Das Pulverfass, auf dem die Tolstojs ihr gemeinsames Leben verbrachten, hat inzwischen die Runde über den Globus gemacht, zuletzt durch Jay Parinis Bestseller Tolstojs letztes Jahr und dessen Verfilmung Ein russischer Sommer. Von Sofja Tolstaja wurden die beiden Romane und ihre autobiografischen Aufzeichnungen ins Deutsche übersetzt. Grenzenlos ist die Sekundärliteratur und nun die veröffentlichte Korrespondenz der Eheleute, die sich über fast fünf Jahrzehnte erstreckt. Selten ist eine Liebesgeschichte derart minutiös dokumentiert worden, man bewegt sich in der Tolstoj-Welt bald wie ein Familienmitglied. Selten aber ist eine Liebe auch so erbärmlich, von allen guten Geistern verlassen, in den Sand gesetzt worden.

Man fragt sich, was diese Ehetragödie so anziehend macht. Eine naheliegende Antwort: Weil es bei den Tolstojs so viel zu sehen gibt. Wahre Steilwände der Vergeblichkeit. Unter der Decke der Coolness scheint heute ein Bedürfnis nach theaterhaften Auftritten überlebt zu haben, nach den packenden Begleiterscheinungen des emotionalen Sichverhedderns, dem Charisma der Schicksalsgeprüften. Darin sind die Tolstojs Weltmeister.

Schon die erste Irritation, wenige Tage vor der Verheiratung des Paares im September 1862, hatte es in sich. Lew Tolstoj händigte seiner Verlobten Sofja Behrs, der behüteten, im Kreml aufgewachsenen Arzttochter, seine Tagebücher aus. Deren Details führten der geschockten Leserin, die sich in den dekorierten Kriegshelden und Verfasser der viel gelesenen Kaukasus-Erzählungen verliebt hatte, ein geschlechtskrankes Ungeheuer, einen Sex-Maniac vor Augen. Seine Erstürmung von jungen Zigeunerinnen und Prostituierten, Bäuerinnen und erlebnishungrigen Ehefrauen muss der 18-Jährigen wie ein von Dämonen besiedelter Albtraum vorgekommen sein. In einem noch unveröffentlichten Typoskript, aus dem Ursula Keller und Natalja Sharandak, die Herausgeberinnen der Werke Sofja Tolstajas zitieren, schreibt sie, »all das Unzüchtige verschwand niemals aus meinem Herzen, und mein ganzes Leben litt ich darunter«.

Während das Paar dem gräflichen Gehöft familiäres Leben einhauchte, Sofja dreizehn Kinder gebar und für deren Erziehung sorgte, handschriftlich die Werke ihres Mannes kopierte, die Haushaltsführung übernahm und Lew Schulen für die Kinder der Bauern errichten ließ und gegen ihre Leibeigenschaft kämpfte, sich um die Bienenzucht kümmerte und seine großen Romane schrieb, barg dieser Pool gemeinsamen Lebens ein Maß an Gräuel in sich, das uns heute nicht mehr zumutbar erscheint. In unseren Augen hat das sich schicksalhaft verfehlende Jahrhundertpaar etwas Beispielloses, fast wie Figuren aus einer Legende. Oder wie heutige Topstars, die ihre Privatgeschichten in spektakulärer Verpackung unter die Leute bringen.

Zum ersten Mal machte das Ehedesaster im Jahr 1890 von sich reden, eine heftig diskutierte Provokation, die den Namen Kreutzersonate trägt. Dabei ging Lew Tolstoj in der Novelle einer seiner liebsten Beschäftigungen nach: Er machte reinen Tisch und verkündete eine Wahrheit. Das Wesen der Frau trage ein Virus in sich, das aus der Ehe ein »ekelhaftes« und »beschämendes« Unternehmen werden lasse. Den willenlos gemachten Mann infiziere sie mit dem Gift des Sexus. Die Frau, ein lästiger Stolperstein auf seinem Weg in die spirituellen Weiten geistigen Lebens. Ein weiteres verdächtiges Element wird in der »fluchwürdigen« Wirkung der Musik ausfindig gemacht, die mit der Frau komplizenhaft im Bunde stehe. Fürstinnen der Finsternis, mit der Eigenschaft begabt, einen Ehemann, so die reißerische, literarisch mächtige, furiose Behauptung, in eine moralisch abgewirtschaftete Jammergestalt zu verwandeln. Mit diesem Buch machte Lew Tolstoj mobil, er sollte in seiner Frau keine leichtgewichtige Kontrahentin finden. Sie konterte zwei Jahre später mit ihrem Roman Eine Frage der Schuld.

Dem obsessivewn Vorgehen ihres Mannes trat sie in der Haltung einer besonnenen Schlichterin entgegen und nannte das Drama der Ehe das Werk zweier Urheber. Einen Tatort, den man gemeinsam zu verantworten habe. Tür an Tür lebend mit dem inzwischen weltweit zum Heilsbringer aufgestiegenen Idol, stellt ihr Buch einen künstlerischen Kraftakt dar, mit dem sie sich »vor den Augen der ganzen Welt«, wie es in ihrem Tagebuch heißt, von der ihr zugefügten Demütigung reinwaschen wollte.