Natürlich kennt Winfried Lochner all die dummen Sprüche. »VHS, das steht für viele halbe Sachen«, sagt der bärtige Mann mit der Halbglatze und grinst vergnügt. Er kennt die Sprüche, doch sie ärgern ihn nicht. Als Leiter der kleinsten Volkshochschule Deutschlands, im größten Landkreis der Republik, hat er anderes zu tun, als sich mit Eitelkeiten aufzuhalten. Lochner deutet auf die Landkarte in seinem Büro, die Uckermark in ihrer ganzen Weite, 3000 Quadratkilometer, eine Fläche, fast viermal so groß wie Berlin und größer als das Saarland, auf der sich 131.000 Menschen verteilen. Zur Zeit der Wiedervereinigung waren es 170.000, und in ein paar Jahren werden es nur noch 100.000 sein. »Wir verlieren die jungen Leute«, sagt Lochner. »Wenn wir als Region eine Chance haben wollen, dann müssen wir uns jetzt um die Bildung derjenigen Menschen aller Altersstufen kümmern, die wir noch haben.«

Das ist, umrissen in ein paar Zahlen und der nüchternen Sprache des gelernten Agrarpädagogen, die Aufgabe, die sich der Kreisvolkshochschule Uckermark mit ihren drei hauptamtlichen Mitarbeitern stellt. Es sieht nach einem kaum lösbaren Widerspruch aus: In einem Landkreis, in dem es keine Universität gibt, drei Gymnasien und eine immer geringere Zahl sonstiger Schulen, in einer Region, in der die Arbeitslosigkeit trotz Wirtschaftsboom immer noch bei 14 Prozent liegt und d ie Arbeitgeber dennoch über einen Fachkräftemangel klagen , ausgerechnet dort ruhen alle Bildungshoffnungen auf einer Einrichtung, die seit Generationen mit ihrem lauwarmen Image zu kämpfen hat. Einem Image, das im Wesentlichen darin besteht, dass man nicht so genau weiß, wozu die VHS eigentlich da ist – außer zur Beschäftigungstherapie für gelangweilte Hausfrauen, esoterikversessene Rentner und vielleicht noch ein paar Singles auf Partnersuche.

Gleichzeitig mahnen internationale Bildungsexperten in regelmäßigen Abständen, die Deutschen seien immer noch Muffel in Sachen Weiterbildung , lebenslanges Lernen sei in weiten Teilen des Bildungssystems nicht mehr als ein frommer Wunsch und Stoff für Sonntagsreden. Dabei ist die Wirklichkeit längst eine andere: Mit den Volkshochschulen gibt es neben den Grundschulen eine Bildungsinstitution, die für alle Menschen da ist, unabhängig von Bildungsabschluss oder Alter. Vielleicht also müssen die Experten nur mal am richtigen Ort nachschauen. In Prenzlau zum Beispiel.

Oder in München, am anderen Ende der Republik. Dort liegt die Arbeitslosigkeit bei fünf Prozent, es gibt vier Universitäten, mehrere Hochschulen und Dutzende von Gymnasien. Doch auch in dieser Region hat die Volkshochschule ein Imageproblem. Susanne Mayer sitzt im Kulturzentrum Gasteig und nimmt sich etwas Zeit, um sich zu ärgern. Da stand tatsächlich wieder in der Zeitung, die Haushaltsdebatte im Bayerischen Landtag habe leider »nur Volkshochschulniveau« gehabt. Eine stadtweite Imagekampagne haben sie gemacht, eine professionelle Pressearbeit aufgebaut, ihr Kursprogramm einem strengen Qualitäts-TÜV unterworfen, und dann so was. »In Wirklichkeit könnten viele Politiker froh sein, in ihren Reden Volkshochschulniveau zu erreichen.« Mayer ist Chefin der größten deutschen Volkshochschule, sie hat 300 Mitarbeiter, ihr Budget ist etwa hundertmal so groß wie das von Winfried Lochner.