Es sieht ganz so aus, als sollte es einfach keinen Platz für ihn in Innsbruck geben. Dominic Gerstmeyr steht in der Messehalle 2a, Obergeschoss, Block E, und kann Tisch 698 nicht finden. Seinen Platz beim österreichischen Medizinertest. Der Platz, an dem er heute beweisen soll, dass er das Zeug hat, irgendwann Arzt zu werden.

Die Aufsicht blättert hektisch in den Unterlagen. Kein Tisch, das ist natürlich ganz dumm. Dominic Gerstmeyr blickt suchend in die Halle. Zwei Tupperdosen voller Nudelsalat hat er mitgebracht, Traubenzucker und vier Bananen. Er wäre bereit, wenn sie ihn nur ließen. Seine Heimatstadt Augsburg ist nicht weit weg, etwa drei Stunden mit dem Auto. In Deutschland würde er jedoch vermutlich nie Medizin studieren können. Der Numerus clausus lag vergangenes Jahr bei 1,0. Auf seinem Abizeugnis steht eine 2,2. Nicht schlecht, wenn man Bio und Chemie als Leistungskurs hatte. Viel zu schlecht, wenn man Medizin studieren will. Dominic will nichts anderes. Deshalb ist er hier. Mit über tausend anderen Deutschen, bei denen es auch nicht reichen würde. Das österreichische System ist ihre große Hoffnung.

Für die Universität bedeutet es eine logistische Herausforderung. Es braucht Sicherheitsschleusen, Dutzende Helfer sorgen dafür, dass wirklich nur Bewerber auf das abgezäunte Gelände kommen, und keine besorgten Mütter. Wie bei einem Festival werden am Eingang bunte Bändchen um das Handgelenk befestigt. So weiß jeder, in welche Halle er muss. Auf dem Parkplatz hat das Tiroler Rote Kreuz Stellung bezogen, denn jedes Jahr kippen ein paar Mädchen vor Aufregung um. In Halle 4, groß wie fünf Turnhallen, sitzen die meisten Bewerber.

Bevor es losgeht, kommt Vizerektor Norbert Mutz immer noch mal hierher. Jedes Jahr trifft ihn das aufs Neue. Dass es so viele sind, die sich diesen Test antun. Diese hundertfache Hoffnung. Er weiß, dass sie sich für die meisten nicht erfüllt. Im hellen Leinenjanker schlendert er an den langen Tischreihen entlang und lächelt durch seinen Vollbart. Wie ein Arzt auf Visite, der weiß, dass es den Patienten gerade gar nicht gut gehen kann und der trotzdem Zuversicht verströmen muss. Er kennt alle Symptome: hektisches Stiftespitzen, noch mal aufs Klo rennen, kichern, beten. "Nervositas permagna", lautet seine Diagnose. Erst draußen, wo ihn keiner mehr hören kann, sagt er: "Der Test ist grausig. Aber es gibt nichts Besseres." Keiner möge die Prüfung, den Stress, die strikte Auswahl.

Dass der Eignungstest für das Medizinstudium, kurz EMS, so viele Träume zum Platzen bringt, findet der Vizerektor besonders schlimm. Ändern kann er es trotzdem nicht. 2006 wurde der EMS eingeführt. Er sollte Österreichs Unis vor deutschen NC-Flüchtlingen schützen. Vorher konnten Deutsche nur dann in Österreich studieren, wenn sie auch von einer deutschen Uni eine Zusage hatten. Doch diese Regelung wurde 2005 vom Europäischen Gerichtshof gekippt. Die österreichischen Universitäten hatten plötzlich ein Problem – nach welchem Kriterium sollten sie die Zulassungen verteilen?

2005 entschied dann das Datum des Poststempels auf der Bewerbung. Eine einmalige Notmaßnahme. Wären die Plätze damals nach Noten vergeben worden, wären 84 Prozent der Plätze an Deutsche gegangen. So waren es immerhin nur fast die Hälfte. Jetzt gibt es die Quote, und alle müssen den Test machen. Einer der zehn Aufgabentypen heißt "Planen und Organisieren". Dort müssen die Bewerber in kürzester Zeit eine Lerngruppe mit mehreren Teilnehmern organisieren oder den Kursplan einer Segelschule aufstellen. "Figuren und Fakten lernen" prüft, ob man in kurzer Zeit Namen, Alter, Krankheit und Beziehungsstatus von Patienten lernen und sich so merken kann, dass man sie auch nach einer Stunde noch weiß. Die Abfolge ist strikt und die Zeit knapp: fünf Stunden für 198 Aufgaben. Wer am Ende einen Studienplatz bekommt, entscheiden die Punkte und die Quote: 360 Plätze für Humanmedizin gibt es in Innsbruck, 20 Prozent davon gehen an EU-Bürger. Das macht 72 Plätze, auf die deutsche Bewerber spekulieren.

Alexander Jürgens ist auch dabei, zum zweiten Mal schon. In Deutschland studiert er BWL. "Aber eigentlich wollte ich Mediziner werden, das hat mich schon immer fasziniert." Seine Noten haben ihm den direkten Weg zum Studienplatz verbaut. Die anderen Alternativen – ein deutschsprachiges Studium in Ungarn oder ein englischer Studiengang in Riga oder Prag – wären ihm zu teuer. Zwischen 7000 und 12000 Euro würde ein Jahr dort kosten. Deshalb hat er sich gründlich auf den österreichischen Medizinertest vorbereitet. Letztes Jahr fuhr er nach Wien, da waren es über 2800 Bewerber, die zum Test antraten. "Eine Massenabfertigung, wie am Flughafen", erzählt er. Damals war er sehr nervös. "Ich wusste schon gleich danach, dass das nichts geworden ist." Dieses Jahr wollte er es besser machen: Schon im April fuhr er nach Innsbruck zu einem Trainingskurs, kopierte sich drei Vorbereitungsbücher und lernte neben BWL auch noch, wie man sich Patientenakten am besten merkt.