Volkshochschulen Wissen sammeln um die Ecke

Die 940 Volkshochschulen in Deutschland haben ein Imageproblem. Dabei bieten sie längst das, was alle Experten fordern: Lernen, das nie aufhört.

Natürlich kennt Winfried Lochner all die dummen Sprüche. »VHS, das steht für viele halbe Sachen«, sagt der bärtige Mann mit der Halbglatze und grinst vergnügt. Er kennt die Sprüche, doch sie ärgern ihn nicht. Als Leiter der kleinsten Volkshochschule Deutschlands, im größten Landkreis der Republik, hat er anderes zu tun, als sich mit Eitelkeiten aufzuhalten. Lochner deutet auf die Landkarte in seinem Büro, die Uckermark in ihrer ganzen Weite, 3000 Quadratkilometer, eine Fläche, fast viermal so groß wie Berlin und größer als das Saarland, auf der sich 131.000 Menschen verteilen. Zur Zeit der Wiedervereinigung waren es 170.000, und in ein paar Jahren werden es nur noch 100.000 sein. »Wir verlieren die jungen Leute«, sagt Lochner. »Wenn wir als Region eine Chance haben wollen, dann müssen wir uns jetzt um die Bildung derjenigen Menschen aller Altersstufen kümmern, die wir noch haben.«

Das ist, umrissen in ein paar Zahlen und der nüchternen Sprache des gelernten Agrarpädagogen, die Aufgabe, die sich der Kreisvolkshochschule Uckermark mit ihren drei hauptamtlichen Mitarbeitern stellt. Es sieht nach einem kaum lösbaren Widerspruch aus: In einem Landkreis, in dem es keine Universität gibt, drei Gymnasien und eine immer geringere Zahl sonstiger Schulen, in einer Region, in der die Arbeitslosigkeit trotz Wirtschaftsboom immer noch bei 14 Prozent liegt und d ie Arbeitgeber dennoch über einen Fachkräftemangel klagen , ausgerechnet dort ruhen alle Bildungshoffnungen auf einer Einrichtung, die seit Generationen mit ihrem lauwarmen Image zu kämpfen hat. Einem Image, das im Wesentlichen darin besteht, dass man nicht so genau weiß, wozu die VHS eigentlich da ist – außer zur Beschäftigungstherapie für gelangweilte Hausfrauen, esoterikversessene Rentner und vielleicht noch ein paar Singles auf Partnersuche.

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Gleichzeitig mahnen internationale Bildungsexperten in regelmäßigen Abständen, die Deutschen seien immer noch Muffel in Sachen Weiterbildung , lebenslanges Lernen sei in weiten Teilen des Bildungssystems nicht mehr als ein frommer Wunsch und Stoff für Sonntagsreden. Dabei ist die Wirklichkeit längst eine andere: Mit den Volkshochschulen gibt es neben den Grundschulen eine Bildungsinstitution, die für alle Menschen da ist, unabhängig von Bildungsabschluss oder Alter. Vielleicht also müssen die Experten nur mal am richtigen Ort nachschauen. In Prenzlau zum Beispiel.

Oder in München, am anderen Ende der Republik. Dort liegt die Arbeitslosigkeit bei fünf Prozent, es gibt vier Universitäten, mehrere Hochschulen und Dutzende von Gymnasien. Doch auch in dieser Region hat die Volkshochschule ein Imageproblem. Susanne Mayer sitzt im Kulturzentrum Gasteig und nimmt sich etwas Zeit, um sich zu ärgern. Da stand tatsächlich wieder in der Zeitung, die Haushaltsdebatte im Bayerischen Landtag habe leider »nur Volkshochschulniveau« gehabt. Eine stadtweite Imagekampagne haben sie gemacht, eine professionelle Pressearbeit aufgebaut, ihr Kursprogramm einem strengen Qualitäts-TÜV unterworfen, und dann so was. »In Wirklichkeit könnten viele Politiker froh sein, in ihren Reden Volkshochschulniveau zu erreichen.« Mayer ist Chefin der größten deutschen Volkshochschule, sie hat 300 Mitarbeiter, ihr Budget ist etwa hundertmal so groß wie das von Winfried Lochner.

Leser-Kommentare
  1. ihr Bedeutung wird vielfach nicht wahrgenommen.

    Jetzt noch bitte einen Beitrag über den Zweiten Bildungsweg (Abendrealschule, Abendgymnasien, Kollegs)
    In den 70 und 80er Jahren waren VHS und 2. Bildungsweg wichtige Fortbildungseinrichtungen.

  2. 'Die 200.000 Dozenten arbeiten fast ausschließlich nebenberuflich, für ein Honorar, das oft kaum mehr als eine Aufwandsentschädigung ist.' Bei meinem einmaligen Ausflug in eine Dozentenschaft an der VHS wäre ich mit einem Honorar von 17,20€ pro Dreiviertelstunde zufrieden gewesen, meines lag für eineinhalb Stunden plus Vor- und Nacharbeiten plus aus der Werkstatt mitgebrachter Werkzeuge bei etwa insgesamt 14€. Ja, ich war jung und brauchte das Geld.

