Man muss ein bisschen Mut aufbringen, um den einzigen Angelshop von Berlin-Mitte zu betreten. Mitten in einem Stadtteil voller Mode-Chichi und coffee to go gibt es ein Geschäft namens Fischerman’s Friend. In dem engen Laden drücken sich an einem Samstag im September nur Männer herum, sie kreisen verstohlen um die Regale, in denen merkwürdige Objekte aus Blech, Plastik und leuchtendem Gummi liegen. Es herrscht peinliche Stille, wie in einem Sexshop. Will man hier dazugehören?

Ein Freund, der selbst angelt, hat mich gewarnt: Angeln sei in den Augen der meisten Menschen ein zweifelhaftes Hobby. Sie glauben, ihm gingen nur Männer nach, die unfähig sind zur Kommunikation – soziale Außenseiter, die ihre Defizite nicht mal zu beschönigen wissen, indem sie das Fischen zum heroischen Akt stilisieren, wie das Hemingway gelang. Weshalb man, wenn man in Deutschland an Angler denkt, nur ältere Männer auf Klapphockern vor sich sieht, die aufs Wasser starren, ein Bier in der Hand. Frauen, so mein Freund, finden Angeln so erotikmindernd wie Mundgeruch.

Zuletzt habe ich vor 25 Jahren geangelt. Mein Vater, selbst Sportfischer, hatte mich dazu überredet, die Prüfung abzulegen. Ich hatte an unserem Forellenteich bereits gesehen, wie es ist, wenn sich ein Fisch am Haken wehrt. Ich weiß noch, dass die Prüfung schwierig war und ich einen Spickzettel mit den Schonzeiten bereithielt; das sind die Zeiträume, in denen man Fische nicht fangen darf, weil sie dann laichen. Angeln, das war gemeinsames Schweigen an rauschenden bayerischen Flüssen. Das war Aufregung beim Anblick prachtvoller Exemplare, auf die der Tod wartete, Entsetzen und eine eigenartige Lust, das Erwachen des Jagdinstinkts. Angeln, das war auch eine Lektion für das Leben als Mann: dass man sich Ziele setzt und sie verfolgt, nötigenfalls stumm und im strömenden Regen – und dass man weiblichen Tadel beim Nachhausekommen am besten ignoriert, »Wie seht ihr denn wieder aus?«.

Später, allein, fand ich Angeln öde. Vielleicht muss man älter sein, um jene Sehnsucht nach innerer Ruhe zu spüren, die Leute in Wellnessoasen treibt, wo man sie doch genauso gut am Flussufer stillen kann: allein mit Wind, Wetter und Fisch.

Es hilft, wenn man das Wassergetier gern isst. Wenn man verstanden hat, dass die Fische, die in der Auslage der Geschäfte nebeneinander auf Eis liegen, nicht aus derselben dunklen Unterwelt stammen, dass Wasser nicht gleich Wasser ist: Zander, Forelle, Saibling sind einheimische Tiere und meist frisch gefangen, während Wolfsbarsch und Dorade aus dem Mittelmeer anreisen. Die hiesigen Arten sind außerdem häufig in freier Natur aufgewachsen, also nicht gezüchtet – sie haben noch den Geschmack von Wildnis. Da Angler schlichte Gemüter sind, lieben sie schlichte Rezepte, in denen dieses Aroma perfekt zur Geltung kommt: Kräuter rein, Alufolie rum, in den Ofen damit.

»Einen Zander oder ein paar Forellen!« bestellt unser Koch, Johannes Emken, für das Fischgericht des Menüs, das er für uns anrichtet. Das wäre kein Problem – ich habe nur keine Lust, einen Zuchtteich voller ausgehungerter Forellen aufzusuchen. Weiß der Mann nicht, dass Angler lieber an Flüsse und Seen ziehen? Dass das eine Frage der Anglerehre ist, man benutzt ja auch kein Boot mit Netz, sondern meist nur eine einzige Angel (zwei werden gewöhnlich von den Vereinen erlaubt, die Angelkarten ausgeben). Eigentlich sind also alle Vorteile dieser Veranstaltung aufseiten des Fischs. Wie kriegt man nun trotzdem einen rum?

