Schnaps-Herstellung Jetzt einen Schnaps!
Vom Versuch, Himbeergeist selbst zu brennen.
© Billy & Hells

Die Heimdestille: Auf der rechten Seite der kleine Brenner, der den mit Wein befüllten Kolben erhitzt. Auf der linken Seite wird der Dampf gekühlt
Ich möchte nicht verschweigen, dass Alkohol viele schlechte Eigenschaften hat. Er fördert die Aggressivität, zerstört das Gehirn und macht süchtig . Allerdings habe ich dem Alkohol viel zu verdanken. Ohne Alkohol hätte ich mich niemals getraut, ein Mädchen anzusprechen oder sogar zu küssen. Ich kann mich an keinen wirklich lustigen Abend meines Lebens erinnern, bei dem grüner Tee getrunken worden wäre. Natürlich kenne ich Menschen, die gar keinen Alkohol trinken und die behaupten, sie könnten auch ohne Alkohol jede Menge Spaß haben. Doch meine – keinesfalls repräsentative – Beobachtung ist: Viele dieser Menschen haben eher nicht so häufig Spaß.
Der Rausch ist vermutlich älter als die Menschheit. Es wird von Elefantenherden berichtet, die sich unter Obstbäumen an vergorenen Früchten laben. Aber dafür, dass die Gärung und die Destillation von Alkohol eine der ältesten Kulturtechniken ist, wissen nur sehr wenige Menschen etwas darüber. Jeder Deutsche trinkt im Jahr statistisch gesehen einen Viertelliter Schnaps. Aber wer kann schon ein Glas Schnaps herstellen?
Ich möchte das zumindest versucht haben. In Europa wird schon seit dem Mittelalter Branntwein hergestellt. Meist wurde er von Ärzten produziert und war als Desinfektionsmittel gedacht. Man wäre niemals darauf gekommen, ihn zu trinken. Überhaupt war Obstbrand ein Abfallprodukt. Eben das Einzige, was sich aus Obstresten herstellen ließ. Solche Probleme gibt es heute wieder. Etliche meiner Bekannten haben jetzt Schrebergärten. Sie bringen gerne Tüten wurmstichiger Äpfel und Birnen mit, die der Baumbestand im Herbst massenhaft abwirft. Diese Freunde sind immer ganz stolz auf ihre bäuerliche Seite – und möchten, dass man sich auch unheimlich freut, ihre Gartenabfälle aufessen zu dürfen.
Was läge näher, als das alles in den Brennkessel zu werfen? Und daraus etwas zu destillieren, das viel eher das Herz wärmt als ein Brandenburger Apfel, der zu wenig Sonne abbekommen hat? Allerdings hat sich auch die Rechtslage seit dem Mittelalter kaum geändert. Seinen eigenen Schnaps zu brennen ist illegal. Wer Alkohol destilliert, braucht dafür eine staatliche Genehmigung, denn auf Alkohol fallen Steuern an. Einst haben die Landesherren feierlich Brennrechte verteilt, und heute ist das noch ähnlich. Wer keine gewerbliche Hochleistungsdestille betreibt, ist vom sogenannten Abfindungsbrennrecht abhängig. Dies ist eine Brennerlaubnis für Leute mit ein paar Fässern Obst und einem Kessel im Keller, die deutschlandweit ganze 30000 Mal vergeben wird. Leider muss man warten, bis ein Rechteinhaber im Bezirk verstorben ist. So viel Zeit habe ich nicht.
Wer einfach mal so drauflosdestilliert, wird sogleich vom Zoll verknackt. Schon der Besitz einer nicht angemeldeten Destille ist strafbar. Im Grunde ist es nicht einmal erlaubt, sich aus Rohren einen Kochtopf mit einer Kühlspirale zusammenzulöten, ohne den Zoll zu verständigen. Es gibt kaum einen einfacheren Weg, um zum Outlaw zu werden. Man kann sogar mit T-Shirts, die es im Internet zu bestellen gibt, dagegen protestieren: »Legalize Home Destilling«. Nun träumt jeder Mann davon, gesetzlos zu sein. Auf Arte läuft gerade die fabelhafte Serie Breaking Bad . Ein Chemielehrer fängt aus einer persönlichen Notlage heraus an, Crystal Meth zu kochen, und gerät damit mächtig in Konflikt mit den Drogenkartellen und seiner eigenen Frau. Ich war schon immer auf der Suche nach Konflikten jeder Art. Es würde mir auch nichts ausmachen, von der Polizei gejagt zu werden. Aber wegen ein paar Litern vergorenen Obstes? Schwierig.
Zum Glück hat das Gesetz eine Lücke gelassen. Destillen mit nur einem halben Liter Kesselvolumen sind legal. Also ersteigere ich bei eBay eine Minidestille. Im Prinzip funktionieren Destillen ja alle gleich: In einem Behältnis wird Maische, ein Brei aus Früchten und Hefe, knapp über die Siedetemperatur von Alkohol erhitzt, der Dampf steigt auf, fängt sich dann in einem sogenannten Geistrohr, das ihn in eine Kühlspirale leitet. Dort kondensiert das Destillat und tropft als Schnaps in ein Gefäß. Das klingt einfacher, als es ist. Denn um guten Schnaps zu bekommen, muss man gute Maische haben. Die Hefe treibt die Gärung voran, und aus dem Zucker wird Alkohol. Entweder gewünschtes Ethanol oder aber giftiger Methylalkohol. Der kann blind machen. Ich habe nichts gegen blinde Menschen um mich herum. Ich möchte aber nicht der Grund dafür sein, dass sie mich nicht sehen können.
Ich entschließe mich, dieses Problem zu umgehen, indem ich mich auf die Produktion von Himbeergeist einstelle. Um Obstgeist herzustellen, wird der Kessel mit Wein befüllt, den man im Supermarkt kauft. Darüber hängt man ein Sieb, das mit Himbeeren belegt wird. Sie sollen ihr Aroma anschließend an das Dampfbad abgeben. Da im Wein keine galligen Gifte sind, ist diese Form der Brennerei die ungefährlichste.
- Datum 25.11.2010 - 09:43 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 25.11.2010 Nr. 48
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... gibt's hier kein echtes Bild vom echten Versuch? Oder besser: mehrere echte Bilder!
"Jeder Deutsche trinkt im Jahr statistisch gesehen einen Viertelliter Schnaps."
Nur? Das würde ja heißen, dass auf eine Person die sich jedes Wochenende betrinkt ~100 Personen kommen, die nicht trinken.
Einer, wenn nicht sogar der beste Artikel den ich je bei der Zeit gelesen habe XD
Ja da muss bei der Recherche doch was schiefgelaufen sein. Das trinkt man locker auf einer Party ^^
Köstlicher Artikel!
Als Dankeschön kann ich dem Autor und jedem LEser nur die Lektüre von "FUP" von Jim Doge empfehlen um eine unbändige Begeisterung für's Selberbrennen zu entwicklen.
Na dann zum Wohl.
EIN Auge riskier ich.
Wohl bekomm's!
Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich zum Thema. Danke. Die Redaktion/wg
... die Bitte an die Redaktion mit gutem Beispiel voranzugehen.
Es wäre einfacher sachlich zu kommentieren, wenn die Qualität der redaktionellen Beiträge ein gewisses Niveau nicht unterschritte.
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