nimmt an, dass 6000 Menschen auf dem Hügel von Dona Marta leben, der mit seinen 55.440 Quadratmetern etwa so groß ist wie acht Fußballfelder. Tatsächlich wurden schon 1979 12.000 Bewohner gezählt, und weniger sind es seither kaum geworden. Jetzt sieht man auch die Mauer, welche die Stadtregierung gezogen hat, um die Ausdehnung der Favela zu verhindern.
Einen Monat nach der Öffnung für den Fremdenverkehr haben bereits 5000 Touristen Dona Marta besucht. Das »Slumming« haben die Engländer erfunden. Schon am Ende des 19. Jahrhunderts veranstaltete die viktorianische Oberschicht Ausflüge in Londons Elendsviertel. In Rio de Janeiro begann das touristische Interesse an den Favelas 1992 mit dem Öko-Gipfel, als die Besucher nicht nur die Strände, sondern auch die soziale Realität der Millionenstadt kennenlernen wollten. Heute gibt es sechs private Agenturen, die in offenen Jeeps Safari-Touren durch die Favelas organisieren.
Die Anthropologin Bianca Freire-Medeiros, die Interviews mit Favela-Touristen geführt hat, kommt in ihren Untersuchungen zu dem Schluss, dass nicht nur voyeuristische Neugier die Besucher antreibt. »Sie wollen etwas kennenlernen, was es zu Hause nicht gibt. Für jemanden, der aus einer total organisierten Lebenswelt kommt, ist allein schon die wilde Architektur der Behausungen, in- und übereinandergebaut, ein Erlebnis. Der Favela-Besuch ist für die Touristen eine starke Erfahrung und hilft, etwas über die Stadt zu erfahren.« Aus Sicht der Bewohner, schreibt Bianca Freire-Medeiros, befördere nicht in erster Linie die Aussicht auf Geld die Bereitschaft, Touristen zu empfangen. »Für sie ist es eine Möglichkeit, ein positives Image zu konstruieren bei Leuten, die sich, im Gegensatz zu den meisten Brasilianern, überhaupt für sie interessieren.«
- Datum 21.11.2010 - 09:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.11.2010 Nr. 47
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Die Herrschaft der Drogenbanden über insgesamt 12 Favelas ist beendet? Das glaube ich nicht. Nur ein bißchen Präsenz schlecht bezahlter Polizisten wird die Macht des Reichtums, den der Drogenhandel ermöglicht, nicht brechen können. Solange Armut und Perspektivlosigkeit in den Favelas vorherrschen, ist der Drogenhandel eine verlockende Alternative.
solange mit Drogen viel Geld zu verdienen ist werden die Händler nicht einfach verschwinden.
Aber vielleicht tut der Tourismus diesmal etwas Gutes, und erlaubt es den Menschen dort auf andere Art etwas Geld zu verdienen, und das könnte mit der Zeit die Situation ändern.
Das wäre zumindest zu hoffen.
Genau das sagt der Autor doch im letzten Absatz. Die Banden halten jetzt einfach ein bisschen still, um sich das ganz große Geschäft 2014 nicht entgehen zu lassen.
Das eigentliche Problem ist die Armut, aber bei dem riesigen Ausmaß wird eine Lösung noch sehr viel Zeit benötigen.
solange mit Drogen viel Geld zu verdienen ist werden die Händler nicht einfach verschwinden.
Aber vielleicht tut der Tourismus diesmal etwas Gutes, und erlaubt es den Menschen dort auf andere Art etwas Geld zu verdienen, und das könnte mit der Zeit die Situation ändern.
Das wäre zumindest zu hoffen.
Genau das sagt der Autor doch im letzten Absatz. Die Banden halten jetzt einfach ein bisschen still, um sich das ganz große Geschäft 2014 nicht entgehen zu lassen.
Das eigentliche Problem ist die Armut, aber bei dem riesigen Ausmaß wird eine Lösung noch sehr viel Zeit benötigen.
solange mit Drogen viel Geld zu verdienen ist werden die Händler nicht einfach verschwinden.
Aber vielleicht tut der Tourismus diesmal etwas Gutes, und erlaubt es den Menschen dort auf andere Art etwas Geld zu verdienen, und das könnte mit der Zeit die Situation ändern.
Das wäre zumindest zu hoffen.
Genau das sagt der Autor doch im letzten Absatz. Die Banden halten jetzt einfach ein bisschen still, um sich das ganz große Geschäft 2014 nicht entgehen zu lassen.
Das eigentliche Problem ist die Armut, aber bei dem riesigen Ausmaß wird eine Lösung noch sehr viel Zeit benötigen.
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