Otto Habsburg, 1951 © AFP/Getty Images

Manche in Österreich schwärmen weiterhin traumverloren von der dynastischen Größe der untergegangenen Donaumonarchie. Otto Habsburg-Lothringen, der am vergangenen Sonntag seinen 98. Geburtstag beging, repräsentiert für sie das gute Erbe dieses Imperiums: ein verdienstvoller Europäer und ein konservativer Edelmann mit hohen Ansprüchen an Moral und Anstand.

Politisch goss er diese Einstellung in ein Gebot, das da lautet: Niemals dürfe man einer autoritären Macht nachgeben. Die Forderung, im Einklang mit der christlichen Ethik mutig und entschlossen zu handeln, entspricht dem Lebensprinzip des früheren Europa-Abgeordneten. Mit seinem Eintreten gegen Nationalsozialismus und Kommunismus lieferte er die Probe aufs Exempel.

Gar nicht in dieses vornehme Bild passt aber die Sympathie des Kaisersohns für den Caudillo Francisco Franco, der 1936 einen erbitterten Bürgerkrieg gegen die spanische Volksfrontregierung entfesselte. Hitler und Mussolini lieferten dem Putschisten damals die entscheidende Waffenhilfe. Nach seinem Sieg etablierte der erzkatholische General in Spanien ein brutales, totalitäres Regime, das bis zu seinem Tod 1975 Bestand hatte.

Just mithilfe des Faschisten Franco startete Habsburg 1952 sein politisches Engagement, das später in der Paneuropa-Union münden sollte. Sogar die spanische Krone soll ihm der Diktator einmal angeboten haben. Und ausgerechnet diesem Franco wurde auf Geheiß von Otto Habsburg die Goldmedaille des Stiftes Mariazell, des Gnadenorts der Alma Mater Austriae, überreicht, wie nun Akten aus dem Staatsarchiv belegen, die lange unentdeckt in den Regalen geschlummert hatten, weil sie einst in einen falschen Bestand eingeordnet worden waren. Die aufgetauchten Dokumente erzählen die Geschichte eines diplomatischen Eklats.

Österreichs Botschafter in Madrid, Clemens Wildner, traute seinen Augen nicht, als er am 14. Dezember 1956 die Zeitung aufschlug. Die Beziehungen zu Spanien waren korrekt, nicht mehr. Das Franco-Regime war lange Zeit isoliert, erst von 1953 an – mitten im Kalten Krieg – bekam die Ächtung durch ein Militärabkommen mit den USA erste Risse. Warum wohl, fragte sich der Diplomat, überreichte der Abt des Stiftes Mariazell, Gabriel Beda Döbrentei, dem Caudillo (Führer) am 11. Dezember »für Österreich« die goldene Medaille seines Marienheiligtums?

Dem österreichischen Botschafter ist die Ehrung des Diktators peinlich

Der Benediktiner schmückte die Zeremonie mit pathosschweren Worten. Die beiden Länder, so der enge Bekannte des damaligen Thronprätendenten Habsburg, seien durch die »glühende Liebe« zur Gottesmutter fest vereint. Er wünsche, dass diese Medaille »das Symbol für eine tiefe Freundschaft zwischen dem katholischen Spanien und dem katholischen Österreich sein möge«. Tags zuvor hatte Pater Beda eine Pressekonferenz gegeben. Mit dabei war auch José Ignacio de Valdeiglesias, Generalsekretär des Centro Europeo de Documentación e Información (CEDI). Otto Habsburg hatte den Elitezirkel vier Jahre zuvor mit finanzieller Unterstützung der spanischen Regierung in Madrid gegründet und führte den Vorsitz. Das Ziel: eine Einigung Europas unter christlichen Vorzeichen – und das Ende der Isolation des Franco-Regimes.

Am 15. Dezember kabelt Botschafter Wildner an Außenminister Leopold Figl in Wien, dass die Überreichung weit über den Rahmen einer privaten Angelegenheit hinausgegangen sei: »Ob es taktvoll und geschickt war, gerade hier in Spanien, im Lande einer Diktatur, welche in keiner Weise von der Majorität der Bevölkerung getragen wird, eine solche Geste zu machen, mit allem Drum und Dran, muss ich sehr bezweifeln.« Viele seiner Kollegen hätten von ihm eine Erklärung verlangt. Pater Beda habe am Telefon mitgeteilt, »dass die Verleihung durch Vermittlung Ottos von Habsburg arrangiert worden sei«. Das Außenamt wusste Bescheid: Bei Besprechungen mit Mitarbeitern von Figl – einem Förderer von Mariazell – war beschlossen worden, die Botschaft aus der heiklen Sache herauszuhalten. Nicht zuletzt weil Staatssekretär Bruno Kreisky dem Mariazeller mitgeteilt hatte, die Beziehungen zu Spanien seien zwar korrekt, aber keinesfalls freundschaftlich.