Thomas Stasch wähnte sich in einer beruflichen Sackgasse. Er war in der IT-Abteilung eines großen deutschen Unternehmens beschäftigt, leistete gute Arbeit. Mehrfach fragte er deswegen nach einer Gehaltserhöhung, immer beschied ihm sein Chef: »Bei Ihrem Schulabschluss können wir da leider nichts machen.« Stasch hatte die mittlere Reife – und wollte daran nun etwas ändern. Im Jahr 2000 schrieb er sich an der südhessischen Wilhelm Büchner Hochschule für ein Informatik-Fernstudium ein, ohne seinen Arbeitgeber einzuweihen. »Das ging nur mich etwas an. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob der Geschäftsführer mich unterstützt hätte«, sagt Stasch. Vier Jahre lang studierte er berufsbegleitend bis zum Diplom (FH). Jetzt ist er, mit 39 Jahren, wieder an der Büchner Hochschule eingeschrieben, für einen Master in Wirtschaftsinformatik. Wieder verbringt er neben seinem Vollzeitjob – mittlerweile bei einem anderen Unternehmen – 20 Stunden pro Woche über Büchern. »Der Master wird mir neue Türen öffnen«, davon ist Stasch überzeugt.

Die Nachfrage nach berufsbegleitenden Studiengängen in Deutschland wächst. An der Fernuniversität Hagen sind momentan mehr als 73.000 Studenten eingeschrieben, fast 20.000 mehr als noch vor zwei Jahren. Rund 80 Prozent der Hagener Studenten sind berufstätig und absolvieren ihr Studium an den Abenden und Wochenenden. Auch die Statistiken der Büchner Hochschule unterstreichen diesen Trend. Erst 1997 gegründet, ist sie mit mittlerweile mehr als 5000 Studenten bereits die größte private Fernhochschule für Technik. Innerhalb der vergangenen vier Jahre hat sich die Studentenzahl verdoppelt.

Die Pressesprecherin der Fernuni Hagen, Susanne Bossemeier, sagt, dass die gestiegene Nachfrage nach berufsbegleitenden Studienangeboten auch mit der Stimmung im Land zu tun hat. »Viele sehen die Notwendigkeit, sich akademisch weiterzubilden, wollen aber gleichzeitig nicht ihren Job aufgeben. Sie sind sich nicht sicher, anschließend wieder etwas zu finden.« Zwar zieht die Konjunktur wieder an, und die Arbeitslosenzahlen sinken. Dennoch dürften viele Menschen weiter auf Nummer sicher gehen und die Doppelbelastung aus Job und Studium in Kauf nehmen, statt zu kündigen und sich einem – in der Regel deutlich schnelleren – Vollzeitstudium zu widmen. Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass viele nicht auf ihr regelmäßiges Gehalt verzichten und damit ihren Lebensstandard einschränken wollen.

Ein weiterer Grund für die Beliebtheit berufsbegleitender Studiengänge ist, glaubt man zumindest in Hagen, die Umstellung von Diplom- und Magisterabschlüssen auf Bachelor und Master. Im Sommersemester 2009 waren insgesamt rund 27.000 Bachelorstudenten eingeschrieben, aktuell sind es schon mehr als 42.000. Besonders nachgefragt: Psychologie und Wirtschaftswissenschaft. Beides eignet sich als gezielte Weiterbildung für Berufstätige, und für beide Studiengänge gibt es in Hagen keinen Numerus clausus. Die meisten Fernuni-Studenten absolvieren ihr Studium in einem Teilzeitmodell. Für einen Bachelor muss man da etwa neun Semester einplanen, deutlich weniger als bei den mittlerweile abgeschafften Diplom- oder Magisterstudiengängen.

Doch nicht nur auf der Seite der Arbeitnehmer ist ein zunehmendes Interesse an berufsbegleitender akademischer Weiterbildung zu erkennen. Umgekehrt ermutigen auch immer mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter zu einem berufsbegleitenden Studium. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die die Wilhelm Büchner Hochschule kürzlich auf der Fachmesse »Personal und Weiterbildung« durchgeführt hat. 59 Prozent der befragten Messebesucher hielten berufsbegleitende Studiengänge für wichtig oder äußerst wichtig im Kampf gegen den Fachkräftemangel im Land. »Die Unternehmen sind auf dem richtigen Weg, denn sie erkennen, dass es sich lohnt, in den eigenen Reihen nach verborgenen Potenzialen zu suchen«, sagt Thomas Kirchenkamp, Kanzler der Wilhelm Büchner Hochschule. Die deutsche Wirtschaft kann ihren Bedarf an Ingenieuren und IT-Fachkräften nicht mehr über den Arbeitsmarkt befriedigen, gleichzeitig haben jedoch viele bereits angestellte Mitarbeiter das Zeug, sich zu diesen begehrten Experten weiterzubilden. Thomas Stasch hat diese Chance erkannt. Nächstes Jahr wird er neben einem Diplom in Informatik auch einen Master in Wirtschaftsinformatik besitzen und, so hofft er, eine gefragte Fachkraft sein. Möglich war sein Weg überhaupt nur, weil er wegen seiner Ausbildung und Berufserfahrung an der Wilhelm Büchner Hochschule zugelassen wurde. Er hat nie Abitur gemacht. Zahlreiche Unis forcieren momentan ihre Bestrebungen, das Studium ohne Abitur zu ermöglichen oder zu erleichtern.

Die vergangenen Wochen waren hart für Thomas Stasch. Klausuren stehen an, Wirtschaftsrecht und Software-Engineering. Die drei Lerntage pro Woche, die er normalerweise einplant, reichen dann nicht aus. Seine Familie muss auch am Wochenende auf ihn verzichten. Er ist aber überzeugt davon, dass der Aufwand sich auszahlen wird. Nachdem er sein erstes Studium abgeschlossen hatte, wurde er befördert. Thomas Stasch denkt schon über den nächsten Schritt nach: eine Promotion.