CO2-EndlagerDas zweite Wendland

Die Einlagerung von CO2 soll Kohlekraftwerke klimaneutral machen. Doch der Protest gegen diese Technik wächst. von 

Keine CO₂-Endlager – weder hier noch anderswo" steht auf den neongelben Warnwesten, die einige Demonstranten übergezogen haben. Andere tragen trotz der Kälte ihre Jacken offen, damit man den Schriftzug auf ihren T-Shirts sehen kann: "Ich bin ein Versuchskaninchen für Vattenfall".

"Das ist keine Innovation, wenn dabei Menschenleben gefährdet werden", ruft Ulf Stumpe von der Bürgerinitiative CO₂ntra Endlager ins Mikrofon. "Und auch keine Wissenschaft!" An diesem ersten Novembersonntag demonstrieren sie wieder unter dem Backsteinkirchturm von Letschin in Ostbrandenburg, wie jeden Monat. Fast ein Jahr geht das schon so. Diesmal sind gut 150 Menschen aus den Ortschaften im Oderbruch gekommen, Eltern mit kleinen Kindern auf den Schultern, Rentner, junge Leute. Es geht um eine neue, heftig umstrittene Energietechnik – CCS, carbon capture and storage, zu Deutsch: Einfangen und Lagern von Kohlendioxid. Klimaforscher, Energiekonzerne, Politiker und einige Umweltschützer halten CCS gleichermaßen für die Rettung des Klimas und des Kohlestroms, ebenso für einen potenziellen Exportschlager, für zukunftsweisend also. Die Demonstranten hingegen haben Angst um ihre Gesundheit und fürchten, dass die Technologie das bestehende Energiesystem zementiert. Der Energiekonzern Vattenfall will in Ostbrandenburg die Abgase aus einem Testkraftwerk in Jänschwalde unter die Erde pressen; zwei Gebiete will er dafür erkunden, Birkholz-Beeskow und Neutrebbin, dort liegt das Dörfchen Letschin.

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Wie angespannt die Lage ist, zeigte sich vergangene Woche, als die Bundesregierung einen fast fertigen Gesetzentwurf vertagte – erneut. Schon im vergangenen Jahr hatte die große Koalition die Gesetzgebung gestoppt. Jedes Mal stellte sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) quer. In seinem Land protestieren die Bürger besonders heftig gegen die CO₂-Einlagerung. Carstensen fordert ein weitgehendes Einspruchsrecht für die Bundesländer. Bekommen sie es zugesprochen, bedeutet das wohl das Ende für CCS in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, wo besonders viele geeignete Speicherorte liegen. Anders in Brandenburg: Dort befürwortet die rot-rote Regierung die Technik, auch weil sie um Arbeitsplätze beim Braunkohlekonzern Vattenfall fürchtet, dem größten Arbeitgeber der Region. Brandenburg könnte zum einzigen CCS-Versuchsstandort in Deutschland werden.

Der Widerstand gegen die CO₂-Speicherung reiht sich in die Protestbewegungen ein, die derzeit an vielen Orten Deutschlands sprießen: gegen Castortransporte und ein Atommüll-Endlager in Gorleben, gegen Stuttgart 21 , gegen Pumpspeicherkraftwerke und Hochspannungsleitungen. "Ich war bisher zurückhaltend, das als Welle zu bezeichnen, aber tatsächlich nimmt die Zahl der Proteste zu", sagt Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung , der soziale Protestbewegungen analysiert. "Bei CCS braut sich gerade was zusammen, da gibt es durchaus Parallelen zur Atomendlager-Debatte."

Müssen die Bürger bei großen Infrastrukturprojekten, bei der Erprobung umstrittener Technologien mehr Mitspracherecht haben? Bisher beschränkt sich ihre Beteiligung im Wesentlichen auf ein formal-juristisches Einspruchsrecht im Planfeststellungsverfahren. Dabei gibt es längst Verbesserungsvorschläge: Der Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte legte Ende 2002 einen Plan vor, wie man ein Endlager für Atommüll suchen sollte – mit Beteiligung der Bürger und Gemeinden. Die Politik ignoriert die Vorschläge. Weder für das alte Problem Atommüll noch für die neue Technik CCS ist eine umfassende Beteiligung in Sicht.