    Die lausige Bezahlung nimmt erheblichen Einfluß auf das Niveau der Kurse. Es ist in weiten Teilen unterirdisch. Es wird leider in der VHS nicht unbedingt darauf geachtet, ob der Dozent auch nur den Hauch einer Ahnung von dem hat, was er zu vermitteln versucht - in meiner Branche versuchen sich meist ehemalige Kurs-Absolventen als Dozenten. Für meinen alten Handwerks-Beruf - als VHS-Kurs eine Weile sehr in Mode - hat das dazu geführt, daß sich die völlige Fehleinschätzung der erworbenen Fähigkeiten der Kurs-Absolventen sie dazu bringt, Profis als 'Kollegen' zu adressieren und die Arbeit der gesamten Branche gering zu schätzen und zu bezahlen.

    Das hat mit Volksbildung nicht das Geringste zu tun, sondern mit Beschädigung eines anspruchsvollen Berufs. Dabei auch überhaupt gar nichts gegen Dilettantismus - mein Beruf ist eins der schönsten Hobbys der Welt, wenn man ihn von all seinen professionellen Vorraussetzungen und Härten befreit, es muß Laien aber vermittelt werden, daß sie nach 6 Wochen VHS-Kurs genau das bleiben - Laien.

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    ...neugierig, welches Hobby der schönste Beruf der Welt ist? Ach nein, andersrum: welcher Beruf das schönste Hobby ist ;)

    Ich hab an der VHS das Tippen mit 10 Fingern gelernt und profitiere bei jedem meiner Beiträge hier davon *g* Meine Tochter besucht ebenfalls eifrig Kurse, leider sind die Angebote hier nicht so breit wie in München, da kann man glatt neidisch werden...

    • TDU
    • 27.11.2010 um 15:11 Uhr

    Na so was. Ist es schlimm, ein Laie zu sein?. Wo wird man denn zum Profi ausgebildet. Und wo sind die Profis eigentlich? Höre ich manchen Politikern, Verbandspräsidenten oder auch Studenten zu, bekomme ich zunehmend das Gefühl, dass der Laienstatus die besten Voraussetzung für eine öffentliche Karriere ist.

    Und wenn man deutsche Diplomatie beobachtet, fragt man sich, wer eigentlich ausser Sprache noch über Hintergrund verfügt. Sprache kann man auf der VHS lernen, Hintergrund gibts auf der Uni. Aber die Teilnahme scheint wohl freiwillig. Vielleicht fürchten die Unis ja auch die Konkurrenz der VHS. Bei den Kursen spielt keiner auf den mitgebrachten Lap Tops oder schwätzt laut wie in vielen Vorlesungen. Die Teilnehmer wissen halt wie kostbar die Zeit ist, ausseralb der Berufstätigkeit.

    • TDU
    • 27.11.2010 um 15:15 Uhr

    Warum immer die Angeleheiten nach ihren Auswüchsen beurteilen. Gemessen an den Absolventen dürftend eijenigen, die sich danach als Fachleute fühlen doch gering sein oder nicht?

    ...neugierig, welches Hobby der schönste Beruf der Welt ist? Ach nein, andersrum: welcher Beruf das schönste Hobby ist ;)

    Ich hab an der VHS das Tippen mit 10 Fingern gelernt und profitiere bei jedem meiner Beiträge hier davon *g* Meine Tochter besucht ebenfalls eifrig Kurse, leider sind die Angebote hier nicht so breit wie in München, da kann man glatt neidisch werden...

    • TDU
    • 27.11.2010 um 15:11 Uhr

    Na so was. Ist es schlimm, ein Laie zu sein?. Wo wird man denn zum Profi ausgebildet. Und wo sind die Profis eigentlich? Höre ich manchen Politikern, Verbandspräsidenten oder auch Studenten zu, bekomme ich zunehmend das Gefühl, dass der Laienstatus die besten Voraussetzung für eine öffentliche Karriere ist.

    Und wenn man deutsche Diplomatie beobachtet, fragt man sich, wer eigentlich ausser Sprache noch über Hintergrund verfügt. Sprache kann man auf der VHS lernen, Hintergrund gibts auf der Uni. Aber die Teilnahme scheint wohl freiwillig. Vielleicht fürchten die Unis ja auch die Konkurrenz der VHS. Bei den Kursen spielt keiner auf den mitgebrachten Lap Tops oder schwätzt laut wie in vielen Vorlesungen. Die Teilnehmer wissen halt wie kostbar die Zeit ist, ausseralb der Berufstätigkeit.

    • TDU
    • 27.11.2010 um 15:15 Uhr

    Warum immer die Angeleheiten nach ihren Auswüchsen beurteilen. Gemessen an den Absolventen dürftend eijenigen, die sich danach als Fachleute fühlen doch gering sein oder nicht?

