Tolstojs 100. Todestag Der grüne Graf
Vor 100 Jahren starb Lew Tolstoj. Er war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Aussteiger, Pazifist, Prophet, Anarchist und der erste Öko-Aristokrat. Die Welt, wie er sie wollte, wäre schön – aber schwer erträglich
© Hulton Archive/Getty Images

Lew Tolstoj um 1906
Am 10. November 1910 um fünf Uhr in der Frühe ließ der Graf die Pferde satteln. Das Ende rückte näher, und er wollte endlich so leben, wie er es in seinen Büchern beschrieben hatte: anspruchslos, auf der Straße, das Gesicht dem Wind und der Unendlichkeit zugewandt, ohne Ziel, ohne Ehrgeiz, gottergeben. Wir wissen aus vielen Filmen, Büchern und Berichten, dass er, längst ein vergötterter Star des internationalen Literaturbetriebes, nicht weit gekommen ist. An der Bahnstation Astapowo überfiel ihn das Fieber, und man bettete ihn in das Bahnwärterhäuschen. Die Söhne und Töchter reisten an, tranken mit den russischen Reportern und den Schaulustigen in der Bahnhofsschenke, die Ehefrau kam mit einem Sonderzug. Das Sterbebett lag verkehrsgünstig.
Tolstoj hat die Eisenbahn wie jede technische und maschinelle Neuerung verachtet. Sie verhalte sich zur Reise, hat er einmal gesagt, wie das Bordell zur Liebe. Sie sei genauso bequem wie unmenschlich, mörderisch und einförmig. Der Mensch, fand er, sollte lieber zu Fuß gehen, barfuß oder in selbst geschusterten Stiefeln. Aber das hat ihm alles nichts genützt. Er ist am 20. November 1910 neben den Schienen gestorben, in den Fängen des Eisenbahnnetzes, beinahe vor laufender Kamera. Am Abend vor seinem Tode soll er sich noch aufgebäumt und laut gerufen haben: "Ich gehe irgendwo hin, damit mich niemand stört. Lasst mich in Frieden." Aber niemand hat auf ihn gehört.
- Lew Tolstoj
Der Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoj wurde am 9. September 1828 auf dem Gut Jasnaja Poljana geboren, auf dem er mit Unterbrechungen sein ganzes Leben verbrachte. Er studierte an der Universität Kasan, wandte sich aber, beeindruckt von Jean-Jacques Rousseau, vom akademischen Leben ab. 1852 nimmt Tolstoj als Freiwilliger am Kaukasus-Krieg teil und beginnt zu schreiben: Seine Autobiografie "Kindheit" macht den 24-Jährigen über Nacht zum Erfolgsautor. Im Krim-Krieg wird Tolstoj zum Pazifisten, seine Kriegs-Trilogie "Sewastopol" ist eine schonungslose Beschreibung des Schlachtens. Es folgen ausgedehnte Europareisen. 1861 gründet er auf seinem Landgut eine "antiautoritäre" Schule für Bauernkinder. 1862 heiratet er die achtzehnjährige Sophia Andrejewna Bers. Das Paar bekommt 13 Kinder, von denen acht das Erwachsenenalter erreichen. Die großen Romane "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" erscheinen 1868 und 1877.
- Urchristlicher Anarchismus
Nach seiner großen Lebenskrise 1877 neigt der Graf einem urchristlichen Anarchismus zu, widmet sich der Übersetzung der Evangelien und seinen zivilisationskritischen Schriften. Er kämpft für die Rechte der Bauern, den Vegetarismus und eine ursprüngliche, einfache Lebensweise. Weil er auf jeglichen eigenen Besitz und auch auf sämtliche Buchrechte verzichten will, bricht in seinen letzten Lebensjahren ein heftiger Ehekrieg aus. Am 10. November 1910 verlässt er sein Gut, kauft eine Zugfahrkarte dritter Klasse und bricht ins Ungewisse auf. Am 20. November 1910 stirbt der weltberühmte Schriftsteller im Bahnwärterhaus der Station Astapowo.
Dieser Tod ist legendär. Man erzählt von ihm als einem letzten großen Aufbruch des zornigen alten Mannes, der die Welt um sich verachtete für ihre Ruhmsucht und ihre Gier nach Bequemlichkeit. Und der es auf der allerletzten Lebensstrecke endlich geschafft habe, das verfluchte Gut in Jasnaja Poljana zu verlassen, und die Einfachheit gefunden habe, nach der es ihm sein Leben lang verlangte. Aber das ist eine Beschönigung dieses Medientodes. Es ist sogar eine Uminterpretation seines großen Lebensdramas: Er wollte ein Baum sein und war ein Graf. Er wollte sich Gottes Wort überlassen und war ein Schriftsteller. Er wollte den Zug der Modernisierung anhalten und tat seinen letzten Atemzug in einem ihrer Dienstgebäude.
