Wer im Golf von Sidra auf Fischfang geht, muss auf der Hut sein. Die libysche Küstenwache sucht dort nach Bootsflüchtlingen. Manchmal bringt sie auch italienische Trawler auf. Darum nahm Gaspare Marrone, Kapitän der Ariete, in der Nacht zum 13. September mit Volldampf Kurs in Richtung italienische Küste, als ihn ein libysches Schnellboot auf internationalen Gewässern zum Beidrehen aufforderte. Das nächste, was Marrone hörte, waren Salven aus einem Maschinengewehr. Er schaffte es unverletzt und mit durchlöcherter Bordwand bis zur nahe gelegenen Mittelmeerinsel Lampedusa.

Der Vorfall löste in Italien Proteste der Opposition aus. Denn bei dem Schnellboot handelt es sich um ein Geschenk der italienischen Regierung an Libyen zur Bekämpfung illegaler Migration. Und in jener Septembernacht befanden sich neben Angehörigen der libyschen Küstenwache auch italienische Polizisten an Bord – als »technische Berater«. Für den italienischen Innenminister Roberto Moroni kein Grund zur Aufregung. Libyen habe sich entschuldigt, die Patrouille habe den Trawler »wohl mit einem Migrantenschiff verwechselt«.

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Die Schüsse auf die Ariete stehen nicht auf der Tagesordnung, wenn sich an diesem Montag die Staats- und Regierungschefs Europas und Afrikas in der libyschen Hauptstadt Tripolis zum dritten Gipfel zwischen Europäischer und Afrikanischer Union treffen. Und es ist der ganz große Auftritt für den Gastgeber, einen Mann, der ohnehin nicht zu kleinen Gesten neigt: Revolutionsführer Muammar al-Gadhafi, seit 1969 an der Macht, ehemals Erzfeind der USA, in den achtziger Jahren mutmaßlicher Drahtzieher eines Bombenanschlags auf eine Berliner Diskothek, auf ein amerikanisches und ein französisches Passagierflugzeug, Zielscheibe eines ebenso terroristischen Luftangriffs der USA, Förderer zahlreicher Rebellen- und Terrorgruppen. Heute ist Gadhafi Mitstreiter des Westens im Kampf gegen al-Qaida und Verhandlungspartner der Europäischen Union, die um seine Gunst so hartnäckig buhlt wie bei keinem anderen afrikanischen Staatsoberhaupt. Denn die EU wünscht sich Libyen in der neuen Rolle eines verlässlichen Wirtschaftspartners und Türstehers Europas, der Flüchtlinge und illegale Migranten abhält .

Die Geschichte der Annäherung Europas an einen der dienstältesten Diktatoren erzählt viel über die politische Überlebenskunst des Muammar al-Gadhafi. Sie erzählt auch viel von Europas wachsender Schwierigkeit, strategische Interessen wie die Steuerung von Migration mit dem viel beschworenen Kern seiner Identität und seiner Außenpolitik zu vereinbaren: dem Bekenntnis zu Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Berlusconis Libyen-Politik lautet: »Mehr Gas, weniger illegale Einwanderung«

Das Tauwetter zwischen Libyen und dem Westen beginnt unmittelbar nach den Terroranschlägen al-Qaidas vom 11. September 2001. Gadhafi, zu diesem Zeitpunkt noch Ziel amerikanischer und europäischer Sanktionen, verdammt die Attentäter als »gottlose Verfechter eines politischen Islams«. Das tut er nicht nur aus taktischen Gründen. Religiöser Fundamentalismus ist ihm ein Gräuel, und er sieht ihn als Bedrohung seiner eigenen Macht. Im »Krieg gegen den Terror« steht Gadhafi nun plötzlich auf der Seite des Westens. Als er zwei Jahre später sämtliche Programme zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen stoppt und über zwei Milliarden Dollar Schadensersatz für die Hinterbliebenen der Opfer des Lockerbie-Flugzeugattentats hinterlegt, werden die Sanktionen aufgehoben. Libyen bewegt sich aus seiner jahrzehntelangen Isolation heraus. Der Mobilfunkmarkt und Internetcafés boomen, die veralteten Ölförderanlagen werden erneuert. Benzin bleibt spottbillig, der Besitz eines Autos galt schon vorher als Grundrecht, jetzt kommt die Satellitenschüssel als neues Statussymbol hinzu. Die Jugend genießt nun libanesische Seifenopern, statt ödes Staatsfernsehen zu schauen. Zumindest wirtschaftlich hat sich Libyen dramatisch verändert. Die Frage ist: Hat sich auch Muammar al-Gadhafi verändert?

Ja, fand vor drei Jahren die damalige EU-Kommissarin für Außenbeziehungen und Nachbarschaftspolitik, Benita Ferrero-Waldner, und unterzeichnete im Juli 2007 mit der libyschen Regierung ein Memorandum of Understanding, eine Absichtserklärung für ein sogenanntes Rahmenabkommen, in dem die neue Zusammenarbeit zwischen Europa und Libyen auf eine juristisch verbindliche Grundlage gestellt werden soll. So werde, erklärte Ferrero-Waldner, »die Beziehung zwischen der EU und Libyen gestärkt«. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Oberste Gerichtshof Libyens gerade die Todesurteile gegen fünf bulgarische Krankenschwestern und einen palästinensischen Arzt bestätigt, die »gestanden« hatten, mehrere Hundert Kinder in einem Krankenhaus vorsätzlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Nach Intervention von Ferrero-Waldner und Frankreichs damaliger First Lady Cécilia Sarkozy wurden der Arzt und die Krankenschwestern freigelassen. Bulgarien erließ Libyen Auslandschulden in Höhe von über 50 Millionen Dollar, Cécilias Gatte Nicolas Sarkozy unterzeichnete am Tag nach der Freilassung mit Gadhafi eine »Vereinbarung über atomtechnische und militärische Zusammenarbeit«. Und EU-Kommissarin Ferrero-Waldner lobte die Politik Libyens, »seine Position in der internationalen Gemeinschaft zu festigen«.

Es ist eine alte Klage, dass die Vision einer gemeinsamen wertegeleiteten EU-Außenpolitik immer wieder durch nationale Alleingänge ihrer mächtigsten Mitgliedsländer untergraben wird. Im Fall Libyen stellt sich allerdings die Frage, ob eine solche gemeinsam formulierte Politik sehr viel anders ausgefallen wäre oder ob die Mehrheit der Mitgliedsländer nicht ganz willig dem Kurs folgt, den einzelne Nationen vorgeben. Was die Umwerbung Libyens betreffe, so heißt es bei der ständigen Vertretung Deutschlands bei der EU, »so waren wir nicht die Hauptantreiber«. Es seien Frankreich, Spanien, Malta und Zypern gewesen. Deutschland habe den Prozess lediglich am Rande begleitet. »Aber das, was die EU macht, können wir so mittragen.«