Da wäre ein freundschaftlicher Rat gut von Fischermans Friend. Bei dem Zeug in den Regalen dort handelt es sich ja um Köder, es müssen Hunderte sein, es gibt nicht mal so viele Fischarten in Deutschland. Angeln ist eine Geheimwissenschaft. Aber der Mann an der Kasse wirkt nicht geneigt, sie zu erklären. Hinter ihm hängt ein Fotokalender mit großen Fischen und nackten Frauen. Falsche Versprechungen.

»Blinker oder Spinner?«, brummt er.

»Was ist noch mal der Unterschied?«

Der Blick des Händlers sagt »Anfänger!«, während er mir ein paar Metalldinger rüberreicht. Blinker und Spinner? Sehen doch völlig gleich aus. Je ein Drillingshaken und eine Blechscheibe, die sich dreht, wenn man den Köder an der Schnur durchs Wasser zieht – manche Raubfische halten das dann für einen guten Happen (die meisten anderen Fische fängt man mit Würmern). Ich greife nach den Ködern. Noch ein Tipp? »Havel«, knurrt es über die Theke, »da gibts Hechte und Zander.« Ein Satz, der vielleicht der Grundstein einer neuen Freundschaft ist, wer weiß.

An meinem ersten Angeltag leuchtet der Himmel blau wie ein Gebirgssee, aus dem die Fische hüpfen. Aus dem Rucksack ragt die in zwei Teile zerlegte Angel, an der Schnur ein Blinker-oder-Spinner. Die Anleitung für den Clinchknoten gibt es im Internet. Der Angelshop hat gut an mir und dem Sack Köder verdient. Ich habe gleich ein paar mehr gekauft, weil so ein Ding schnell im Baum hängen bleibt, wenn man sich dumm anstellt, man muss sie dann abschneiden. Fürs waidgerechte Töten habe ich auch das Klappmesser mitgenommen: ein Schlag auf den Kopf mit dem Messerknauf zur Betäubung, ein Stich zwischen die Kiemen ins Herz. Bilde ich mir nur ein, dass ich das ohne Probleme durchstehe?

Sonntagnachmittag. Am bewaldeten Ufer der Havel bei Oranienburg sind alle Flecken besetzt, an denen man mit einer Angel ausschwingen kann. Niemand sieht auf, als ich vorbeigehe. Die Konkurrenz strahlt jenen Stoizismus aus, von dem man annimmt, dass er die Männer früher ins Grab bringt, weil er sie einsam macht und davon abhält, zum Arzt zu gehen. Aber vielleicht sind die alle auch gerade nur wahnsinnig konzentriert. Ich wage nicht, nach Tipps zu fragen, und klettere auf einen glitschigen Baumstamm, der im Wasser modert. Es werden abenteuerliche Stunden, weil ich ständig ausrutsche und beinahe im Wasser lande. Und wo sind, bitte, die Fische? Der See zeigt mir nur höhnisch seine spiegelnde schwarze Oberfläche, als wäre in ihm kein Leben. Die Enttäuschung sitzt tief wie ein Angelhaken.

Neuer Versuch am Wochenende darauf. Die Welt ist grau, es nieselt. Vernünftig wäre, sich in die Wanne zu legen, aber es zieht mich raus. Allein mit der Angel, dem Rucksack, dem Regen im Gesicht, während alle anderen beim Kaffee sitzen: hat was.

In Spandau fließt die Havel mitten durch die Stadt. Autohäuser, vierspurige Straßen, aber auch ein idyllisches, baumbestandenes Ufer. Hielte man sich die Ohren zu, fühlte man sich wie an einem Waldsee. Die Bäume haben aber die bekannten Nachteile, zwei meiner Drillingshaken hängen bis heute irgendwo im Geäst.