Wir haben den Tolstoj, der der erste weltbekannte Aussteiger aus der modernen Zivilisation war, heute beinahe vergessen. Wir lesen Krieg und Frieden und Anna Karenina, doch seine ungezählten religions- und gesellschaftskritischen Schriften, die allein in der deutschen Ausgabe des Eugen Diederichs Verlags vierzehn Bände umfassen, sind nahezu unbekannt. Der Romancier ist unsterblich, der Prophet, zu dem man um 1900 aus allen Weltteilen pilgerte, ist gescheitert.
Dabei stand er jahrzehntelang im Russenkittel und in seinen selbst gemachten Stiefeln an der Kreuzung, an der die Geschichte in die Industriemoderne abbog, und beschwor sie, die Fahrtrichtung in letzter Sekunde noch zu ändern. Doch weil die Geschichte unbeeindruckt mit Höchstgeschwindigkeit in die vom Grafen unerwünschte Richtung weitersauste, wurde aus dem Weltguru ein liebenswerter Kauz, der besser bei seinem lukrativen Kerngeschäft, der schönen Literatur, geblieben wäre. Doch heute, wo die Welt vollständig so geworden ist, wie Tolstoj sie nicht wollte, ist er – je nachdem, wie man Kosten und Nutzen dieser Entwicklung miteinander verrechnet – entweder so brandaktuell oder so hoffnungslos überholt wie nie.
Wie sähe die Welt aus, wenn sie auf Tolstoj gehört hätte? Vermutlich stiller, eintöniger, klimafreundlicher und gottesfürchtiger. In Stuttgart gäbe es keinen Bahnhof und in Gorleben keinen Atommüll. Es gäbe keine Autobahnen und keine Wagnerfestspiele. Es gäbe keine Schlachthäuser und keine Kurpackungen für mittellanges, blondes Haar. Keinen Geburtenrückgang und keine Frauenbeauftragten. Stattdessen ausgedehnte Wälder, Felder, Wiesen und Weiden. Die Männer müssten ihre Familie von ihrer Hände Arbeit ernähren. Die Frauen so viele Kinder wie möglich gebären (eine junge Frau, die keine Kinder bekommt, kam dem Grafen vor wie fruchtbare Schwarzerde, auf die man Schotter geworfen hat). Wir trügen kurze Schafspelze, Filzstiefel, Unterjacke, Hose und Hemd. Wir wären nicht mehr getrieben von Eigennutz und Geltungssucht, sondern von Wahrheitsliebe und Mitmenschlichkeit. Mit anderen Worten: Wir würden die Welt, die auf Tolstoj gehört hätte, heute kaum ertragen.
Dennoch ist das abschließende Urteil der Literaturgeschichte falsch, Tolstoj sei zwar ein außergewöhnlicher Schriftsteller, aber ein schlechter Denker gewesen. Im Gegenteil, es lohnt sich sehr, seine radikalen agrar-anarchistischen Träume von einem urchristlichen Sozialismus zumindest in der Komfortzone des Buch- und Zeitungswesens heute wieder ernst zu nehmen. Zumal Tolstoj seit seiner Abkehr von der Literatur und seiner Hinwendung zum Welterlösertum im Jahr 1877 – er war damals 49 Jahre alt und hatte den Roman Anna Karenina gerade beendet – diesen Träumen den größeren Teil seiner literarischen Begabung und den kleineren Teil seines Besitzes zum Opfer brachte. Sehr zum Kummer seiner um die Tantiemen und den gewohnten Lebensstandard barmenden Gattin.
- Datum 19.11.2010 - 13:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.11.2010 Nr. 47
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Tolstois Abscheu vor der Bequemlichkeit, mit der sich infantile Naturen eine schönes Leben einrichten, koste es wen es wolle nur nicht sie selbst, kann von allen geteilt werden, für die das Leben mehr ist als ein Rummelplatz, wo es nur darauf ankommt, mit jeder Karussell fahren zu können, die sich immer nur im Kreise drehen.
Die Opfer, die wir für große Ziele und andere bringen, lassen unsere Persönlichkeit wachsen und beflügeln unsere Energie, zu neuen Ufern vorzustossen.
Bequem und unbequem können nur für die Masstäbe sein, die zu Marionetten ihrer Bedürfnisse geworden sind und da kommt wirkliich kein Respekt auf.