Dabei müsste sie keineswegs zu einer Totalblockade führen, wie viele Politiker fürchten, im Gegenteil. In Staaten, wo die Suche nach einem Endlager für Atommüll offener und transparenter ablief und die Bürger mitreden durften, einigte man sich auf einen Standort oder ist auf einem guten Weg dorthin: in Finnland, Schweden und in der Schweiz . "Wenn man den Leuten in der Region sagt: ›Ihr habt das letzte Wort‹, dann ist das enorm friedenstragend", sagt der Soziologe Ortwin Renn vom Interdisziplinären Forschungsschwerpunkt Risiko und Nachhaltige Technikentwicklung an der Universität Stuttgart. Doch bisher scheint die deutsche Politik nichts aus dem Debakel der Endlager-Suche gelernt zu haben.

Ulf Stumpe und seine Mitstreiter im Oderbruch dagegen umso mehr. Ganz bewusst haben sie die Insignien der Anti-Atom-Bewegung übernommen: den "Tag X", den Tag also, an dem dort die Castoren rollen und hier die Messfahrzeuge. Die gelb gestrichenen X-Kreuze aus Holz haben sie aufgestellt, selbst das Wort "Endlager" haben sie adoptiert. "Das ›CO₂-Endlager‹ zu nennen, ist unsere Erfindung", behauptet Stumpe. "Speicher klingt viel zu harmlos."

Leserkommentare
  1. Es ist ein Irrglaube zu meinen, man könnte größere Gasmengen, die dazu noch unter Druck stehen, sicher und dauerhaft kontrollieren.

    Jedes Kind weiß auch dem Chemieunterricht, daß Gase die Eigenschaft haben sich zu verteilen und auch meistens noch mit anderen Stoffen zu verbinden.

    Ein Test mit kleineren Gasmengen sagt überhaupt nichts darüber aus, was geschieht, wenn man das mit großen Mengen und hohem Druck auf längere Frist tut.

    Ähnlich wie bei fracking (Austreibung von Erdgas mit Wasser) darf man mit höchst unangenehmen Nebenwirkungen rechnen. Nur unsere Politiker scheinen nicht rechnen zu können.

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    • Crest
    • 22. November 2010 9:16 Uhr

    Die Natur selbst hat das nicht gehindert, große Erdgasmengen langfristig unter der Erdoberfläche zu halten/speichern.

    Zur Information: Die Industrienationen speichern das Erdgas zur Glättung von Bedarfsspitzen selbst wieder in unterirdischen Erdgasspeichern.

    Herzlichst Crest

    Ab einem Druck von 72 bar ist CO2 überkritisch. Das bedeutet, es kann nicht verdampfen oder kondensieren, sondern ändert seine Dichte kontinuierlich. Einen Druck von 72 bar erreicht man schon in einer Tiefe von weniger als 700 Meter.
    Die Gefahr einer Verdrängung des Salzwassers ist aber gegeben, weil das flüssige CO2 dichter ist als Salzwasser. Dieses wird nach oben ausweichen und könnte bei Beschädigung der Trennschichten sehr wohl ins Trinkwasser gelangen. Wie lange das dauert, weiß niemand und es traut sich auch niemand eine Garantie zu geben, dass es nicht geschieht. Die ganze CCS-Technik wird wahrscheinlich ohnehin zu teuer werden. Eine Tonne Co2 abscheiden und in den Untergrund pressen wird zwischen 30 und 45 Euro kosten, schätzt man heute. Diese Kosten werden den Strompreis erhöhen. Ausserdem sind die Kraftwerke mit CCS-Technik weniger effizient. Statt 48% Wirkungsgrad erreichen sie nur noch 38%. Für die gleiche Strommenge brauchen sie 26% mehr Kohle. Auch das macht den Strom teurer.
    Besser wäre es den Strom mit solarthermishen Kraftwerke in der Wüste zu erzeugen und die Abwärme der Kraftwerke zur Entsalzung des Meerwassers zu nutzen. Dann entsteht erstens gar kein CO2 und mit dem Wasser kann man Pflanzen wachsen lassen, die zusätzlich sehr viel CO2 in ihrer Biomasse binden. Die Biomasse kann dann als Black Carbon Sequestration, d.h. Biokohle und Kompost, in den Boden eingebracht werden und die Fruchtbarkeit verbessern. http://www.heise.de/tp/r4...

