Die Lieblingsgeschichte eines saarländischen Standesbeamten geht so: Einst lag er im karibischen Punta Cana am Strand. Um ihn herum geschäftiges Treiben. Ein Pavillon wurde aufgebaut, denn ein österreichisches Paar beabsichtigte zu heiraten. Doch war der eigentlich vorgesehene Standesbeamte abhandengekommen. »Ich könnte das auch«, sagte der Saarländer zum Spaß. Tags darauf liefen die Österreicher mit einem Plakat über den Strand: »Wo ist der deutsche Standesbeamte?« Er stand zu seinem Wort, führte ein Traugespräch, organisierte eine Roy-Black-CD und traute die beiden schließlich zu Schlagerklängen, umringt von Amerikanerinnen im Bikini. Das Paar musste zwar in Österreich noch einmal nachheiraten, betrachtet aber die Strandparty als seine Hochzeit.

So stellt man sie sich vor, die Standesbeamten: Sie trauen, wann sie nur können, sogar im Urlaub. Aber was machen sie sonst so? Zum Beispiel unter der Woche von neun bis fünf? Das Lächeln jedes so Befragten erstirbt jäh. Der Standesbeamte sei es doch, der Existenzen erst schaffe und vernichte, wenigstens behördlich. Sie haben keine Geburtsurkunde? Dann wurden Sie auch nicht geboren! Sie haben einen Todesvermerk in Ihrer Akte, aber leben noch? Egal, für alle Ämter sind Sie nun entschlafen und werden abgemeldet! Der Standesbeamte, Alpha und Omega des Daseins, wacht über die Daten, damit solches nicht geschieht. Gleichzeitig beurkundet er, was man im Personenstandswesen nur beurkunden kann.

Personenstandswesen. In der Akademie für selbiges im osthessischen Bad Salzschlirf an der Schlitz tagte am vergangenen Wochenende der Bundesverband der Standesbeamtinnen und Standesbeamten. In einer Abgeschiedenheit, die jedes Kloster neidisch machen müsste, ging es um ein reichlich aktuelles Thema, die Ehescheidung. Was der Standesbeamte zusammengeführt hat, könnte in Zukunft auch der Standesbeamte trennen, ohne Familiengericht dazwischen. Neue Kompetenzen für die Standesbeamten?

Im Garten der Akademie steht ein verrostetes Herz aus Stahl – eine offensichtliche Allegorie auf den Zustand der Gesellschaft; die Scheidungszahlen nehmen seit zwei Jahren wieder zu . Die juristische Frage lautet deshalb: Muss das Recht hinterher? Oder gar voran? Bettina Heiderhoff, Familienrechtlerin von der Uni Hamburg, spricht zum Thema »Alternativen zum gerichtlichen Scheidungsmonopol in Deutschland«. Die Ausgangslage: Das Lebenszeitprinzip, »das unserem Ehebegriff immanent ist«, verträgt sich zunächst schlecht mit der Scheidung an sich. Dennoch sind Scheidungen erlaubt. Warum? Selbst Juristen argumentieren da mit menschlicher Unvollkommenheit und »schicksalhaften Entwicklungen«. Darf man Scheidungen auch vereinfachen, das Gerichtsverfahren weglassen?

Der offizielle Scheidungsgrund ist seit 1976 die Zerrüttung. Nach einem Trennungsjahr stellt ein Gericht sie fest – die »Zerrüttungsscheidung« folgt. Vielleicht, so Heiderhoff, habe der Staat gar kein Interesse an einem beschleunigten Verfahren? Eheleute seien einander schließlich unterhaltspflichtig, was die Sozialkassen entlaste. Dennoch habe sich in den letzten 30 Jahren die Einstellung zum Lebenszeitprinzip derart geändert, dass man das Scheidungsverfahren vereinfachen müsse. Weg mit dem Scheidungsgrund und der Zerrüttung, die der Staat auch noch kontrolliere! Wie wäre es stattdessen mit einer privaten Scheidung? Aber in Anbetracht mancher Eheverträge, meint Frau Heiderhoff, müsse man einige Ehegatten sogar für »böse« halten, und wie sähen dann erst die notariellen Scheidungsverträge aus? Was, wenn eine nachträgliche Kontrolle ergäbe, dass der Scheidungsvertrag nichtig ist? Wäre man dann wieder verheiratet?

Die Juristin kann den Wunsch der Standesbeamten nach neuen Kompetenzen verstehen. Allerdings müssten für ein vereinfachtes Scheidungsverfahren einige Bedingungen erfüllt sein: Den Scheidungswunsch müssen beide Parteien haben, und es darf keine minderjährigen Kinder geben. Vielleicht könnte man ja wenigstens auf den Anwaltszwang vor Gericht verzichten? Den halten einige Standesbeamte sowieso nur für »Geldmacherei«. Die Reformbestrebungen der Vergangenheit seien nicht zuletzt an der Lobbyarbeit der Anwälte gescheitert.

Aber wie kann ein deutscher Standesbeamter sicher sein, dass wirklich beide Gatten die Scheidung wollen? In Russland muss man sich, sollte man zur Antragstellung nicht kommen können, die Verhinderung notariell attestieren lassen.

Dennoch glaubt Frau Heiderhoff, dass es in Deutschland bald eine Reform des Eherechts geben wird. In Spanien braucht man keinen Scheidungsgrund mehr, in Dänemark und Norwegen trifft man sich vor einer Behörde.

Ob bei einer Reform der Standesbeamte gewinnen wird, ist allerdings unklar. Zu wünschen wäre es ihm, scheint er doch im ganzen Ehewesen der einzig aufrichtige, am Wohlergehen der Eheleute interessierte Beteiligte zu sein. Was man von den Anwälten nicht sagen kann.

Auf Websites wie easy-divorce.eu , die eine schnelle und billige Scheidung versprechen, werden Anwälte vermittelt. Schnell und billig? Alle Anwälte, auch online, müssen nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz abrechnen. Wenn Formulare nur noch online eingereicht werden, wenn das Telefongespräch die persönliche Begegnung ersetzt – wie steht es dann noch um die Beratungspflicht des Anwalts? Handelt es sich nicht um eine berechnende Verwirrungstaktik, wenn man auf seiner Homepage von »Online-Scheidung« spricht? Es gibt keine Online-Scheidung, es gibt Gerichte. Noch gilt das für Rechtsanwälte und Standesbeamte gleichermaßen.