Die Probleme, die das Ehepaar Tolstoi hatte, haben die Grünen von heute immer noch:
Zurück zur Natur, aber bitte nicht zu Fuß!
Grüne Ideen haben die Welt verbessert, machte man sie aber zum allesbeherrschenden Maßstab, befänden wir uns in einer neuen Diktatur.
Sie (Frau Tolstaja) lässt als Erste erkennen, dass die Verbindung (Ehe der Tolstois)einige Wünsche offenlässt und spricht von Einkerkerung in dem entlegenen Anwesen mit seinen Wiesen, Bauern, Pferden und Fliegen. Das Stadtkind schätzt den Geist Moskauer Schaljapin-Konzerte, den Trubel eines gastfreundlichen Hauses, das philosophische Gespräch mit Freunden. Vorlieben, die es ihr unmöglich machen, später auch nur einen Fuß in das luxusbereinigte Vorzeigedasein ihres Mannes zu setzen. Und sie auch fernhalten von den sozialen Wirkungskreisen des Humanisten, dessen Nächstenliebe und Mut das Leben in Russland veränderten. Sie hält die Fahne hoch für ein Leben, das er als das wesenlose Gehabe einer überlebten Kaste abgehakt hat. Das Leben soll »glänzen und lärmen und entzücken«, schreibt sie ihm, Worte einer Kosmopolitin, die sie gar nicht war, aber hätte sein mögen. Schaudernd wirft sie ihm seine gramvolle »Winterhöhle« vor und fragt ihn, zwei Tage vor dem Weihnachtsfest 1885, »musst du dich denn wirklich durch die vegetarische Lebensweise zugrunde richten«?
Man lese insbesondere auch die im Artikel verlinkten Beiträge, hier noch mal:
http://www.zeit.de/2010/4...
http://www.zeit.de/2009/2...
Tolstoj hat sicher vieles gedacht und getan und sich geradezu prophetisch in seinen "Heiligen Zorn" hineingearbeitet. Aber hat er auch über sich selbst nachgedacht?
War er in der Lage, sich von sich selbst zu distanzieren?
Wohl kaum, denn dann wäre ihm sicher aufgefallen, dass die Welt ein dialektisches Gebäude ist, in der der Mensch, will er nicht lau und opportunistisch sein, nicht gleichzeitig Ja und Nein sagen kann. Ja und Nein denken, das kann er wohl, nämlich insofern als er erkennen kann, dass der konträr anders denkende genauso wichtig ist wie er selber.
Dann wird ihm klar, dass ein Opfer gebracht werden muss. So wie der anders denkende auf seiner Position beharrt, so muss auch er das tun, weil sonst ein Ungleichgewicht im Weltenbau entstünde.
Hätte Tolstoj das erkannt, dann hätte er sich und seine Funktion besser verstanden. Sein letzter Gang in die Einsamkeit, die Abkehr von dieser "bösen bösen Welt" wären ihm erspart geblieben.
Gäbe es Tolstoj heute noch, wir müssten ihn gewaltig in den Hintern treten und ihm sagen:
Siehst du denn nicht, dass der Mensch stärker ist als Errungenschaften der technischen Zivilisation?
Mitten in der Einöde der grauen Großstadt blüht die Liebe, wenn der Mensch es nur will.
Der IT-Experte, der mit Fakten vollgestopfte Abiturient, der promovierte Biophysiker - schau sie dir doch mal genauer an und du wirst sehen, dass hinter der Fassade all dessen, was du ablehnst, Wärme und Leben pulsieren. Wie eh und je...
Vieles ist in diesem Artikel sehr treffend und richtig beobachtet, doch Tolstoi als einen grünen und sozialen Revolutionär zu sehen, der die Literatur als unnützes Nebengeschäft betrachtete, verkennt, auch wenn Tolstoi selber eben dies die Welt glauben machen wollte, doch die tiefere innere Dynamik von Tolstois Persönlichkeit.
Tatsächlich war Tolstoi ein selbstbesessener Ich-Mensch. Er war eher ein wilder Löwe als ein guter Hirte. All die moralisierende Kasteiung dient keinen altruistischen Zwecken sondern ist sein Lebenselixir und die Kraftquelle seiner schöperischen Existenz. Und zwar nicht erst in den späten Jahren, sondern von Beginn an. Schon die frühen autobiographisches Romane offenbaren diese Dynamik.
Seine Theoriegebilde genauso wie sein privater Umgang mit den eigenen Lehren strotzen nur so vor Widersprüchen. Doch um eine kohärente Lehre oder praktische Weltverbesserung ging es ihm letztendlich gar nicht. Er brauchte einfach diese beständige Selbstbefeuerung durch einen moralischen Abgrund, um sich lebendig zu fühlen.