  2. wohl eine schwachsinnige Entscheidung. Wir tun es ohne Not und nur deshalb, weil wir vollkommen irrationale Ängste aus ideologischen Gründen vor der Atomkraft geschürt werden. Jetzt auch noch bei unverantwortlich schlechtem Wirkungsgrad eines Kohlekraftwerkes Energie zum Verflüssigen von CO 2 Abzweigen ist, ist wohl der größte vorstellbare Irrsinn der Politiker. Die Leute müssen sich nicht wundern, wenn die Bevölkerung das Vertrauen in ihre Entscheidungen verloren hat und auf die Straße geht. Sie tun es zu recht!

    • Atan
    • 22. November 2010 8:37 Uhr

    Technik, die zum "green-washing" der Kohlekraftwerke benötigt wird. Da diese nunmal von den großen vier EVUs mit einem bevorzugten Zugang zur Politik betrieben werden, können diese auch völlig ineffiziente und aberwitzige technische Verfahren durchsetzen, deren Kosten und Risiken gleichwohl beliebig auf die Allgemeinheit umgelegt werden können.
    Wohl der Branche, die so reich und mächtig ist, sich eine eigene Regierung zu kaufen!

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    • Crest
    • 22. November 2010 9:09 Uhr

    bevor das Denken wieder eine Chance erhält.

    Die Einwände bei großen Überlandleitungen z.B. werden ähnliche sein.

    Es war in der Zwischenzeit um die Leukämieraten unter Hochspannungsleitungen zwar etwas ruhig geworden (und die Gefahr ist objektiv auch vernachlässigbar). Aber in diesem Forum glaubt doch bitte niemend, dass solche Befürchtungen nicht taktisch/strategisch instrumentalisiert werden, um die für einen flächendeckenden "Ökostrom" benötigten Hochspannunsgleitungen zu bekämpfen.

    "Dann siegt mal schön." (Th. H.)

    Herzlichst Crest

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    dass das hochspannungsleitungsnetz ausgebaut gehört, ist unbestritten (von jedem, der sich auch nur ansatzweise auskennt). aber ich glaube, dass diese massiven proteste bezüglich der leitungen zum teil hausgemacht sind. entschädigt werden i.a. nur jene personen, auf deren grundstück sich die leitung befindet. aber auch jene, die ein angerenzendes grundstück besitzen, müssen einen eklatanten wertverfall in kauf nehmen - oder auch nicht und gehen protestieren. würde man diese ebenfalls vernünftig entschädigen, sähe die sache schon anders aus. die frage ist hierbei, ob dies nicht rein über stuergelder gemacht werden sollte, da ja ein leistungsfähiges netz/sichere stromversorgung auch von grosser gesellschaftlicher wichtigkeit sind.

    • Crest
    • 22. November 2010 9:16 Uhr

    Die Natur selbst hat das nicht gehindert, große Erdgasmengen langfristig unter der Erdoberfläche zu halten/speichern.

    Zur Information: Die Industrienationen speichern das Erdgas zur Glättung von Bedarfsspitzen selbst wieder in unterirdischen Erdgasspeichern.

    Herzlichst Crest

    Antwort auf "Gase sind flüchtig"
  3. Atomstrom wollen wir nicht! Machen Sie die Kraftwerke sofort aus und den Atommüll können Sie gerne den Franzosen lassen, die könnten es ja nach Spanien oder Afrika bringen, versenken, vergraben, ins Weltall schießen - nur nicht in unserem Hinterhof lagern... Verbrennen Sie keine Kohle mehr, denn wir wollen auch kein CO2 in unserem Hinterhof lagern oder auch irgendwo eine Leitung sehen! Wir verzichten gerne auf Elektrizität, bis unsere Forscher und Entwickler (die zum großen Teil bei ihren Vorhaben von den großen Energieversorgungsunternehmen finanziert werden) bei Kerzenschein endlich den Durchbruch schaffen und es möglich machen unseren Bedarf durch die Sonnenenergie zu decken!
    Bis dahin setzen wir auf Biomasse, treiben die Maispreise in die Höhe und holzen schön Wälder ab für die Holzbriketts; warten alle auf Unwettermeldungen um endlich mal die Waschmaschine anzuschmeißen; verbrennen Gas aus Russland, da dabei nicht soviel CO2 freigesetzt wird, zumindest nicht in unserem Hinterhof! Was die Russen stattdessen an Kohle verbrennen, ist deren Käse!