  3. ...neugierig, welches Hobby der schönste Beruf der Welt ist? Ach nein, andersrum: welcher Beruf das schönste Hobby ist ;)

    Ich hab an der VHS das Tippen mit 10 Fingern gelernt und profitiere bei jedem meiner Beiträge hier davon *g* Meine Tochter besucht ebenfalls eifrig Kurse, leider sind die Angebote hier nicht so breit wie in München, da kann man glatt neidisch werden...

    Antwort auf "Auaweia"
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    Tip - eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Als Beruf von mir sehr geliebt, er ist aber definitiv nicht mein Hobby.
    Der Umgang der VHS mit meinem Beruf wäre damit vergleichbar, wenn Ihnen beim Absolvieren Ihres Schreibmaschinenkurses vermittelt worden wäre, Sie würden zum Chefsekretär, Roman- und Sachbuchautor in einer Person ausgebildet. ...;-)...

    Tip - eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Als Beruf von mir sehr geliebt, er ist aber definitiv nicht mein Hobby.
    Der Umgang der VHS mit meinem Beruf wäre damit vergleichbar, wenn Ihnen beim Absolvieren Ihres Schreibmaschinenkurses vermittelt worden wäre, Sie würden zum Chefsekretär, Roman- und Sachbuchautor in einer Person ausgebildet. ...;-)...

  4. Tip - eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Als Beruf von mir sehr geliebt, er ist aber definitiv nicht mein Hobby.
    Der Umgang der VHS mit meinem Beruf wäre damit vergleichbar, wenn Ihnen beim Absolvieren Ihres Schreibmaschinenkurses vermittelt worden wäre, Sie würden zum Chefsekretär, Roman- und Sachbuchautor in einer Person ausgebildet. ...;-)...

    Antwort auf "Jetzt bin ich aber..."
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    Das klingt jetzt aber schlüpfrig. Wenn das älteste Gewerbe da in der VHS nur von Laien betrieben wird, ist das aber auch echt ärgerlich...für die Branche.

    Ich wusste gar nicht, dass es dort so heiß hergeht.

    Das klingt jetzt aber schlüpfrig. Wenn das älteste Gewerbe da in der VHS nur von Laien betrieben wird, ist das aber auch echt ärgerlich...für die Branche.

    Ich wusste gar nicht, dass es dort so heiß hergeht.

  5. Das klingt jetzt aber schlüpfrig. Wenn das älteste Gewerbe da in der VHS nur von Laien betrieben wird, ist das aber auch echt ärgerlich...für die Branche.

    Ich wusste gar nicht, dass es dort so heiß hergeht.

    Antwort auf "...;-)..."
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    zwischen 'Kulturtechnik' und 'Gewerbe' begriffen wurde, wird die VHS wohl auch nicht mehr allzu viel ausrichten können ...;-)...

    zwischen 'Kulturtechnik' und 'Gewerbe' begriffen wurde, wird die VHS wohl auch nicht mehr allzu viel ausrichten können ...;-)...

  6. zwischen 'Kulturtechnik' und 'Gewerbe' begriffen wurde, wird die VHS wohl auch nicht mehr allzu viel ausrichten können ...;-)...

    • Varech
    • 27.11.2010 um 12:39 Uhr

    ...zu sein, kann ich nachfühlen. Aber doch nicht verbittert!

    Die alte Kulturtechnik, - darf ich mitraten?

    Töpferei?

    (An anderer Stelle haben Sie so schön geschrieben: "Das disignglatte Weiss des glasierten Porzellans...")

    Man muss doch übrigens auch bedenken, was die Leute wohl täten, wenn sie nicht in die VHS gingen.

    • TDU
    • 27.11.2010 um 14:58 Uhr

    Eine segensreiche Institution der rheinischen Kapitalismus, die man vermutlich, erst recht durch "Profitdenken für billige Bildungherstellung" auch noch ruiniert.

    Wer einen Kurs belegt und engagiert teilnimmt, lernt eine Menge und kann Körper und Geist auf Stand halten oder weiter entwicklen. Eigene Erfahrung aus den Kursen. Muss da unbedingt wieder Staat oder Arbeitgeber zählbar profitieren?. Wegen dieser Erwägungen gibt es solche Einrichtungen in anderen Ländern erst gar nicht. Soll auch hier wieder das Individuum zugunsten staatlicher Misswirtschaft aussen vor gelassen werden?

    Dabei hat der Arbeitgeber auch beim Geringverdiener was davon, wenn dieser seine Wehwehchen durch Gymnastik, Yoga- oder Pilates Kurse kuriert.

    Und bitte keine Alibi Argumente. Mit diesem hat man in allerster Linie die kleinen Freiheiten des Individuums ausser Kraft gesetzt und ineffeziente Bürokratie geschaffen.

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