In einem eigenen Artikel habe ich versucht das zu veranschaulichen. http://community.zeit.de/...
ich hatte einen ganz ähnlichen gedankengang wie sie. nun ist meine letzte tolstoi-lektüre schon viele jahre her (das wäre villeicht auch ein gutes vorhaben für diesen winter, mal wieder die russischen klassiker zu lesen: tolstoi, dostojewski und puschkin wenigstens), aber ich habe mal auf den wikipedia-artikel beider eheleute geschaut. und dort gibt es ein ganz klassisches foto: während sie ihm ganz zugewandt ist, schaut er stur geradeaus, mit einem völlig vergrimmten gesicht. wirkliche altruistische menschen haben einen anderen gesichtsausdruck, sie strahlen gewöhnlich etwas warmes und herzliches aus, bei tolstoi ist dies nicht der fall. es gab andere die natur verehrende schriftsteller (bspw. walt whitman), die zwar ebenso naturverbunden waren und das einfache leben verehrten und lebten, aber nicht so vergrimmt und zornig. ich mag mich jetzt vllt. weit aus dem fenster lehnen, aber nach meiner erfahrung hat die attitüde des welt verbesserns, insbesondere in ihrer radikalisierten orm, oft sehr viel mit einem übersteigerten egoismus zu tun, diesnt also deutlich stärker der erhöhung des eigenen selbst als der tatsächlichen verbesserung der welt, insbesondere wenn das weltverbessern dann in zunehmend dogmatische züge gepreßt wird. dann beginnt das weltverbessern sich zu pervertieren. alles züge, die ein psychologe sicher als narzißtisch bezeichnen würde. frau tolstaja wird es nicht leicht gehabt haben mit ihm. ein großartiger schriftsteller ist tolstoi trotzdem gewesen.
Eine Wahrheit ist für mich wahr und somit Subsistenz gebend voll Kraft;denn Wahrsein ist ebenso lebensmächtig erweckende Dynamis.Wer vermeint denn,dass Tolstois Worte einem jeden totalitär gleichsam vorschreiben wollten,dass alle das Fürmichsein annehmen müssen?Ich vermisse im Artikel diese feine Differenzierung und gedenke des Todes Tolstois am Bahnhof(den er als Fortschrittsläubiges Element verurteilte) ebenso,wie seiner Exkommunikation von der russisch-orthodoxen Kirche.Wahrsein ist nicht totalitär,sondern reflektiert(also beuget sich spiegelnd zurück)ins Fürmichwahrsein in Einfalt.Dieses Moment wird vermisst unter faschistoiden Tyrannen.Der Artikel giebt zu Denken mir auf.Wahr ebenso wahr ist,was für mich individuell sogar als weisheitlich-wahr sich erweiset.Was dem einen Individuum passt,verabscheut das andere.Wer bäuerlich leben will,tue dies-wer die Technik der künftigen Welt anstrebt,tue dies:Dass Tolstoi am Bahnhof,an der Bahnstrecke zum Tode erlag,erschüttert zutiefst:Dass ER auf den Roman als Spiegelung verzichten konnte,erweiset,wie irreverblendet das Inderweltsein sein kann.
Lew Tolstoj hat, wie nur wenige Menschen, tief in die menschliche Seele geblickt und dies in geschriebener Sprache ausdrücken können. Er hat es nicht geschafft, seinen exzessiven, egozentrischen Charakter zu zügeln und seinen tiefen Wunsch zu einem einfachen, friedvollen Leben in die Tat umzusetzen. Lew Tolstoi stand sich selbst am meisten im Wege.
Es gibt durchaus menschliche Gemeinschaften, die so leben, wie Lew Tolstoj es sich erträumte, beispielsweise die mennonitische Gemeinde in Belize, über welche vor einigen Tagen ein Dokumentarfilm in ARTE gezeigt wurde.
Liebe Frau Radisch,
deren Beiträge ich wegen der gezeigten Schlagfertigkeit und sprachlichen Brillanz immer gern lese ! Im Artikel "Der grüne Graf" S. 63, Nr. 47/2010 konstatieren Sie, dass der "Widerspruch zwischen scheinbarem und wirklichem Reichtum ...bis heute ein ....Paradox der ......und ihrer ......reichen Untertanen" ist. Von "Untertanen" sprach Konrad Adenauer noch ganz geläufig, wenn er die Bürger der Republik meinte, aber heute ? Bin ich etwa der Untertan von Herrn Wulff oder Frau Merkel ? Und dabei könnte sich das Untertanenverhältnis auch noch im Handumdrehen ändern !Immer Ihr Myrmekophage
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