    2 Leserempfehlungen
    • Kiira
    • 22. November 2010 10:59 Uhr

    Wer sich mit den wissenschaftliche Grundlagen der Klimaforschung beschäftigt, ahnt: Früher oder später wird sich herumsprechen, daß C02 nicht der Klimatreiber ist, für den viele es heute halten. Während aber fast alle anderen aus dem CO2-Wahn abgeleiteten Klimaschutz-Maßnahmen immerhin den Vorteil haben, neue Technologien zu begünstigen, die tatsächliche Probleme lösen, löst die Einlagerung von CO2 ausschließlich ein eingebildetes Problem und bringt für eine saubere, dezentrale heimische Energieversorgung der Zukunft rein gar nichts. CCS - Completely Crazy & Stupid

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    CO2 ist ein Treibhausgas und wird auf Dauer bei der großen Menge in der Atmospäre die mittlere Temperatur der Erde hochtreiben.
    Die einzige Lösung ist eine Verminderung des CO2-Pegels, aber nicht mit CCS. Das ist bisher nicht als sichere Methode nachgewiesen und auch zu teuer. Stattt Kohle zu verbrennen, sollte Biokohle, also Holzkohle in den Boden eingebracht werden. Das erhöht die Fruchtbarkeit und Wasserspeicherfähigkeit des Bodens und Vermindert das CO2 in der Luft.

    • Folko
    • 22. November 2010 11:42 Uhr

    So langsam wird einem Angst und Bange um die Republik. Gegen jedes Großprojekt das mit Energie zu tun hat wird gestreikt.
    Gegen das Atomendlager und CCS. Hier sogar teils zurecht, weil die Standortauswahlverfahren schlecht gemacht sind (Bürgerbeteiligung).
    Bei Windkraftanlagen weil sie die Landschaft verschandeln und Vögel schreddern.
    Generell bei erneuerbarer Energie weil niemand Pumpspeicherkraftwerke und Hochspannungsleitungen will.
    Gegen Energiesparlampen und LEDs weil sie nicht die alten Glühlampen sind.
    Gegen Fassadendämmung weil die Gebäude dann anders aussehen als vorher.
    Zumindest habe ich im Notfall die Ausbildung um hier wegzuziehen wenn im wahrsten Sinne des Wortes die Lichter ausgehen.

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    • dth
    • 22. November 2010 12:34 Uhr

    Atomenergie ist mit der bisherigen Reaktortechnik ohnehin auch nur eine Übergangstechnologie, die bei gleichbleibendem Verbrauch etwa 80 Jahre reicht. (Mit Brutreaktoren sieht es anders aus).
    CCS scheint mir eher eine Alibitechnologie zu sein. Ob sich das annähernd wirtschaftlich betreiben lässt, ist unklar, man ist weiterhin von Kohle abhängig und man braucht in großem Umfang immer weitere Lagerstätten. Zukunftsfähige Technologie sieht irgendwie anders aus.

    Das Hauptproblem, und das greift dann auch bei Pumpspeichern und Hochspannungsleitungen, ist aber, dass die Bevölkerung nicht an der Suche nach Kompromissen beteiligt wird. Es dürfte allen klar sein, dass Kompromisse notwendig sind. Bei der Planung muss man solche Projekte aber sehr gut gegenüber der betroffenen Bevölkerung rechtfertigen. Es muss erkennbar sein, dass das konkrete Projekt für die Gemeinschaft wichtig ist, und vor allem diese profitiert. Die Betroffenen müssen darauf vertrauen können, dass ihre Befürchtungen nicht einfach übergangen werden.
    Bei vielen Großprojekten sind die Gründe nicht völlig transparent. Ein Pumpspeicher kann ein wichtiger Teil einer zukunftsfähigen Energiestrategie sein. Deswegen rechtfertigt das nicht jeden Pumpspeicher, den ein Energiekonzern bauen möchte. Da muss man schon aufzeigen, wie sich dieser in die Strategie fügt.
    Selbst wenn das Projekt dann sinnvoll ist, gibt es oft Varianten und Maßnahmen, die den Befürchtungen Rechnung tragen. Da müssen Betroffene auch einbezogen werden.

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